Vor 10 Jahren – eine Vision wurde Realität

Unser Verein wurde vor 25 Jahren unter dem Namen „Stiftung Ost-West-Begegnungsstätte Schloss Biesdorf“ mit dem Ziel gegründet, das nach einem Brand 1945 nur notdürftig für die Nutzung hergerichtete Schloss Biesdorf wieder aufzubauen. Es ist nun also zehn Jahre her, dass das Ziel der Vereinsgründung erreicht wurde. Wir haben deshalb 2018 unsere Satzung diesem erfreulichen Umstand angepasst, nennen uns „Freunde Schloss Biesdorf“ und sehen unsere Aufgabe darin, das Bezirksamt als Eigentümer des nunmehr als Galerie genutzten Schlosses dabei zu unterstützen, das in seiner historischen Gestalt wiederhergestellte Denkmalensemble als geschichtsträchtige und identifikationsstiftende Stätte der Kultur und der Begegnung erlebbar zu machen. Gemeinsam mit dem Bezirksamt Marzahn-Hellersdorf erinnerten wir am 18. September 2026 an die Eröffnung vom 9. September 2016 und warfen auch einen Blick nach vorn.

Klaus Freier, stellvertretender Vorsitzender unseres Vereins, eröffnete die Feier. Zehn Jahre seien vergangen, seit das Schloss nach seiner denkmalgerechten Sanierung erneut zu einem lebendigen Mittelpunkt des kulturellen Lebens geworden ist. „Dass wir heute hier beisammen sein können, verdanken wir dem Mut, der Beharrlichkeit und der Überzeugung vieler Menschen. Die denkmalgerechte Wiederherstellung war keine Selbstverständlichkeit.“ Sie verlangte, so der Redner, die feste Überzeugung, dass historisches Erbe nicht Ballast, sondern Verpflichtung und Chance zugleich ist. Seit seiner Wiedereröffnung habe sich Schloss Biesdorf zu einem offenen Haus der Kunst und Kultur entwickelt. Es versteht sich nicht als Museum einer vergangenen Zeit, sondern als lebendiger Ort kultureller und gesellschaftlicher Teilhabe.

Bezirksbürgermeisterin Nadja Zivkovic beschränkte sich auf ein kurzes, aber
herzliches Grußwort. Heute sei das Schlossensemble ein gefragter Ort für Kunst und Kultur, Geschichte und Begegnung. Gemeinsam mit der gepflegten Parkanlage biete es Ruhe, Erholung und Inspiration – längst nicht mehr nur für die direkte Nachbarschaft, sondern für Besucherinnen und Besucher aus ganz Berlin und darüber hinaus. Sie wünschte dem Haus und unserem Verein eine
glückliche Zukunft. Stadtrat Stefan Bley verfolgte die Feier aufmerksam.

Petra Pau, die langjährige Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, die dort viele Jahre unseren Bezirk vertrat, wählte einen persönlichen Einstieg. „In den 1970er Jahren war ich ein Lichtenberger Kind. Eine Göre vom Nöldnerplatz, könnte man sagen. Und in den Sommerferien kam ich zu den Ferienspielen nach Biesdorf.“ Erst viele Jahre später habe sie verstanden, welche Geschichte hinter
diesem Ort steckt. Und noch später wurde Schloss Biesdorf für sie zu einem
politischen Ort. Als Kommunal- und Landespolitikerin habe sie die
Auseinandersetzungen um das Schloss erlebt. „Und spätestens seit 2002, als ich
für Marzahn-Hellersdorf direkt in den Deutschen Bundestag gewählt wurde, war
das Schloss auch ein Ort meiner eigenen politischen Arbeit.“

Petra Pau bei ihrem lebendigen Vortrag

Was Schloss Biesdorf über viele Jahre gerettet habe, war nicht nur Geld, nicht
nur Planung und nicht nur Baukunst. Es war Nutzung. Es waren Menschen.
Bürgerschaftliches Engagement klinge in politischen Reden meist sehr abstrakt.
In Biesdorf könne man sehen, wie konkret es ist. Wer hierherkommt, so Petra
Pau, muss mitunter sein Bild von Marzahn-Hellersdorf korrigieren. Auch das
könne ein Beitrag zur Demokratie sein. Und sie schloss: „Ich wusste nur: Hier
kann man im Sommer spielen. Viele Jahre später weiß ich: Orte begleiten uns
manchmal länger, als wir selbst wissen. Für mich ist Schloss Biesdorf heute ein
solcher Ort. Ein Ort meiner Kindheit. Ein Ort meiner politischen Arbeit. Und vor
allem ein Ort, an dem ich erlebt habe, dass Beharrlichkeit etwas verändern
kann.“

Frank Holzmann, langjähriger Geschäftsführer des BALL e.V., nahm den Ball
von Petra Pau auf und erzählte von den Menschen, die Schloss Biesdorf am
Leben gehalten hatten. „Wir würdigen heute auch den ‚bürgerschaftlichen
Spirit‘, welcher das Schloss Biesdorf auf seinem langen, aber stetigen Weg der
Wiederherstellung begleitete“, eröffnete er seinen Beitrag. Und widersprach
dem westdeutschen Vorurteil, dass im Ostteil Berlins die Engagement-Quote
niedriger und die zivilgesellschaftlichen Organisationen schwächer entwickelt
wären. „Es ist bis heute unbestritten: Ohne das bürgerschaftliche Engagement
der hier vor Ort lebenden Bürger/innen hätte es den Wiederaufbau von Schloss
Biesdorf nicht gegeben!“

Frank Holzmann, dessen wichtigstes Projekt bei BALL e.V. das Sozial-kulturelle
Stadtteilzentrum Biesdorf im Schloss von 1994 bis 2013 war, erinnerte daran, dass in der sozialen Arbeit gering formalisierte Formen bürgerschaftlichen Engagements zunehmend an Bedeutung gewannen und die Erfolge in selbstorganisierten Initiativen und Gruppen sowie in gering formalisierten Nachbarschaften und Projekten wuchsen. Den Projektverantwortlichen vor Ort gelang es dabei sehr gut, die Teilnehmenden in einer Art und Weise zu motivieren, dass sie weit mehr machten, als nur ihre Arbeit. In Geschichtswerkstätten, Spurensuchen und Archivrecherchen beschäftigte man sich mit dem Denkmalensemble. Es wurden Veranstaltungskonzepte für die gesamte Familie entwickelt und diese generationsübergreifende Arbeit erwies sich bis zum letzten Tag im Schloss als Garant für eine konstante Besuchernachfrage. Das Schloss Biesdorf etablierte sich in dieser Zeit als Kulturort am Rande Berlins.

Puppentheater im alten Schloss

Frank Holzmann erinnerte daran, dass das Haus viereinhalb Jahre lang (2002 –
2007) bei laufendem Betrieb restauriert wurde. Staub, Lärm und ständige
Einschränkungen gehörten zum Alltag. Und dennoch waren die Teilnehmenden
der Beschäftigungsprojekte immer da. Sie öffneten die Türen, begrüßten die
Besucher und füllten das Schloss mit Leben. Sie glaubten an die Vision, dass
dieses besondere Haus eines Tages wieder in neuem Glanz erstrahlen würde.

Als der BALL e.V. am 8. September 2013 Platz machte für den Start des
Wiederaufbaus des Hauses, hatte der Verein an 7.086 Tagen vor Ort konkrete
Stadtteil- und Gemeinwesenarbeit erbracht. In Erinnerung bleiben 281
klassische Konzerte, 116 historische Vorträge, 155 literarische Lesungen, in 167
Veranstaltungen präsentierten Bürger ihr Hobby, 175 Mal Puppentheater für
unsere Kleinsten, 153 Ausstellungen. Insgesamt nutzten 621.387 Bürger die
Möglichkeiten des Hauses in Zirkeln und Kursen, ließen sich beraten oder
brachten sich und ihre Ideen in die Stadtteilarbeit ein.

Heinrich Niemann, Vorstandsvorsitzender unseres Vereins über 16 Jahre,
sprach wie gewohnt ausführlich und präzise über das große Projekt einer
„Vision von Schloss Biesdorf“. Von seiner bildgestützten Präsentation können
hier nur einige Details erinnert werden. Ganz am Anfang steht seine Vision vom Anfang des Jahres 2009: Im Schloss werden in einer „einer Galerie die Kunstwerke aus dem Kunstarchiv Beeskow an einem attraktiven Standort und mit modernen Mitteln der Kommunikation einer breiten Öffentlichkeit dauerhaft zugänglich gemacht. Damit erhält Berlin… eine neue innovativ und touristisch attraktive Stätte für Kunst und Kultur. Hier werden natürlich auch Werke von Otto Nagel… Platz finden und natürlich die Bau- und Nutzungsgeschichten insbesondere der Industriellenfamilie Siemens gewürdigt werden“. Dem schloss sich eine Chronik des Wiederaufbaus an, die wir hier wiedergeben.

Die Sanierung der Außenhaut in den Jahren 2002 bis 2007 durch unseren Verein
bildete das „Gesellenstück“ vor dem endgültigen Wiederaufbau – so die Sprachregelung durch unseren Ehrenvorsitzenden Dr. Günter Peters. Weitere wichtige Schritte auf diesem Weg waren das Projekt Putzforschung, das
Architektengutachterverfahren 2004/05 und der Zuwendungsantrag an die
Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin, dem am 28.12.2006 mit 3,5 Millionen
Euro entsprochen wurde.

Heinrich Niemann holte viele kleine Details in die Gegenwart zurück. Er
erinnerte an die positive Rolle des ehemaligen Kulturstaatssekretärs André
Schmitz, an die Richtungsentscheidung für eine „Galerie Bilderstreit“ oder die
Auswahl des EFRE-Programms zur Finanzierung des Wiederaufbaus. Er vergaß nicht die Ausstellung mit Bildern Otto Nagels im nicht klimatisierten Schloss im
Jahre 2012 oder die drei Vorträge von Simone Tippach-Schneider zum Konzept
einer „Galerie Bilderstreit“. Im Jahr 2013 starteten die Bauarbeiten, Heinrich
Niemann legte mit seinem Rückblick die vielen kleinen Zwischenschritte offen,
die nötig waren, um Schloss Biesdorf aus einer Vision real werden zu lassen.

Zum Abschluss der Festveranstaltung sprach Karin Scheel, die Künstlerische
Leiterin Schloss Biesdorf
. Sie hatte ihre Ausführungen unter den
Titel – „Kommunale Galerie zwischen Kiez und Kunstszene“ gestellt. Ihre Arbeit
in Biesdorf begann erst zu Beginn des Jahres 2018. Davor hatte die Grün Berlin
GmbH nach sechzehnmonatiger Trägerschaft überraschend aufgegeben . Seit 2018 hätten nun weit über 800.000 Menschen das Schloss besucht und damit seine Beliebtheit weit über den Bezirk hinaus bewiesen. Jährlich werden 6 bis 8 Ausstellungen zeitgenössischer Kunst und des kulturellen Erbes mit dem Partner Museum Utopie und Alltag/Kunstarchiv Beeskow kuratiert. Dazu kommen thematische Gruppenausstellungen internationaler und nationaler Künstler:innen sowie Einzelausstellungen mit herausragenden künstlerischen Positionen. Insgesamt, so fasste Karin Scheel zusammen, finden jährlich ca. 160 Veranstaltungen im Kunstkontext statt: Artist Talks, Performances, Festivals, Symposien, Workshops, Veranstaltungen im Kontext überregionaler Netzwerke und andere. Dazu kommen etwa 40 Veranstaltungen mit regionalen Kooperationspartnern (Freunde Schloss Biesdorf e.V., Stadtteilzentrum Ball e.V., Volkssolidarität, Leibniz Sozietät, verschiedene Schulen u.a.), die Vorträge, Führungen, Konzerte und andere Angebote unterbreiten. Die Kunstvermittlung Labor M mache mehrmals wöchentlich verschiedene Angebote zu den jeweiligen Ausstellungen. So kann hochinteressierten sowie jungen Besucher:innen Kunst näher gebracht werden. Darüber hinaus macht Labor M Angebote am Vormittag für Schulklassen sowie Führungen und Workshops für Familien am Wochenende.

Die Vorträge wurden gerahmt mit historischen Zwischentexten, die die Schulleiterin des Otto-Nagel-Gymnasiums Dana Wolfram-Gagel sowie die Schülerinnen Helena Kessler und Josephin Aurich vorzüglich vortrugen.

Dann erinnerte Vorstandsvorsitzender Gernot Zellmer an die vielen
aktiven Menschen, die in den zurückliegenden Jahren sich für die
Entwicklung des Ensembles Schloss Biesdorf stark gemacht hatten. An einige von ihnen überreichte Gernot Zellmer eine akribische Vereinschronik als Buch oder auf einem USB-Stick digital. Die Freude und der Beifall waren groß. Einige geladene Gäste, die absagen mussten, wie Josef Batzhuber, ehemals leitender Mitarbeiter des Landesdenkmalamtes, fügten ihrer Entschuldigung eine Erinnerung bei: unter seiner Leitung konnte die Wiederherstellung der gärtnerischen Gesamtanlage im Jahre 2000 erfolgreich abgeschlossen werden. Am Ausgang erhielten alle Gäste einen USB-Stick mit unserer Vereinschronik.

Dank an den langjährigen Leiter des STZ Schloss Biesdorf – Peter Bielig…
…und die Architektin des wiederaufgebauten Schlosses Biesdorf – Frau Prof. Mara Pinardi

Am Ende einer gelungenen festlichen Veranstaltung lud Klaus Freier zu einem kleinen Bankett. Aber nicht wie üblich waren bald alle Gäste verschwunden, sondern standen lange zusammen, um Erinnerungen auszutauschen oder neue Pläne zu schmieden.

Bereits vor der Festveranstaltung hatten wir der Öffentlichkeit ein neues Buch vorgestellt, das zu diesem Anlass publiziert worden war. Wir werden diesen Band demnächst extra vorstellen.

AutorInnen des Buches „SCHLOSS BIESDORF SICHTUNGEN UND SICHTWEISEN AUF ARCHITEKTUR UND RAUM“

(Vorstand Freunde Schloss Biesdorf e.V.)

vom: 03.10.2026