Einladung zur Jahres-Mitgliederversammlung 2022


Führungen zum „Tag des offenen Denkmals“ und Ausblick auf kommende Vorträge


Im Gedenken an Dr. Günter Peters

Günter Peters gilt als „Erbauer Marzahns“ und hatte als Stadtbaudirektor von Ost-Berlin in den 1960er und 1970er Jahren an der komplexen Gestaltung der damaligen Hauptstadt der DDR mitgewirkt und an den Planungen für die neue Großsiedlung Marzahn federführend gearbeitet. Günter Peters war der Motor für die Sicherung und den historischen Wiederaufbau  des seit Jahrzehnten erheblich in Mitleidenschaft gefallenen Schlosses Biesdorf. Er setzte sich außerdem für die Rekonstruktion der Alten Dorfschule in Marzahn ein, die heute das Bezirksmuseum beherbergt.


Unsere Vorträge gemeinsam mit der Volkshochschule Marzahn-Hellersdorf im Herbstsemester 2022


Führungen zum Denkmalensemble Schloss und Park Biesdorf ab August 2022


Zur Erinnerung an den Bildhauer Michael Klein

Michael Klein bei der Enthüllung der Büste Dr. Günter Peters


Ergänzungen zu „Wir wohnten im Schloss Biesdorf“

Zum Vortrag mit Frau Hannelore Bündig am 16. Februar im Schloss Biesdorf waren 40 Menschen gekommen; vor allem alte Biesdorfer, die sich lebhaft erinnerten. Das war für die pandemiebedingten Besuchseinschränkungen nahezu sensationell und unterstrich das Bedürfnis vieler Menschen, sich des „normalen Lebens“ zu erinnern. Die erzählte Geschichte, anstatt der geschriebenen offiziellen, erlebte eine Sternstunde.

An Geschichten im Schlosspark gibt es eine Reihe von Erinnerungen. Eine Frau erzählte von den Ferienspielen. Im Park hätten ganz viele Zelte gestanden, bestimmt 30, in denen die einzelnen Gruppen untergebracht waren, bei schlechtem Wetter spielten und aßen. „Es war damals im Park viel heller als heute!“ Das kann sein, denn vor 50 Jahren waren die Bäume kleiner.

Eine andere Frau, die mit ihrer Familie in der Paradiessiedlung wohnte, war oft in der Kinderbibliothek im Schloss, wo sie viel las und Bücher entlieh. Ein ganz persönliches Moment ihrer Erinnerung: das Sofa der Familie Poerschke aus der Wohnung im Schloss zierte ihre erste Studentenwohnung.

Eine Reihe von Erinnerungen waren mit den „Russen“, den Soldaten und Offizieren der sowjetischen Armee, verbunden. Frau Bündig hatte über Bestattungen im Park berichtet, die sie als Kinder verfolgt hatten. Nach ihrer Erinnerung gab es Bestattungen nur von Offizieren am heutigen Albert-Brodersen-Weg. Bestattungen im Pleasure ground waren ihnen nicht erinnerlich. Das wird so gewesen sein, denn die Familie wohnte ja erst seit 1952 im Schloss. Die meisten Beerdigungen fanden aber in den Jahren nach Kriegsende statt. Wenn es Beerdigungen gab, so ein alter Biesdorfer, kamen sie aus ihrem Lager, das dort war, wo heute das Theater am Park steht, über den Anger und dann hoch zum Schloss. Die Paradiessiedlung war von der Roten Armee beschlagnahmt worden, das daneben befindliche Zwangsarbeiterlager zur Unterbringung der Mannschaften genutzt worden. Musik war bei den Bestattungen immer dabei.

Frau Bündig erzählte noch von zwei Frauen, die sie nach dem Krieg kennen gelernt hatte: Steffie Spira und Ella Pilzer. Beide waren 1947 aus der Emigration zurück nach Deutschland gekommen. Vertrieben hatte sie der rassistische Antisemitismus der Nazis. Als die Familie Poerschke in dem kleinen Zimmer in der Ketschendorfer Straße wohnte, kam die Schauspielerin öfter vorbei. Ihr gehörte wohl, so Frau Bündig, die Wohnung. Ella Pilzer hatte auf das Kind Hannelore wohl einen größeren Einfluss. Sie brachte Hannelore das gute Benehmen bei: wie man am Tisch ißt, sich die Haare bindet und die Kleider trägt. Frau Bündig ist ihr in der Erinnerung sehr dankbar dafür. Es habe sie geprägt.

Die Familie Poerschke bekam die Ehre, so Frau Bündig, kurz vor der Eröffnung des wiederaufgebauten Schlosses Biesdorf im Spätsommer 2016, das Haus exklusiv besuchen zu dürfen. Das habe die Familie sehr zu schätzen gewusst.

Damals fuhr der O-Bus 37 durch Biesdorf,
hier an der Haltestelle BWF Bürknersfelde. Unten der Fahrplan

„Wir wohnten im Schloss Biesdorf“

Vor einiger Zeit kam ich mit einer älteren Frau ins Gespräch, die während einer Veranstaltung im Biesdorfer Schloss aufgeregt ausrief: „Keiner redet darüber, dass hier einmal Familien gelebt haben.“

Durch zu viele schlecht recherchierte Medienberichte verbreitet sich bei Unwissenden in der letzten Zeit die Überzeugung, das Schloss wäre von 1945 bis zur Sanierung eine Ruine gewesen. Erst jetzt wäre alles schön, wie im Märchen…

Trotz eines miserablen Bauzustandes – das wissen wir seit der peniblen Sanierung dokumentarisch – wurde das Schloss immer genutzt: als Dorfklub, als Kreiskulturhaus, als Bibliothek und zuletzt als Soziales Stadtteilzentrum. Allen Widrigkeiten zum Trotz setzten viele Menschen ihre Kraft ein, das Schloss als gemeinnützige Einrichtung zu erhalten und zu betreiben.

Dennoch bleiben Wissenslücken. Eine wollen wir jetzt schließen. Sowohl nach dem 1. als auch nach dem 2. Weltkrieg waren im Schloss Zimmer bzw. Wohnungen eingerichtet worden, um die Wohnungsnot zu mildern. Die oben erwähnte Frau, Hannelore Bündig, hat ihre Erinnerungen aufgeschrieben und Fotos aus dem Familienalbum dazu gelegt. Wir wollen sie Ihnen präsentieren.

Frau Hannelore Bündig

Für uns war das Schloss nichts Besonderes

Für meinen Bruder Werner und mich war das Schloss nichts Besonderes. Von 1952 bis 1982 war es unser Zuhause, unser Elternhaus. Unsere Adresse war: Alt-Biesdorf 55.

Vor dem Krieg wohnten wir in Biesdorf in der Annenstraße. Unsere Mutter fuhr dann mit uns nach Schlesien zu den Großeltern. „Da sind wir vor den Bomben sicher!“ 1945 mussten wir dann auf die Flucht, über viele Umwege zurück nach Biesdorf. Die Wohnung in der Annenstraße gab es nicht mehr, dann eine winzige Bleibe im Ketschendorfer Weg. Das Haus gehörte wohl der Schauspielerin Steffie Spira, die wir dort oft trafen.

1950 kam unser Vater aus russischer Kriegsgefangenschaft nach Hause. Nun wurde es wirklich eng bei uns. Dann die Riesenüberraschung: Wir bekamen 1952 eine große Wohnung im Schloss zugewiesen. Mein Vater hatte im Schlosspark bereits eine Anstellung als Gärtner. Er blieb auf dieser Stelle bis zum Renteneintritt. Die Wohnung: zwei Zimmer, Küche, Ofenheizung, Klo im Keller (Wendeltreppe), Waschküche im Keller, Zugang von außen, großer Boden – ein Restbestand der oberen ausgebrannten Etage. Hier hatte bald mein Bruder sein Reich.

Gezeichnete Lage der Wohnung. Sie befand sich auf der Nordseite des Schlosses – dort, wo jetzt Empfang, Geschichts-raum und das Café sind (Zeichnung Werner Poerschke)

Zu der Zeit wohnten im Schloss bereits die Familie Schütze auf der Südseite und im Souterrain der Parkwächter Jäckel mit seiner Frau. Etwa 1956 erfolgte dann der Einbau einer Zentralheizung und eines Badezimmers, das neben unserem Wohnzimmer eingerichtet wurde. Inzwischen war unsere Wohnung ein gemütliches Zuhause geworden, obwohl wir Kinder kein eigenes Zimmer hatten. Ich schlief im großen Schlafzimmer, mein Bruder im Wohnzimmer.

Natürlich haben wir dann im Laufe der Zeit mehr über das „Schloss“ bzw. die Villa und die Siemens‘ erfahren. Aber nach wie vor fanden wir es nicht erwähnenswert anderen zu erzählen, dass wir im „Schloss“ wohnen. Dazu war es viel zu einfach: Nordseite usw. Manche Schulkameraden lebten viel komfortabler. Erst Jahre später lernten wir Wohnung und Park schätzen und lieben.

Rodeln und Planschen im Park

Aber die Wiese vor unserer Wohnung gehörte uns. Hier lagerten wir auf dem Rasen, hier wurde die Wäsche getrocknet. Übrigens gab es das Rosenbeet schon damals, angepflanzt von meinem Vater.

Wäsche trocknen im Schlosspark

Auf den Wegen spielten wir Hopse, Ball und Seilspringen. Der Teich war recht sauber, wir sprangen da im Sommer schon mal rein. Die Fontäne sprudelte auch immer. Da habe ich ein Bild mit meiner Freundin.

Hannelore (re.) mit ihrer Freundin Rosi vor der sprudelnden Fontäne des Schlossteiches 1959

Im Winter, wenn der Teich mal zugefroren war, liefen wir darauf Schlittschuh. Gerodelt wurde von der Rückseite des Eiskellers, das war die höchste Stelle, und dann runter auf die Wiese. Ansonsten war der Eiskeller aber tabu! Das war eines der wenigen Verbote, das meine Mutter ausgesprochen hatte. Nur ein Mal haben wir ihn von innen gesehen. Als das Schwimmbassin gebaut wurde, das war Ende der 1950er Jahre, badeten wir dort. Das Wasser war sauber, man konnte die Fliesen am Boden erkennen.

Schwimmbecken nahe S-Bahntrasse und Blumberger Damm

Der Park gehörte uns und unseren Freunden im Sommer wie im Winter. Es gab ja nur wenige Besucher. So richtig eroberten wir das ganze Gelände aber erst, als die Gräber der russischen Soldaten nicht mehr da waren. Die Begräbnisse, die in den Jahren davor stattfanden, haben wir von unserem Küchenfenster aus mit Neugier und Beklemmung beobachtet.

Turmbesteigungen

Zu den ganz besonderen Ereignissen in den ersten Jahren zählt das Besteigen des Turms für mich, meinen Bruder und meine Freundinnen. Durch unsere Wohnung konnte man über den Boden (Teil der ehemaligen 1. Etage, provisorisch mit Brettern abgesichert) zum Turm gelangen und dort mit Leitern in mehreren Abschnitten hinaufsteigen. Es war herrlich! Es war bestimmt nicht ganz ungefährlich, aber toll. Mein Bruder hat dort oben oft allein gesessen und gelesen, wir Mädchen, damals um die 14 Jahre alt, hatten die Jungen unserer Klasse unter Vorwänden in den Park bestellt und dann von oben überraschen wollen. Es gab sogar ein „Turmlied“:

Denke man ja nicht, du gingest mir zu Herzen,
weil wir uns grüßen und miteinander scherzen.
Nein, ich bleibe gern allein,
Nein, ich bleibe gern allein,
Dies soll nur ein Wechselspiel und weiter gar nichts sein.

Wir waren oft auf dem Turm. Dort fühlten wir uns großartig. Das sind mit meine schönsten Erinnerungen. Spätestens 1958 war dann aber Schluss. Der Zugang wurde gesperrt.

Angst vor den Schlossgeistern

So um die Zeit als ich 14 Jahre alt war, gab ich doch manchmal an, dass ich im Schloss wohnen würde. Dabei vergesse ich nie die Angst, die ich hatte, wenn ich im Dunkeln nach Hause musste. Vom Bahnhof Biesdorf rannte ich durch den Park (nachdem die rote Mauer des Friedhofs weg war) im Dauerlauf. Es gab ja keine Lampen. Von der Straße Alt-Biesdorf durch den Säulengang (Haupteingang, Portikus): Angst, Angst, Angst! Oft musste mich mein Bruder abholen, aber dazu hatte er auch nicht immer Lust und Zeit. Auch das Fenster im Schlafzimmer, das zur Terrasse hinaus ging, erfüllte mich mit Angst. Da könnte ja jemand einsteigen. Denn der Park wurde immer belebter. Also, es hatte auch seine Schattenseiten, Schlossbewohner zu sein.

Kulturhaus und Familie

Die Zeit, als dann ab 1958 das Kulturhaus auf der Südseite langsam einzog, war toll. Die Familie Schütze war inzwischen ausgezogen. Jedes Wochenende spielte Live-Musik und wir tobten uns richtig aus. Meine Mutter Herta Poerschke war die „Frau für alle Fälle“: Hausmeisterin, Trösterin für Liebeskummer, sie schmierte die Schmalzstullen und vieles mehr. Mein Bruder regelte oft den Einlass und den Getränkeverkauf. Am Wochenende war das Kulturhaus ein bißchen wie Familienbetrieb.

In den Jahren 1959/60 hatte der Kulturhausleiter ein Atelier für zwei Künstler aus Pankow eingerichtet: Roland Spörl und Baldur Schönfelder. Spörl verstarb leider schon früh – er wird mit seinem Werk der Berliner Schule zugerechnet. Baldur Schönfelder studierte seinerzeit an der Kunsthochschule Weißensee und war später Meisterschüler von Waldemar Grzimek. Er war lange Jahre Professor in Weißensee. Als Bildhauer schuf er viele Plastiken im Auftrage des Magistrats von Berlin.

Eins seiner bekanntesten Werke: Drei Grazien,
Standort Hanns-Eisler-Straße im Prenzlauer Berg

Randale gab es nicht, aber viele schöne Stunden. Eine Freundin von mir lernte dort ihren Mann kennen, sie sind heute noch verheiratet. Eine weitere, die sich in den Schlagzeuger verguckt hatte, wurde von ihrem wütenden Vater weggeschleppt. Sie hatte keine Erlaubnis erhalten, zum Tanzen zu kommen. Ich selbst verliebte mich in den Klubleiter. Im Kaminzimmer feierten wir noch 1978 ein Klassentreffen. Mutter sorgte für alles. Ohne sie lief eigentlich nichts: Ferienspiele, Hundeausstellung, Jugenclub. Alle verließen sich auf sie, die immer im Hintergrund blieb. Eigentlich war sie 30 Jahre lang die „Schlossherrin“.

Mutter Herta Poerschke am Schloss 1983

Weitere Entwicklung ab 1970

Ab den 1970er Jahren begann sich der Betrieb aus dem familiären Milieu heraus langsam zu professionalisieren. Im Kaminzimmer wurde eine Gaststätte eingerichtet. Ich erinnere mich an die Faschingsveranstaltungen und die Bockbierfeste im Herbst. Im Turmzimer hatte die Abteilung Kultur des Stadtbezirkes ein Büro, das lange Zeit von Herrn Sell und anschließend von Herrn Kistenmacher geleitet wurde. Jeden Sonntag fand ein Briefmarkentausch statt. Donnerstags waren die Rentnernachmittage und freitags traditionell immer die Jugend-Disco. Auch Katzenausstellungen wurden nun organisiert. Im Park nahe der S-Bahn wurde der Indianerspielplatz erbaut. Am ehemaligen Gärtnerhäuschen nahe der heutigen B1 legte mein Vater einen Heidegarten an.

Geschäfte zum Einkaufen und Armeesiedlung

Mit dem Einkaufen war es damals in Biesdorf anders als heute. Die wichtigsten Geschäfte waren in Alt-Biesdorf und in der Oberfeldstraße. Von uns aus gingen wir zum Bäcker Glowania in der Straße Alt-Biesdorf, kurz vor der Ecke Oberfeldstraße. Mit dem Sohn Rudi ging ich in eine Klasse. Direkt an der Ecke war dann das Lebensmittelgeschäft Staaks. Es war ein tolles Familiengeschäft. Um die Ecke in der Oberfeldstraße waren dann ein Friseur, ein Arzt und gegenüber eine Kindereinrichtung. Dann weiter Richtung S-Bahn die Post und auf der gegenüber liegenden Seite der „Sachsenkonsum“. Die Armeesiedlung war 1952/53 gebaut worden. Dort zogen Offiziere ein, die in Strausberg stationiert waren. Zwei meiner Klassenkameraden wohnten dort. Mit beiden habe ich heute noch Kontakt. Sie können auch noch viel erzählen. Die Siedlung hieß bei uns nur Sachsensiedlung. Die Eltern meiner Freunde waren aber gar keine Sachsen. Also im „Sachsenkonsum“ gab es Lebensmittel, Fleisch und Gemüse.

Zeitgenössisches Foto vom S-Bahnhof Biesdorf

Hinter der Bahnschranke lag links dann die Kneipe Neumann, die ja nun abgerissen wurde. Da trank auch mein Vater gerne sein Feierabendbier. Wenn meine Mutter aber das Abendbrot fertig hatte und Vater noch nicht zu Hause war, wurde unsere Hündin Bella losgeschickt: hol Herrchen nach Hause. Bella rannte los und Herrchen kam sofort!

Blick in die Gaststätte Neumann. So schloss sie als „Paule“

Hinter der Bahnschranke rechts war dann noch die Eisdiele Orth. Dort trafen sich alle: Schüler, Jugendliche, Freundinnen. Hier gab es das beste Eis meines Lebens. Hier ließen wir unser ganzes Taschengeld.

Anfang, Mitte der sechziger Jahre haben mein Bruder und ich eigene Familien gegründet. Jetzt wurde das Schloss Mittelpunkt für unsere Kinder, die ihre Ferien und viele Wochenenden bei Oma und Opa verbrachten. Die Türen bei Familie Poerschke waren immer für alle Kinder, Enkel und Freunde offen.

Die Kinder der Familie im Park

(Axel Matthies)


Ein gutes neues Jahr bei bester Gesundheit!


Auszeichnung mit dem Ehrenamtspreis 2021


Anlässlich des Tages des Ehrenamtes werden in unserem Bezirk in jedem Jahr Menschen geehrt, die sich langjährig, kompetent und mit großem persönlichen Engagement um Sachverhalte und Dinge kümmern, für die im Alltag der Ämter und Verwaltungen oft kein Platz oder keine Zeit ist, ohne die aber ein vielfältiges gesellschaftliches Leben nicht denkbar ist.


In diesem Jahr wurden am 5. Dezember auch zwei langjährige Mitglieder vom Vorstand des Vereins „Freunde Schloss Biesdorf“ mit dem Ehrenamtspreis der BVV Marzahn-Hellersdorf ausgezeichnet: Prof. Gernot Zellmer und Axel Matthies. Und wie bei den vielen anderen Ausgezeichneten ebenfalls, gab es bei beiden gute Gründe für diese Ehrung.


Als stellvertretender Vereinsvorsitzender trägt Prof. Zellmer schon seit 2008 aktiv zu einer inhaltsreichen und außenwirksamen Vereinsarbeit bei. Verantwortlich für die gemeinsame Vortragsreihe mit der Volkshochschule im Schloss Biesdorf sorgt er einmal im Monat mit interessanten Themen und sachkundigen Referenten für spannende Vorträge zu regionalen und überregionalen Themen.


Axel Matthies – seit 2013 Vereinsmitglied – ist das „kulturelle Gewissen“ des Vereins. Mit Sachkenntnis, Engagement und viel Detailwissen informiert er über kulturelle Höhepunkte im Stadtbezirk in Gegenwart und Vergangenheit. Besonders am Herzen liegen ihm die vielen – zum Teil vergessenen – Künstler und Kulturschaffenden, die in Marzahn-Hellersdorf gelebt
haben und um die sich der Stadtbezirk mehr kümmern sollte. Intensiv beschäftigt ihn die Frage nach der immer noch nicht vorliegenden Gesamtkonzeption für die Entwicklung des Schlosses Biesdorf zu einem überregionalen Ort der Kultur und Begegnung.

Lieber Axel, lieber Gernot, herzlichen Dank für Euer langjähriges bürgerschaftliches Engagement im Verein – Ihr habt die Auszeichnung und öffentliche Würdigung dafür vollauf verdient.
Ohne Euch wäre der Verein nicht das, was er heute ist!

Prof. Gernot Zellmer

Axel Matthies

Sanierung des Biesdorfer Schlossteiches verschoben

Mit Genehmigung des Bezirksjournals Marzahn-Hellersdorf veröffentlichen wir einen Beitrag aus der November-Ausgabe 2021. Der Artikel von Sabine Flatau schildert exakt den aktuellen Stand zur Sanierung des Biesdorfer Schlossteiches.

Besser zu lesen in diesem Link.


„Wir üben weiter!“ Gedenken an Ronald Paris

Die Familie Roland Paris‘ richtete gemeinsam mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung und der Prof.-Ronald-Paris-Stiftung am 6. November eine Gedenkveranstaltung für den im September verstorbenen großen deutschen Maler aus. Der Saal der Stiftung war sehr gut gefüllt. Versammelt hatten sich zahlreiche Repräsentanten der ostdeutschen Kultur. Es wurde deutlich, wie breit der Wirkungskreis von Ronald Paris war.

Gedenken an Ronald Paris

Die Geschäftsführerin der Rosa-Luxemburg-Stiftung Daniela Trochowski begrüßte die Familie und die versammelten Gäste.

Kultursenator Klaus Lederer warf dann einen auch persönlichen Blick zurück. Er erinnerte daran, dass Ronald Paris sein Leben lang nicht der „Systemmaler“ war, als der er oft und gern tituliert wurde, sondern immer wieder aneckte als Künstler, der dialektisch denken und malen konnte. Lederer rief den frühen Streit um das Bild „Wartenberger Dorffestspiele“ von 1961 auf. Die Studentenzeitschrift »forum« hatte die Bauern gefragt: Erkennt ihr euch wieder? Ist euer Leben von Ronald Paris realistisch empfunden und in eurem Sinne gestaltet? Die Bauern waren der Meinung: Nein! Die Menschen wären zu ungefügig dargestellt, gingen zum Festtag barfuß und mit Kopftuch. Die Frauen waren darüber empört. Und die Funktionäre sahen auf dem Triptychon zu wenig neue Erntetechnik. Eine der Kritikerinnen schrieb Paris später: „Ich habe lange vor Deinem Bild gestanden, habe mich mit anderen Besuchern darüber unterhalten, und – ehrlich gesagt, heute gefällt es mir. Es ist sehr farbenfreudig und macht den Besucher dadurch froh. Ich nehme gerne so Verschiedenes von meiner damaligen Kritik zurück.“ Mit dieser Art Auseinandersetzung konnte Paris sehr gut leben. Lederer hob abschließend hervor, dass der Tod des Malers in allen großen deutschen Zeitungen respektvoll besprochen worden war.

Peter Baumbach erinnerte die Bilder seines Freundes als Fest der Sinne und Welt reicher Phantasie. „Du bist gegangen, aber die Kunst bleibt bei mir.“ Und er zitierte die Lebensmaxime Ronald Paris‘, die an diesem Vormittag noch öfter vorgebracht wurde: „Wir üben weiter.“

Der Grafiker Bernd Frank traf im Jahr 1971 mit Ronald Paris zusammen, als dieser die Ausstattung für die Inszenierung von Gozzis „König Hirsch“ durch Benno Besson an der Volksbühne besorgte. Frank war für die Gestaltung des Programmheftes zuständig. Als Paris den Entwurf mit den Worten „Das Ding ist gut“ abnickte, fiel dem jungen Frank ein Stein vom Herzen. (Nebenbei: Was waren das damals für Programmhefte!)

Klaus Tiedemann war Nachbar von Ronald Paris in dessen Rostocker Zeit. Er erzählte, wie der Thüringer Maler zum Meer fand. Als sechsjähriger Junge hätte Ronald bei einem Besuch der Insel Hiddensee das Meer zum ersten Mal gesehen. Es wäre für ihn ein Gefühl der inneren Befreiung gewesen. So habe sich sein Lebenskreis geschlossen, als die letzte Ausstellung in Wustrow auf Fischland stattfand.

Mit Klaus Ast hatte Ronald Paris eine Irland-Reise nach dem Vorbild Heinrich Bölls unternommen. Auch für sie habe sich Irland als Herz Europas erschlossen. Natürlich auch in den Pubs der grünen Insel. Ast dankte seinem Freund, der so klug und menschlich gewesen war.

Der Philosoph Karl-Friedrich Wessel blickte zurück auf den Philosophen Ronald Paris. Der Maler sei ein Meister des philosophischen Gesprächs gewesen. Wenn er die Kunst verteidigte, dann verteidigte er sie immer um der Menschheit willen. Als Wahrheitssucher habe der Maler immer die Umstände in ihrer Zeit analysiert. Ronald Paris hatte Vorlesungen bei Wolfgang Heise besucht, den Wessel als Genie bezeichnete. Für Paris seien die Vorlesungen bei Heise und die Gespräche mit ihm ein großes Glück gewesen, die seine ästhetische Aneignung der Welt geprägt hätten.

Kurz und knapp, wie es ihre Art ist, erinnerte Carmen-Maja Antoni an den Lebemann Ronald Paris: er trank Rotwein wie ein Lukulle und rauchte jeden Zigarillo wie einen Joint.

Abschließend dankten Isolde und Anna Paris ihrem Ehemann und Vater für ein langes, gemeinsames und erfülltes Leben.

Isolde und Anna Paris

Bei Schnittchen, Kuchen, Kaffee und Crémant klang das Gedenken in vielen Gesprächen aus. Der Maler mochte keine Trauerklöße.

Unser Verein war vertreten durch den Vorsitzenden Dr. Heinrich Niemann und Vorstandsmitglied Axel Matthies.

Einen Mitschnitt der Gedenkveranstaltung können Sie hier sehen.

(Axel Matthies)


Ronald Paris ist tot

Der Maler Ronald Paris ist am 17. September 2021 in seinem Haus in Rangsdorf gestorben. Er wurde 88 Jahre alt. Mit Paris geht ein bedeutender Künstler, der um die Wahrheit rang, der wahrhaftig sein wollte. Die DDR und der Sozialismus waren ein Hintergrund seines Schaffens, die Welt in ihrer Zerrissenheit zwischen Willkür, Gewalt und Schönheit ein weiterer. Dennoch war er nicht verzweifelt: „Alle Verhältnisse sind nur Verhältnisse. Sie sind von Menschen gemacht und können von Menschen verändert werden.“

Ronald Paris hinterlässt ein großes Werk. Neben den Arbeiten in Museen und Galerien bewahrte er in seinem Haus noch 150 Bildwerke auf. Mit Paris geht ein Künstler, der Freunde und Kollegen wie Hanns Eisler, Harry Kupfer, Heiner Müller, Franz Fühmann, Inge Keller, Ernst Busch oder Herbert Sandberg malte und zeichnete, sich in seinem Werk von ihnen inspirieren ließ. Wie sie gehört er zum kulturellen Gedächtnis Ostdeutschlands, das es zu bewahren gilt. Matthias Platzeck zeichnete den Maler im Jahre 2013 für sein Lebenswerk mit dem Ehrenpreis des Brandenburger Ministerpräsidenten aus.

Im Sommer 2020 sahen wir in der Galerie Schloss Biesdorf seine letzte Personalausstellung „Bilder vom Sein“. Trotz der Corona-Beschränkungen besuchten viele Menschen die Ausstellung und setzten sich mit seinem Werk auseinander. Es war nun der Abschied.

Ronald Paris bei der Vernissage seiner Ausstellung

(Axel Matthies)


Gedenkstein an sowjetischen Soldatenfriedhof

Aus Anlass des 80. Jahrestages des Überfalls des faschistischen Deutschlands auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 haben das Bezirksamt Marzahn‐Hellersdorf und der Verein „Freunde Schloss Biesdorf e.V.“ einen Gedenkstein am Rande des für gefallene Soldaten eingerichteten ehemaligen Grabfeldes im Schlosspark Biesdorf gesetzt.


Die Inschrift des Steines erinnert an den von 1946 bis 1958 im südlichen Teil des Schlossparks bestandenen sowjetischen Soldatenfriedhof mit vier Grabfeldern für Soldaten, Offiziere, zivile Tote und Kinder. Eine Mauer hatte die Stätte eingefriedet. Reste davon sind links nach dem Eingang zum Schloss von der B1/5 noch sichtbar. Das brandzerstörte Schloss Biesdorf diente zu jener Zeit ‐ mit einem Notdach versehen – als Trauerhalle.


Die damals gepflanzten Birken erinnerten genauso wie jene drei jungen, neuen Birken, die im vergangenen Jahr zum 8. Mai, dem Tag der Befreiung, gepflanzt wurden, an diese Zeit. Die Toten wurden 1958 auf den Parkfriedhof Marzahn umgebettet, wo das heutige sowjetische Ehrenmal errichtet wurde.


Für das Bezirksamt nahmen die Bezirksstadträtinnen Juliane Witt und Nadja Zivkovic die Einweihung wahr.


Der Dank geht an das Grünflächenamt, das hier ein Zeichen gesetzt hat, damit der Gedenkort noch besser sichtbar ist. Der Bezirk bestätigt damit auch die Haltung, die hier befindlichen Erinnerungsorte, die an die Befreiung Berlins erinnern, in Ehren zu halten.

Der frisch gesetzte Gedenkstein (Foto: Ullrich Hieronymi)

Die Stadträtinnen Nadja Zivkovic und Juliane Witt (re.), unser Vorsitzender Dr. Heinrich Niemann sowie Dr. Lutz Prieß vom Deutsch-Russischen Museum Berlin-Karlshorst (Foto BA M-H)


„Zeitumstellung“ im Schloss Biesdorf

Nun ist endlich – anmelde- und testfrei seit dem 4. Juni – die nächste große Ausstellung im Schloss Biesdorf zu sehen: Zeitumstellung, eine Schau mit Werken aus dem Kunstarchiv Beeskow. Die Beeskower Arbeiten stehen im Kontrast und Dialog mit heutigen Positionen. Wieviel Zeit ist an uns vorüber geflossen. Vor einem Jahr, wir erinnern uns, sollte hier eine große Ausstellung „Menschenbild – Menschenbilder“ mit Porträts des Künstlers Otto Nagel, dem Berliner Ehrenbürger aus Biesdorf, gezeigt werden. Die angekündigte Ausstellung wurde kurzfristig abgesagt, nicht wegen Corona, sondern weil nach Einschätzung des bezirklichen Baubereichs die von Leihgebern für kostbare Bilder verlangten Klimawerte in den Galerieräumen mit portablen Geräten nicht realisierbar waren. Inzwischen liegt ein vom Bezirksamt akzeptierter Vorschlag für den Einbau einer Klimaanlage vor, dessen Finanzierung (auch mit Fördermitteln) aber noch zu sichern ist. Frau Scheel als künstlerische Leiterin des Schlosses bekräftigte, dass die Nagelausstellung dann unbedingt kommen wird. Unser Verein wird eine möglichst baldige Umsetzung dieses dringenden Projekts unterstützen.

Andreas Wächter, Held der Arbeit. 1984

Kuratorin der aktuellen Ausstellung „Zeitumstellung“ ist Elke Neumann. Sie ist 42 Jahre alt, stammt aus der Prignitz und hat an der TU Berlin Kunstgeschichte, Kunstkritik und Kunsterhaltung studiert. Danach absolvierte sie ein zweijähriges künstlerisches Volontariat an der Kunsthalle Schirn in Frankfurt (Main). Seitdem ist sie als freie Kuratorin tätig. Ihre letzte Ausstellung in der Kunsthalle Rostock „Palast der Republik. Utopie, Inspiration, Politikum“ wurde ausgezeichnet als „Ausstellung des Jahres 2019″. Die deutsche Sektion des Internationalen Kunstkritikerverbandes AICA vergab die Auszeichnung mit folgender Begründung: „Die Schau berichtet leicht verständlich und wissenschaftlich sachlich über die Geschichte und künstlerische Rezeption des Gebäudes. Die Berliner Kunsthistorikerin Elke Neumann hat einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der Auseinandersetzungen um das kulturelle Erbe der DDR geleistet. Die Ausstellung ließ politische und ideengeschichtliche Strömungen des Streits um das Haus erkennen.“ Wir erwähnen diese Fakten ausführlich, weil auch die Fachkompetenz und das Engagement in dieser Biesdorfer Expostion klar zu erkennen sind.

Elke Neumann hat die Ausstellungsräume jeweils einem Thema zugeordnet. So verschwimmen die Bilder nicht, wie bisher öfter gesehen, sondern bleiben Teil einer Überschrift. Sie heißen so:

  1. Die Ostdeutschen
  2. Bedeutungsträger
  3. Völkerfreundschaft
  4. Kinder
  5. Wohnungsbau I
  6. Wohnungsbau II
  7. Naherholung
  8. Privat

Lassen wir uns durch die Räume treiben und Erinnerungen wogen.

Der Raum Die Ostdeutschen ist dominiert von Porträts. Ein Genre, das man aus der zeitgenössischen Kunst kaum noch kennt. Da sitzen oder stehen lauter Menschen, die einen Namen haben und aus der Anonymität einer großen Arbeitsgesellschaft heraus gehoben und Subjekt werden. Ein Bergarbeiter, eine Bauarbeiterin, ein Student, eine junge Frau mit roten Haaren. Man betrachtet die Personen, als kämen sie aus einer Zeit weit vor uns. Dabei gibt es sie immer. Aus der Arbeiterklasse von einst ist nun unsichtbare Seite des Kapitalverhältnisses geworden. Elke Neumann benennt ein weiteres Problem: diese Welt wird aus der Sicht des westdeutschen Feuilletons nach wie vor mit „Abwertung und Argwohn“ betrachtet. Interessant in diesem Raum, aber leider unkommentiert: zwei Bildschirme, die Erinnerungsberichte ostdeutscher Erfahrungen aus dem Vereinigungsprozess senden. Nehmen Sie sich ein paar Minuten Zeit. Sie werden solche Gesichter, solche Haltungen und solche Bildhintergründe heute kaum noch finden.

Porträts ostdeutscher Arbeiterinnen und Arbeiter
Claudia Borchers, Porträt Jutta Birkholz. 1983

Die Abteilung Bedeutungsträger erstrahlt in dominantem Rot. Die dazugehörigen Bilder versetzen einen sofort zurück in jene Epoche, die den weltweiten Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus „gesetzmäßig“ dokumentieren sollte. Ohne Fahnen, ohne Transparente, ohne Aufmärsche gelang dieser Übergang nicht. Dennoch hüllt die Farbe Rot ein. Und sie erinnert für immer an dieses Lied:

Ich trage eine Fahne, und diese Fahne ist rot.
Es ist die Arbeiterfahne, die Vater trug durch die Not.
Die Fahne ist niemals gefallen, so oft auch der Träger fiel.
Sie weht heute über uns allen und sieht schon der Sehnsucht Ziel.

So rot wird es niemals mehr werden

Am Ende dieser Abteilung spielt eine zeitgenössische Künstlerin ikonische Szenen am Berliner Schloss und am Reichstagsgebäude vom 9. November 1918 nach: Liebknecht ruft die sozialistische Republik aus, Scheidemann die bürgerlich-demokratische Republik. Wenigstens die Lebenserinnerungen Scheidemanns liegen zur Lektüre bereit.

Die Ausrufung der Republiken

Als damaliger Zeitgenosse wird man in den Abteilungen Völkerfreundschaft und Kinder ein wenig sentimental. Über allen Erinnerungen klingt der Sound von der kleinen weißen Friedenstaube:

Kleine weiße Friedenstaube,
fliege übers Land;
allen Menschen, groß und kleinen,
bist du wohlbekannt.

Hermann Hensel, Kindercafé in der Stalinallee

Die Völkerfreundschaft dagegen kommt ganz plakativ daher. Unsere Welt war damals bunt, idyllisch und schön, aber niemals real divers. Deswegen anregend der späte Beitrag von Christoph Wetzel. Sein „Das jüngste Gericht“ von 1987 mag damals parteiisch gewirkt haben. Mehr als 30 Jahre später stimmt es nachdenklich.

Ingeborg Michaelis, Alexanderplatz im August 1951

Christoph Wetzel, Das jüngste Gericht. 1987

Dazu kommt als Kontrast der heutige Beitrag von Malte Wandel „Einheit, Arbeit, Wachsamkeit: Die DDR in Mosambik“. Das ist eine Fotoarbeit über ehemalige Vertragsarbeiter, die in ihrer Heimat als „madgermanes“ gegen die dortige Regierung um ausstehende Löhne und Rentenanteile kämpfen. Die Problematik ist vor einiger Zeit durch die Presse gegangen mit der Anmutung, die DDR habe die Vertragsarbeiter betrogen. Die Bundesregierung weist diese Vorwürfe zurück. Wandels Arbeit konzentriert sich auf die Fotodokumentation und erhielt dafür eine Auszeichnung.

Behausung in Mocambique (Foto M. Wandel)

Die Räume Wohnungsbau I und Wohnungsbau II erscheinen völlig normal, sind überhaupt nicht mehr so ideologielastig wie zu ZKR-Zeiten bestückt. Keine erdrückende „Plattenbau“-Front, kein drohender Zeigefinger. Es sind Häuserlandschaften in der Berliner Innenstadt zu sehen und natürlich die Bauplätze des Wohnungsbaus im Osten der damaligen Hauptstadt. Wir hatten dazu schon Bilder von Günter Brendel im Schloss Biesdorf gesehen; diesmal bleibt er aussen vor zugunsten Fritz Dudas, der eine Baustelle in der Lichtenberger Hans-Loch-Straße aus den 1960er Jahren zeigt.

Fritz Duda, Baustelle Hans-Loch-Straße/Volkradstraße. 1965

Ein ruhiges Bild aus den frühen Zeiten vor dem VIII. Parteitag der SED und dem dort im Jahre 1971 beschlossenen Wohnungsbauprogramm. Dazu Bilder aus dem ehemaligen Zentrum der Hauptstadt der DDR: gesehen und gemalt unweit des Fernsehturms, der Karl-Liebknecht-Straße und dem Palast der Republik. Ein Kontrast, auf den Konrad Knebel und Joachim Bayer aufmerksam machen.

Konrad Knebel, Dircksenstraße Berlin. 1971

Joachim Bayer, Große Stadtlandschaft. 1987

Ergänzt wird dieser Block von einer Installation im Oktagon: „P2/11 re:visited“ von Annett Zinsmeister. Ihr geht es um den ästhetischen Wert des seriellen Bauens, der ihr als Diplom-Ingenieurin weder unbekannt noch fremd ist. Wir hatten hier unlängst im Zusammenhang mit einem Vortrag von Wolf R. Eisentraut argumentiert.

Annett Zinsmeister, P2/11 re:visited. 2021

Dennoch sollten wir nie vergessen: 100 Jahre vor dem SED-Parteitag begann der Massenwohnungsbau in der damaligen Reichshauptstadt. Auch dieser war bereits serielles Bauen, wenn auch in Handarbeit, die Häuser waren meist identisch. Wer je im Berliner Altbau wohnte, weiß das. In den letzten Wochen hatte ich Jürgen Kuczynskis „Geschichte des Alltags des deutschen Volkes, Band 4. 1871 – 1918“ zur Hand. Er zitiert dort Gustav Schmoller, einen Sozialwissenschaftler und Nationalökonomen, aus dem Jahre 1887: „Die heutige Gesellschaft nötigt die unteren Schichten des großstädtischen Fabrikproletariats durch die Wohnverhältnisse mit absoluter Notwendigkeit zum Zurücksinken auf ein Niveau der Barbarei und Bestialität, der Roheit und des Rowdytums… Ich möchte behaupten, die größte Gefahr für unsere Kultur droht von hier aus…“ (Kuczynski S. 214). Schmoller bezieht sich dabei sowohl auf die gebaute Enge der Karrees, die hygienischen Zustände als auch die Überbelegung der Wohnungen in Form des „Schlafburschen- und Kostgängerunwesens“.

Diesen Vorwurf kann man dem Wohnungsbau des Staatssozialismus überhaupt nicht machen, zumal er in der DDR im Vergleich mit den „Bruderstaaten“ zu den besten gehörte. Die ästhetische Anmutung der Wohnsiedlungen ist ein Argument – viele andere gehören dazu. Das Hinterhaus in Charlottenburg mag entkernt und wunderbar saniert sein – im Februar scheint dort, wie vor 150 Jahren, die Sonne maximal zwei Stunden. Die P2-Installation im Oktagon bleibt so als zeitgenössischer Kommentar wieder plakativ, auch wenn Annett Zinsmeister über einen weitaus gefächerteren Hintergrund verfügt. Die Serie P2 wurde zeitweilig sehr kompakt gebaut, so am damaligen Leninplatz in Berlin, und verstörte dadurch Menschen. Die Wirklichkeit der Großsiedlungen im Osten der Bundeshauptstadt ist inzwischen eine andere. Gleichwohl hat die Debatte um den Mietendeckel die 84% der Berlinerinnen und Berliner, die zur Miete wohnen, deutlich daran erinnert, dass Wohnen ein Grundbedürfnis des Menschen ist – wie für alle Lebewesen – und daher auch in einer bürgerlichen Gesellschaft geschützt werden muss. Da helfen ästhetische Bloßstellungen der Großsiedlung wenig. Es gibt diese seriellen Häuser in der ganzen Welt. Ich wage eine Vorausschau: in zehn Jahren gilt die dann mit weiterem Wohnraum verdichtete und um eine bessere soziale Infrastruktur erweiterte „Platte“ am Stadtrand als Erfolgsstory für lichtes und luftiges Wohnen in Zeiten des Klimawandels!

Am Ende der Ausstellung plaziert ist der Komplex Naherholung, ein Begriff, der aus dem Sprachgebrauch weitgehend verschwunden ist. Nicht jedoch die Handlungen, die damit verbunden sind. Man fährt hinaus ins Grüne, badet, sonnt sich, holt sein Picknick heraus und quasselt – oder schweigt. Unwichtig sind Parkplätze für Autos; man reiste per pedes, Rad oder Eisenbahn an. Imbissangebote gab es wenige, man brachte seine Stullen, Tee und Obst selbst mit. Die Bilder von Barbara Müller-Kageler bezeugen das.

Bilder von Barbara Müller-Kageler im Raum Naherholung

Nachdenklich stimmten mich die Bilder vom Schulsport. Schulsport besteht heute, wenn man den Medien Glauben schenkt, vorwiegend aus nicht funktionsfähigen Turnhallen, gesperrten Plätzen oder unzumutbaren Sanitäreinrichtungen. Der Leistungsgedanke beim Schulsport ist unerwünscht. In den 1960er Jahren gab es in Ost-Berlin einen Staffellauf für Schulen. Eine Zeitungsnotiz aus dem Jahre 1966 erinnert uns daran: „Über 15.000 Berliner Kinder und Jugendliche hatten sich in diesem Jahr an den Vorausscheiden des BZA-Laufes beteiligt, dessen Finale am Sonntag zum zehnten Male ausgetragen wurde und 4.400 Teilnehmer in 150 Mannschaften am Start sah. Vier neue Streckenrekorde zeugten dabei vom gewachsenen Leistungsstand im Schulsport der Hauptstadt …“
An diese Zeiten erinnern vier Sportgrafiken. Auf einer pfeift ein engagierter Übungsleiter seine Sportler zum Start ins Schwimmbecken, sichtbar Leistung fordernd (Künstler: Harald Metzkes). Der Betrachter ist verwundert: diese Haltung war einmal völlig normal. Sie wird nicht mehr nachgefragt, eher abgelehnt. Kinder können immer seltener schwimmen, nicht schnell laufen, nicht auf Bäume klettern. Schwimmhallen werden endlos saniert, Freibäder auf die jahrzehntelange Bank geschoben…


Sportgrafiken daselbst

Am Ende Privates. Hier, im Vestibül des Heino-Schmieden-Saales, kommt es dann doch zur Provokation. Unverkennbar alte Teile einer Schrankwand sind zu einer Installation verschraubt. Nach außen gekehrt sind nicht die Fronten sondern die rückwändigen Hartfaserplatten. Die Künstlerin heißt Inken Reinert, sie stammt aus Jena. In einer früheren Besprechung zu diesem Werk heißt es: „Die Pankower Künstlerin zeigt eine Installation aus Elementen von in der DDR gefertigten Schrankwänden, die dort in fast jedem Haushalt zu finden waren.“ Ja, so war es. Wir hatten alle die gleiche Möblierung, die gleichen Klamotten, den gleichen Namen – und sahen auch alle gleich aus. Wer sich 30 Jahre nach dem Beitritt an einer Schrankwand Carat 2 abarbeitet, um die muss einem bange sein. Dankbar ist man dem Werk und seinen Rückwänden dennoch: es sind noch die Produktzettel erhalten. So wird dieses Werk produktiv.

Kollege Holsäß ließ das Aufbaumöbel mit Gütezeichen 1 passieren

Versuchen wir eine Zusammenschau. Die gegenwärtigen Positionen, so mein Eindruck, haben nicht die Stärke, die künstlerische Kraft, sich gegen die Originale durchzusetzen. Das gilt auch für alle vorausgegangenen Ausstellungen. Die Künstler der analogen Zeit studierten ihren Gegenstand, um ihn dann zu einem Kunstwerk zu formen. Die Künstler*innen der digitalen, jetzt auch gendergerechten Zeit, erarbeiten sich selten einen eigenen Gegenstand, ziehen es vor, zu kommentieren oder sich zu distanzieren. Bei Vernissagen erklären sie ihre Arbeiten stundenlang, die Künstler der analogen Zeit, wie einmal Ursula Strozynski, sind ganz still: „Sehen Sie selbst!“

Dieses Missverhältnis ist zu bedauern. Die Beeskower Kunstwerke sollten, so der Plan, nicht museal ausgestellt werden, sondern immer im Dialog, im Vergleich, in einer Reflexion zur Jetztzeit gezeigt werden. Dieser Dialog kommt auch in dieser Ausstellung nicht auf Augenhöhe zu Stande. Die Kuratorin plagt uns in Zeitumstellung, abgesehen von Reinerts Installation, nicht mit „Wolken“, den aufgepumpten LKW-Reifen, oder einem „Mückenhaus“, wie zu ZKR-Zeiten gesehen. Ihre Dialogangebote zwingen aber keinesfalls zur Infragestellung oder gar Ablehnung der Aussagen der Beeskower Werke. Das ist nun zugleich die Stärke der kuratorischen Arbeit: wir sehen auch Werke, die zwar in der DDR entstanden sind, sich aber nicht auf eine ausschließlich staatssozialistische Sicht beschränken. Sie zeigen Menschen, die leben, arbeiten, froh sind; oder nachdenklich. Sie zeigen Landschaften, die karg und nicht immer blühend waren. Sie zeigen Massenzusammenkünfte, die inszeniert und überzeichnet sind. Die Bildwerke zeigen aber auch, und das ist mir dieses Mal besonders deutlich geworden, dass das Wesen der Kunst als das Hervorbringen des Außerplanmäßigen in Relation zu einem System verstanden werden kann, wie es Marlene Heidel in ihrem Buch „Bilder außer Plan“ formuliert hatte. Die Bilder regen nicht nur an, sich zu erinnern, nein, sie regen an, inne zu halten, zu vergleichen und in Frage zu stellen. Die Betrachtung des Porträts „Jutta Birkholz“ drängt mich zu der Frage, warum der arbeitende Mensch in unserer Gesellschaft so wenig Beachtung findet, während jeden Abend kurz vor der Tagesschau in allem Glanz die neuesten Börsennachrichten zelebriert werden. Keine heutige und keine künftige Gesellschaft wird ohne arbeitende Menschen auskommen. Es hat nicht immer Geld gegeben und es werden Zeiten kommen, die ohne Geld existieren. Der Staatssozialismus, so roh er war, hat tiefere Spuren gegraben, als wir selbst denken. Die Bilder, vor denen wir stehen, beweisen es. Sie verdienen es, in einen ernsteren Zusammenhang gestellt gestellt.

Aus Beeskow ist in diesem Sinne, ich formuliere einen alten DDR-Witz nach, noch vielmehr heraus zu holen. Die Kuratorin Elke Neumann hat für die Neuausrichtung des Kunstarchivs Beeskow eine Konzeption entwickelt, deren Ziel es ist, den Bestand noch stärker für reflektierte Erinnerungen und neue Perspektiven zu öffnen. Dazu werden bald die geplanten Veranstaltungen Gelegenheit geben. Und wer hier wem die Zeit umgestellt hat, bleibt offen…

Lothar Rericha, Die Rothaarige. 1983-86

Wir wünschen Ihnen anregende Stunden.

P.S. Hinter den fettkursiv gesetzten Wörtern verbergen sich Links. Sollten Sie beim Lesen einen schlecht formatierten Text vorfinden, navigieren Sie auf dieser Seite auf einen anderen Artikel und gehen dann auf den aktuellen zurück.

(Axel Matthies)


Neues zur Fontäne im Schlossteich Biesdorf

Zuletzt hatten wir im September 2020 über die notwendige Reparatur der Fontäne im Schlossteich berichtet. Damals stand die Aussage, dass die notwendigen Arbeiten 300.000 Euro kosten werden und die Fontäne im Jahr 2021 wieder sprudelt.

Diese Ankündigung ist nun noch einmal präzisiert worden. Auf der letzten, digital durchgeführten, Sitzung der BVV Marzahn-Hellersdorf am 21. Januar gab Stadträtin Nadja Zivkovic die neuesten Fakten bekannt. Danach erhöhen sich die einzusetzenden Mittel auf 350.000 Euro, die Fontäne wird erst im Jahre 2022 wieder rauschen. Der zuständige Fachbereichsleiter Grünflächen, Herr Lemmer, gab Vertretern unseres Vereins in einer Sprechstunde am 19. November 2020 Einsicht in den weiteren Verlauf, wir möchten Sie darüber aus erster Hand informieren.

Teich und Fontäne sollen völlig erneuert wiederhergestellt werden. Der Teichboden wird abgetragen und die Teichflora neu aufgebaut. Die Umzäunung wird neu gestaltet. Davor gibt es Probleme zu lösen, die nicht nur auf die Wiederherstellung der Fontäne gerichtet sind. Die größte historische Grabung in Berlin fand bekanntlich 1999 bis 2014 bauvorbereitend in Biesdorf statt – auf gut 22 Hektar Fläche konnten 10.000 Jahre Siedlungsgeschichte an der Wuhle dokumentiert werden. Die Ergebnisse wurden im Neuen Museum präsentiert. Als Höhepunkt bezeichneten die Berliner Staatlichen Museen diese Entdeckung:

Als spektakulärsten Fund aus Biesdorf kann man eine steinzeitliche Hirschmaske bezeichnen, die vermutlich einem Schamanen oder einer Schamanin für Rituale diente und in die Zeit um 9000 v. Chr. datiert. Damit zählt die Maske zu den ältesten Funden Berlins. Sie ist aus dem Geweih eines Rothirsches geschnitzt. Vergleichbare Funde sind weltweit nur von sehr wenigen Orten bekannt.

Hirschmaske (Foto: SMB, Cl. Klein). Sie wurde, das sei korrekt angemerkt, schon 1953 bei Arbeiten in der Biesdorfer Heesestraße gefunden.

Diese Erkundungen sollen nun unter dem Schlossteich fortgesetzt werden. Da die bisherigen Grabungen ausschließlich in Biesdorf Süd, geologisch im Spree-Urstromtal, stattfanden, soll nun die Chance genutzt werden, auch auf der Barnim-Hochebene zu graben. Möglicherweise ergeben sich hier neue, andere Funde. Für die Erneuerungsarbeiten wird allerdings schwere Technik eingesetzt, deren Transport eine eigene Baustraße von der Nordpromenade bis zum Teich erfordert. Wie zu hören ist, hat die Untere Denkmalbehörde hierzu noch keine Zustimmung erteilt.

Da die angekündigten Arbeiten nicht bis zum Beginn der Laichperiode 2021 zu schaffen sein werden, starten sie im Interesse des Artenschutzes frühestens ab September 2021. Mit dem Abschluss der Arbeiten kann dann ab dem 2. Quartal 2022 gerechnet werden. Das ist für die Freunde des Schlossparkes keine frohe Perspektive, dennoch eine, die mit Verständnis rechnen kann.

Darüber hinaus informierte Herr Lemmer über Arbeiten am Wegesystem des Schlossparkes, die in diesem Jahr beginnen. Der Weg unmittelbar an der Bahn entlang vom Bahnhof bis zum Parkeingang soll demnächst erneuert werden; ebenso die Wegeverbindung im Park von der Nordpromenade zum Blumberger Damm. Auf Nachfrage erklärte Herr Lemmer, dass die Albert-Brodersen-Allee noch nicht in der Planung ist.

Das lange angekündigte Wegeleitsystem ist unterdessen auch im Flusse. Wir konnten den Entwurf betrachten. Die Ausschilderungen vom Bahnhof bis in den Park hinein werden weiß auf anthratzitfarbenem Grund gehalten sein und das charakteristische Schloss-Rosa mitführen. Vertreter unseres Vereins werden zu den Standorten des Wegeleitsystems ihre Sachkenntnis einbringen.

Abschließend informierte Herr Lemmer über ein neues Projekt der Senatsumweltverwaltung. Ab sofort sind die Stadtnatur-Rangerin Caroline Thiem und der Stadtnatur-Ranger Toni Becker im Bezirk unterwegs. Sie sind unter anderem in den Landschaftsschutzgebieten Hönower Weiherkette und Kaulsdorfer Seen im Einsatz, um Bürgerinnen und Bürger im persönlichen Gespräch sowie im Rahmen von Führungen über Natur- und Artenschutz zu informieren und zwischen Mensch und Natur zu vermitteln. Mit diesem Auftrag werden sie auch im Schlosspark Biesdorf anzutreffen sein.

Wer nun nicht auf das Rauschen der Fontäne verzichten will…

(Axel Matthies)



Wolf R. Eisentraut und seine Bauten in Marzahn

Der Vortrag am 21. Oktober 2020 gemeinsam mit der Volkshochschule Marzahn-Hellersdorf im Schloss Biesdorf war einem Dauerbrenner der Diskussionen zur DDR-Geschichte gewidmet:

„Architektur zwischen Individualität und Typenbau. Gewolltes, Gelungenes, Gescheitertes“.

Referent war kein Geringerer als Prof. Wolf R. Eisentraut, einer der wichtigsten Architekten in der damaligen Hauptstadt und des gesamten Landes. Eisentraut, der jetzt 77 Jahre alt ist, zog damit auch Bilanz seines Lebens. Er hat inzwischen genauso lange in der DDR gebaut wie im vereinigten Deutschland. Wer, wenn nicht er, kann sich ein Urteil erlauben.

Prof. Eisentraut konzentrierte sich in seinem bildgestützten Vortrag auf seine Arbeiten in Berlin-Marzahn. Im damaligen VEB Bau- und Montagekombinat Ingenieurhochbau (IHB) entwickelte und baute er die Häuser als verantwortlicher Architekt in den Jahren zwischen 1973 und 1988.

Prof. Wolf R. Eisentraut im Heino-Schmieden-Saal

Der Vortragende eröffnete seine Erinnerungen mit dem Jahr 1955: in diesem Jahr sei in der DDR mit dem industrialisierten Wohnungsbau begonnen worden. Drei einfache Haustypen – flach, mittel, hoch – seien dafür konstituiert worden, die in ebenfalls typisierten Baufeldern angeordnet wurden. Hinzu seien konische Elemente gekommen. Eisentraut bekannte sich „mitschuldig“ an der Wohnungsbauserie (WBS) 70, Typ Neubrandenburg. Dieser Typ, mit kleinen Fenstern im Treppenhaus, sei in der DDR millionenfach eingesetzt worden.

Hier dargestellt als QP Berlin

Als Anekdote steuerte er hier bei, dass von den zweiteiligen Fenstern in der Regel nur der kleine Flügel geöffnet worden sei; unter dem großen Flügel habe aus platztechnischen Gründen in der jeweiligen Wohnung immer das Ehebett gestanden.

Wolf R. Eisentraut erläuterte die Grundprinzipien des industriellen Bauens. Wesentlich sei dabei gewesen, dass alle Häuser – sowohl die typisierten Wohnbauten als auch die Geselschaftsbauten – aus den vorhandenen Elementen, wie sie in den Vorfertigungsstätten (Plattenwerken) massenhaft produziert wurden, zu konstruieren gewesen wären. Ausnahmen gab es nur wenige. Für Architekten war das von vornherein eine gewaltige Einschränkung, aber auch eine Herausforderung ohnegleichen. Wie er sie lösen konnte, bewies er an einem Schulbau für körperbehinderte Schüler in der Lichtenberger Paul-Junius-Straße.

Schule in Lichtenberg. Bei ihrer aufwändigen Sanierung, die unlängst erfolgreich abgeschlossen wurde, sprachen Laien von einem „verschachtelten“ Bau. Bauexperten hingegen lobten die architektonische Ausstrahlung.

Sodann wandte sich Prof. Eisentraut seinen Gesellschaftsbauten in Marzahn zu. Er erläuterte seinen Entwurf für das Hauptzentrum, das zwischen Bahnhof und Freizeitforum gelegen ist.

Studie B für das Hauptzentrum (Abb. Eisentraut)

Vorab soll aber hier authentisch erinnert werden, wie Marzahn gesellschaftspolitisch geplant war. Im Jahre 1971 hatte der VIII. Parteitag der SED die „Politik der Hauptaufgabe in ihrer Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“ beschlossen, in deren Zentrum die Verbesserung der Wohnbedingungen der Werktätigen zur vordringlichen sozialen Aufgabe erklärt wurde. Der IX. Parteitag fünf Jahre später – er fand im Mai 1976 im neu errichteten Palast der Republik statt – stellte die „geschichtliche Aufgabe, die Wohnungsfrage als soziales Problem bis 1990 zu lösen“. Dabei wurde auf die Hauptstadt Berlin besonderes Augenmerk gelegt. Im Zentrum stand Marzahn.

Die frühen Jahre – Blick über den Springpfuhl auf die Häuser des Murtzaner Rings. Das Gebiet wurde ab 1977 tiefbautechnisch erschlossen, die ersten Häuser wurden bereits im selben Jahr übergeben. (Foto: Sibylle Bergemann 1980)


Es ging um die Versorgung der Berliner mit Wohnraum, aber auch um die Versorgung Zuziehender, die im wachsenden Staatsapparat sowie in neu errichteten bzw. stark erweiterten Industrieanlagen in Marzahn und Hohenschönhausen arbeiteten. Wir erinnern dabei an Betriebe wie: VEB Kombinat Kraftwerks- und Anlagenbau, VEB Kombinat Elektroprojekt und Anlagenbau Berlin, VEB Energiekombinat Berlin, VEB Berlin Kosmetik sowie die großen Baukombinate Wohnungsbaukombinat, Tiefbaukombinat und Ingenieurhochbau – fast alle versanken im Orkus der Treuhandanstalt. An dieser Stelle werfen wir einen Blick in die Zeitung vor 45 Jahren.

Berliner Zeitung vom 27./28. März 1976

Die „Berliner Zeitung“ berichtete über eine SED-Bezirksdelegiertenkonferenz Berlin, die im Frühjahr 1976 schier unglaubliche Ankündigungen machte – wir zitieren aus der Rede des damaligen 1. Sekretärs K. Naumann: „Durch Neubau und Modernisierung von 300.000 bis 330.000 Wohnungen in den nächsten 15 Jahren ist die Zahl der vorhandenen Wohnungen der Zahl der Haushalte anzunähern und bis 1990 das Wohnungsproblem so wie vorgesehen zu lösen… In Übereinstimmung mit den wachsenden Bedürfnissen der Werktätigen und den realen materiellen Möglichkeiten sind bis 1990 alle Wohnungen in einen guten baulichen Zustand zu versetzen. Sie sind mit Innentoilette sowie Bad oder Dusche und in der Mehrzahl mit modernen Heizungssystemen auszustatten.“ Diese Ankündigungen waren so traumhaft, für viele unglaublich, dass sie es sogar in einen Gassenhauer von Reinhard Lakomy schafften: „Bis 1990, so sagt die Partei, sind wir alle wohnraumsorgenfrei“.

Reinhard Lakomy und seine LP mit dem Titel „Das Haus, wo ich wohne“

Um so größer war der Druck für jene, die diese Pläne umsetzen mussten. Prof. Eisentraut stellte sich als verantwortlicher Architekt im IHB dieser Aufgabe. Seine Studien zeigen den architektonischen Anspruch. Im Vergleich zu heute gab es Wettbewerbe für höchstens drei Kollektive. Dabei stand immer das Primat des Pragmatischen und der niedrigen Kosten im Vordergrund. Wie oben angekündigt konzentrierte sich Prof. Eisentraut in seinen Ausführungen auf das Hauptzentrum Marzahns in der Streckung vom Bahnhof bis zum Freizeitforum Marzahn. An dieser Stelle einige Fotos aus dem historischen Fundus von Prof. Eisentraut.


Ursprüngliche Bebauung, Blick vom Bahnhof auf Post (li.) und Warenhaus (Abb. Eisentraut)


Dahinter Dienstleistungskomplex, dass. Innenansicht (Abb. Eisentraut)


Blick in ein Café in der Marzahner Promenade (Abb. Eisentraut)



Auf dieser Fläche fokussierte sich das städtische Leben. Im Gegensatz zum benachbarten Stadtteil Hellersdorf dominieren in Marzahn Geschossbauten mit 11 Etagen und mehr. Neben den zentralen singulären Bauten wie Warenhaus (mit Oberlicht!), Post und Dienstleistungskomplex sollten vor allem die sogenannten Funktionsunterlagerungen (also Geschäfte in den ursprünglich reinen Wohnbauten) für Attraktion sorgen. Zusätzlich waren dieser zentralen Achse zahlreiche Gaststätten unterschiedlichen Typs zugeordnet. Unter den Bedingungen des Handels in der DDR funktionierte das System vorzüglich; abgesehen davon, dass in den Geschäften immer etwas fehlte.

Wird heute kaum erinnert – Club Jasmin mit Glastanzfläche (Abb. Eisentraut)



Zur Erinnerung: Galerie M (Abb. Eisentraut)

Zudem erinnerte Wolf Eisentraut an die Gestaltung der Nebenzentren Helene-Weigel-Platz und Ringkolonnaden. Am Beispiel des Rathauses Marzahn zeigte Eisentraut beispielhaft die Improvisationen, die immer nötig waren. Um die vorgehängten Platten erlebbar zu machen, kooperierte er mit dem Klinkerwerk in Großräschen. Dieses Werk in der südlichen Lausitz mit langer Industriekulturtradition lieferte ausrangierte Ziegel, mit denen die Außenhaut des Rathauses gestaltet wurde. Eisentraut demonstrierte das mit den sichtbar unterschiedlich farbigen Ziegeln im Eingangsbereich.

Rathaus Marzahn. Auf der linken Seite die unterschiedlich gefärbten Ziegel, die als Ausschuss galten und so vom Architekten für eigene Zwecke genutzt werden konnten. (Abb. Eisentraut)

Die Ringkolonnaden, damals ergänzende Versorgungseinrichtung im Norden Marzahns und von preisgekrönter Gestaltung, wurden inzwischen abgerissen; das neu gebaute Plaza Marzahn übernahm deren Funktion. Die Galerie M von 1990, ein lichtdurchfluteter Kulturbau und Magnet der kunstinteressierten Anwohner, ließ die landeseigene degewo 2014 geräuschlos wegreißen. Begründung: in der technischen Unterhaltung zu kostspielig.

So neigte Prof. Eisentraut am Ende seines Vortrages zu Bitternis und zeigte ein Bild vom zerstörten Karthago. Ein nicht geringer Teil seines Werkes in Marzahn, vor allem sinnstiftende Gesellschaftsbauten, ist nach weniger als 30 Jahren abgetragen. Wer einen Blick in sein Werkverzeichnis wirft, stellt den Verlust schnell fest. Es sind zudem die damals beliebten und individuell ausgestalteten Clubgaststätten, die den unsubventionierten Betrieb nicht überlebten – sie wurden schnell abgerissen. Nun steht der Abriss des einzigen neu gebauten Kinos „Sojus“ am Helene-Weigel-Platz bevor. Dennoch hält er den Prozess der Bewertung des Wohnungs- und Gesellschaftsbaus in der DDR nicht für abgeschlossen, er bleibe in Bewegung. Selbst wenn man die gänzlich anderen Ansprüche der Gegenwart an die Präsentation von Waren berücksichtigt – der erste Satz in Marx‘ Kapital lautet: „Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als eine ‚ungeheure Warensammlung‘, die einzelne Ware als seine Elementarform“ – bleibt seine Beurteilung der nachfolgenden Bebauung nicht unkritisch. So habe Eisentraut im Streit mit dem Investor ECE hinsichtlich der architektonischen Ausstrahlung auf das ursprüngliche Ensemble darauf hingewiesen, dass die Südflanke des Einkaufszentrums Eastgate sich gegenüber der Promenade als geschlossene Kulisse präsentiert und das Flanierinteresse gänzlich verhindere. Zudem hätte das Einkaufscenter der übrigen Marzahner Promenade das Wasser abgegraben, die Kaufkraft für weitere Geschäfte mit sonstigen Angeboten funktioniere nicht. Der fremde Besucher bemerke die Leere, aber nicht die Ursachen. So greift ein einzelner Bau anmaßend in ein komplettes Ensemble ein.

Die abweisende Seite des Einkaufscenters Eastgate (Abb. Eisentraut)

In der abschließenden kurzen Diskussionsrunde dominierten zwei Themen: zum einen die Ursachen und Beweggründe der neuen Besitzer für den Abriss der Häuser, zum anderen der Blick auf den komplexen Wohnungsbau in seiner Gesamtheit und das einzelne Haus als Dominante und Sinnstiftung. Prof. Eisentraut ist sich darüber im Klaren, dass der komplexe Wohnungsbau in seiner Einheit von Wohnungs- und Gesellschaftsbau, von verkehrlicher Erschließung und täglicher Versorgung ein besonderer Wert ist. Er wollte mit seiner Arbeit, mit dem einzelnen Haus, Lebensgefühl und Heimat schaffen, er wollte mit daran wirken, dass sich Städte entwickeln und mit ihren Bürgern wachsen. Vor nicht allzu langer Zeit hatte Prof. Eisentraut in einer Veranstaltung mit dem Heimatverein Marzahn-Hellersdorf folgende Formulierung getroffen:

„Die industrielle Bauweise ist keine abgeschlossene Epoche, in einer industrialisierten Gesellschaft ist sie vielmehr ein ganz normaler Teil; es kommt nur darauf an, die industrielle Bauweise so zu lenken, dass sie für die wirklichen Bedürnisse eingerichtet wird, dass sie nicht als Selbstzweck die Lösung diktiert, sondern dass in erster Linie die Frage steht: Welche Stadtentwicklung brauchen wir, was brauchen wir für die Menschen, die da wohnen? Danach haben sich die technischen Möglichkeiten zu richten, und die Architekten natürlich auch.“

Wer heute die Wohnkomplexe in Marzahn durchstreift, trifft auf funktionierende und vermietete Häuser, auf gepflegte und respektierte Freiflächen, auf Menschen, die sich wohlfühlen und Rücksicht nehmen. Die Häuser wurden technisch nachgerüstet und das Wohnumfeld aufgewertet. Der Stadtteil wird jetzt spürbar verdichtet, überall drehen sich Kräne, die Nachfrage nach Wohnraum ist ungebrochen. Freilich ist es nötig, die Hälfte der Neuvermietungen zu subventionieren. Marzahn ist, entgegen der Annahme vieler Unwissender, ein beliebter Wohnort für arbeiterlich geprägte Menschen, darunter verschiedene Nationalitäten vor allem aus Osteuropa. Die weiträumige Kulisse hat sich in pandemischen Zeiten durch unterdurchschnittliche Infizienz bewährt. Was Marzahn dennoch braucht, sind sinnstiftende Hauptgebäude, die seinen Bewohnern gerecht werden und dem Stadtteil als Kernmarke dienen. Da könnte Eisentraut Rat geben.

Die Neubaukomplexe in der DDR und den anderen Ländern des Staats-sozialismus, das sei abschließend bemerkt, unterliegen nicht den Kriterien der bürgerlichen Architekturkritik. Es ging hier niemals um das einzelne Haus und seinen Tauschwert, es ging immer um das Häuser-Ensemble in seiner Gebrauchs-wertigkeit. Hein Köster, der langjährige Redakteur der Zeitschrift „form + zweck“, auf deren Seiten über einige Jahre eine ernsthafte Debatte zur Formgestaltung im Sozialismus stattfand, formulierte diese Erwartung so: „Der Anspruch der Einfachheit ist perspektivisch, denn sein Pathos ist die soziale Egalité.“ Und Lothar Kühne, ein weiterer wichtiger Akteur dieser Debatte differenzierte: „Für die Faszination der Einfachheit des Praktischen ist noch kein dauerhaftes Organ gebildet.“ Dies wäre dann allerdings ein neuer Vortrag. Ein anregender Abend mit Wolf R. Eisentraut ging zu Ende.

(Axel Matthies)


Otto Nagel und das Erbe der Familie

Am Ende des langen Otto-Nagel-Jahres 2019/2020, das leider von der Corona-Pandemie dominiert wurde, kann die „Initiativgruppe Otto Nagel 125“ auf eine Reihe wichtiger Veranstaltungen verweisen, die wir in Kürze hier zusammenfassen werden.

Heute wollen wir bereits ein Projekt vorstellen, das eine Enkeltochter Otto Nagels, Salka Schallenberg, auf den Weg gebracht hat. Es geht um den Verbleib der Werke Otto Nagels, die sich in seinem persönlichen Besitz befanden als er 1967 starb und die nun auf die Erben übergingen.

In ihrem Beitrag auf der Festveranstaltung am Tag des 125. Geburtstages Otto Nagels am 27. September 2019 im Schloss Biesdorf hatte Frau Schallenberg angekündigt, sich eingehend mit dem Verbleib der Bilder im privaten Besitz des Künstlers zu befassen. Erste Ergebnisse hat sie nun in einem Beitrag des Mitteldeutschen Rundfunks mdr für die Reihe „exakt“ vorgestellt.

Ausgangspunkt aller Querelen ist das Otto-Nagel-Haus, das am 12. Juli 1973, aufwändig und schön saniert, in Anwesenheit Erich Honeckers als Stätte für einen „bedeutenden Künstler der Arbeiterklasse“, wie es auf Seite 1 des „Neuen Deutschland“ am 13. Juli hieß, im historischen Berliner Fischerkiez eröffnet wurde. Geleitet werde es vom Ehepaar Schallenberg, Salkas Eltern.

Neues Deutschland vom 13. Juli 1973

Zwischen der Erbin Walli Nagel und dem Magistrat von Berlin wurde dafür ein Dauerleihvertrag abgeschlossen, den der Beitrag im Ausschnitt zeigt.

§ 2 des Dauerleihvertrages (Screenshot: mdr)

Im Verlauf der folgenden Jahre kam es zu Streitereien zwischen den Vertragsseiten in Hinsicht auf die Gültigkeit der Dauerleihverträge. Beklagt wurde weiterhin die Absicherung der Arbeit im Nagel-Haus durch das eingesetzte Personal. Da die Vertragsseiten keine Einigung erzielten, zog Walli Nagel die betroffenen Werke zurück, so sagt es Salka Schallenberg im Film. Ihre Eltern wurden von der Leitung des Nagel-Hauses im Jahre 1978 entbunden. Nun begann ein politischer Kampf um das Erbe. Dabei handelt es sich um etwa 300 Bildwerke. Frau Schallenberg geht davon aus, dass verschiedene politische Kräfte in der DDR daran interessiert waren, das Werk Nagels – als von „nationaler Bedeutung“ gekennzeichnet – in einer Hand zu behalten. Es gab seitens des Magistrats ein „unmoralisches Angebot“ in sechsstelliger Höhe, so heißt es im Film, das die Familie nicht annehmen wollte. Daraufhin schickte die zuständige Finanzbehörde einen Erbschaftssteuerbescheid, der das Erbe Otto Nagels nicht mehr auf eine sechsstellige sondern auf eine Millionensumme taxierte. Die Familie, Walli Nagel war 1983 verstorben, musste passen und überliess das Erbe dem Staat DDR. Das war 1985.

Erlass der Erbschaftssteuer und Vermögenssteuer, Schreiben vom 16.9.1985 (Screenshot: mdr)

Nach mehreren Rechtsverfahren im vereinigten Deutschland steht seit dem Frühjahr 2005 fest, dass der Besitz von Nagel-Bildern in den Händen vorwiegend Berliner staatlicher Museen, vor allem der Nationalgalerie, und der Akademie der Künste, rechtens ist. So hatte es das Oberverwaltungsgericht Neuruppin damals entschieden.

Frau Schallenberg zweifelt das auch nicht an. Sie fragt jedoch generell, auf welchem Wege und mit welchen Herkunftszeugnissen die Kunstwerke dorthin gelangt sind. Dafür steht ein wichtiger Zeitzeuge, der damalige und langjährige Staatssekretär im Ministerium für Kultur der DDR Kurt Löffler, zur Verfügung.

Kurt Löffler (Screenshot: mdr)

Der hochbetagte Löffler räumt ein, dass seinerzeit unterschiedliche Interessen aufeinander trafen, die „verhinderten, dass es eine korrekte, von allen Seiten getragene Entscheidung gab“. Im Zentrum stand die Erhebung der Erbschaftssteuer. Erbmassen über 100.000 Mark wurden vom Staat für Angehörige ersten Grades mit 50% bemessen. Die Familie sollte für die gemachte Erbschaft eine Erbschaftssteuer von 1,6 Millionen Mark leisten. Dem hätte nach damaligem Recht eine Erbsumme von 3,2 Millionen Mark zugrunde gelegen. Automatisch stellt sich die Frage, wie eine solch hohe Erbsumme errechnet werden konnte. Kunst in der DDR war bezahlbar, Unwägbarkeiten eines Kunstmarktes gab es nicht.

Wie wir heute wissen, war in solche Fälle in der Regel das Ministerium für Staatssicherheit involviert. Ab Jahresbeginn 1974 besaß die gerade gegründete Kunst und Antiqutäten GmbH (KuA) als Teil des KoKo-Imperiums das Monopol für Export und Import von Antiquitäten, Kunst und kulturellen Gebrauchtwaren. Um solche Gegenstände für den Export nutzbar zu machen, sorgte das Unternehmen dafür, dass Museen zum Aussondern bestimmter Bestände unter Druck gesetzt wurden und dass Sammler und Antiquitätenhändler gezielt kriminalisiert, verhaftet, verurteilt und enteignet wurden. Um die Sammler und Antiquitätenhändler zu kriminalisieren, schickte man ihnen einen überhöhten Einkommensteuerbescheid mit der Begründung, dass sie zu Hause gewerblich mit Kunstgegenständen handelten. Da sie diese Steuerschulden in der Regel nicht begleichen konnten, wurden ihre Sammlungen gepfändet. Das, was damals in der DDR als kalte Enteignung erschien, ist in der bürgerlichen Gesellschaft übrigens üblicher Alltag: auf die Eröffnung eines Testamentes folgt die Übersendung des Erbschaftssteuerbescheids.

Kurt Löffler betont, dass er mit Walli Nagel befreundet gewesen sei, er ihr aber in der Angelegenheit nicht unmittelbar helfen konnte. Obwohl er die Bücher offensichtlich für geschlossen hält, sagt er am Ende des Films doch diese Sätze: „Ich finde im Moment noch keinen Weg, wie ich diese falsche Haltung korrigieren kann. Wenn es einen gäbe, gemeinsam mit den Erben, würde ich ihn gehen.“ Er wäre an der Seite der Erben, wenn ihnen der Teil des Erbes zurück gegeben würde, der ihnen rechtmäßig zustehe. Das ist der Punkt, an dem Frau Schallenberg nun weiter forschen will.

Der Film der erfahrenen Fernsehjournalistin Romy Gehrke ist sauber recherchiert. Er zeigt dem interessierten Zuschauer die wichtigen Dokumente in dieser Causa. Den Beteiligten tritt die Autorin unvoreingenommen gegenüber. So sagt die Berliner Nationalgalerie Salka Schallenberg Unterstützung bei ihren weiteren Recherchen zu.

Salka Schallenberg in der Nationalgalerie (Foto: mdr)

Vor dieser Kulisse stellt sich wiederum die Frage nach der abgesagten Nagel-Ausstellung „Menschenbilder – Menschenbild“ im Schloss Biesdorf. Sie sollte vom Mai bis Ende September 2020 gezeigt werden. Der Bezirk, der die Ausstellung vollmundig anläßlich des 125. Geburtstages Otto Nagels angekündigt hatte, sagte sie kurz vor dem Eröffnungstermin kleinlaut wieder ab – aus technischen Gründen. Die Bilder bleiben im Depot. Wem nützen die Bilder Nagels dort? Es bleibt zu hoffen, dass die Erforschung der Provenienz diese Bilder befreit, sie zurück trägt in die Öffentlichkeit, wo sie vermisst werden. Es ist verrückt: für das Bild vom „Babylon Berlin“ verzückt sich das Feuilleton, für die Ausgesteuerten vom Wedding, für Arbeiter, Witwen und Kutscher am Existenzrand regt sich keine Hand. Berlin, einst die Arbeiterstadt Deutschlands, Nagel ihr Maler, scheint sich ihrer zu schämen.

So stellt man einmal mehr enttäuscht, ja verbittert fest, dass für Otto Nagel, den Ehrenbürger, in seiner Vaterstadt Berlin kein Platz ist. Nicht im Wedding, wo seine ursprüngliche Heimat war, nicht in Biesdorf, wo er die lichten, wenngleich auf andere Art schwierigen Jahre seines Lebens verbrachte. Man beginnt um so deutlicher zu spüren, wie hart er kämpfen musste und es wird nahezu selbstverständlich, ihm in diesem Kampf weiter beizustehen. Nagel wollte zeigen, was ist. Wir werden bezeugen, was bleibt.

(Axel Matthies)


Erhellende Blicke in das Leben unserer Abgeordneten

In unserer Veranstaltungsreihe BIESDORFER BEGEGNUNG fand am 23. September 2020 im Schloss Biesdorf eine Podiumsdiskussion zum Thema „Lust und Frust des Abgeordnetenlebens“ statt. Unser Vorstandsvorsitzender Dr. Heinrich Niemann, der die Veranstaltung moderierte, konnte als Gäste begrüßen:

Christian Gräff (CDU), Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses (MdA) seit 2016, in den Jahren 2006 bis 2016 Bezirksstadtrat in Marzahn-Hellersdorf,
Dr. Günter Krug (SPD), Bezirksverordneter seit 2019 in der BVV Marzahn-Hellersdorf, von 2001 bis 2011 MdA, Kongress der Gemeinden und Regionen des Europarates
Udo Wolf (Die Linke), MdA seit 2001, in den Jahren 2009 bis 2020 Vorsitzender der Linksfraktion im Abgeordnetenhaus (AGH),
Stefan Ziller (Bündnis 90/Die Grünen), MdA von 2006 bis 2011 und erneut seit 2016.

Die Parlamentarier von links: Wolf, Krug, Ziller und Gräff (Foto: C. Dressel)


Lust am Abgeordnetenleben empfinden alle vier Gesprächspartner, weil sie sich aus eigenen Stücken für diese Tätigkeit entschieden haben. Frust resultiert bisweilen aus vorgegebenen Anforderungen der Aufgaben, die ihnen übertragen wurden. In welchem Verhältnis Lust und Frust stehen hänge auch davon ab, wie engagiert der Abgeordnete sein Mandat wahrnimmt und wie hoch der eigene Arbeitsaufwand ist, weil andere nicht in gleichem Maße mit ziehen.

Ausführlich schilderten die Gesprächspartner ihren Arbeitsalltag als Abgeordnete:
Plenarsitzungen, Fraktionssitzungen, Beratungen in Ausschüssen, Kontaktpflege im Wahlkreis, Wahrnehmung von Fachaufgaben, Aktivitäten in der eigenen Partei, Hintergrundgespräche mit Journalisten.
Ergänzend berichtete Herr Wolf, welche Aufgaben ein Fraktionsvorsitzender zusätzlich wahrnehmen muss: Abstimmungen in der Koalitionsrunde, Teilnahme an Senatssitzungen und Staatssekretärkonferenzen.
Die Mitglieder des Abgeordnetenhauses sind Hauptzeit-Parlamentarier, die ca. 80 Stunden/Woche (Koalition) bzw. ca. 70 Stunden/Woche (Opposition) für ihre Tätigkeit aufwenden. Für die Familie bleibt wenig Zeit. Auf Anfrage informierten die Abgeordneten über ihre Vergütung.

Die Arbeit in der BVV eines Berliner Bezirkes ist dagegen ehrenamtlich; die Verordneten sind berufstätig. Sie erhalten eine Aufwandsentschädigung. In Beantwortung der Frage, welche Quellen Abgeordnete nutzen, um sich das notwendige Wissen für ihre Tätigkeit anzueignen, wurden genannt: Gespräche mit Bürgerinnen und Bürgern, Kontakte mit gesellschaftlichen Gruppen (Unternehmen, Organisationen, Verbände), wissenschaftliche Mitarbeiter und Dienste. Schon bei der Kandidatenaufstellung für die Wahlen berücksichtigen die Parteien die vorhandene Fachkompetenz. Für eine erfolgreiche Tätigkeit ist wichtig, dass der Abgeordnete lernt, wen er fragen kann und welche Fragen er stellen muss.


In der Diskussion wurde deutlich, dass AGH und BVV unterschiedliche rechtssetzende Funktionen haben. In diesem Sinne ist die BVV kein gesetzgebendes Parlament, hat neben der Kontrolle der Tätigkeit des Bezirksamtes aber rechtsverbindliche regulierende Funktionen bei der Festsetzung des Haushaltes. Die Festsetzung von Bebauungsplänen ist eine der wenigen Rechtsakte der BVV.
Herr Gräff erklärte auf Nachfrage, dass seine Tätigkeit im BER-Untersuchungsausschuss zu 80% Frust und 20% Lust sei, letzteres insbesondere aus der Sicht, dass man auch Neues lernt. Die aktuell in der Presse wieder aufgekommene Diskussion um die TVO, der seit Längerem diskutierten Straßenverbindung zwischen Marzahn und Köpenick, bereite ihm keinen Frust, weil es den Planfeststellungsbeschluss 2021 geben wird.

Auf der langen Bank? Die TVO mit ihren Korridoren
(Grafik: Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt)


Von den Gästen wurde die Frage gestellt, warum so lange über Veränderungen diskutiert wird und sich dann doch wenig oder gar nichts ändert. Die Abgeordneten bestätigten, dass es tatsächlich Streit in der Koalition und mit der Opposition gibt, der dem gültigen Demokratieverständnis entspringt. Wenn dann eine Entscheidung getroffen ist, müssen Probleme bei der Umsetzung gelöst werden. Und nicht alles kann umgesetzt werden. Herr Gräff hob in diesem Zusammenhang hervor, dass sich die Dinge auf Landesebene schwieriger gestalten als auf Bezirksebene.

Parlamentsferien, machten die Gesprächspartner abschließend deutlich, seien nicht nur Urlaub, sondern eher Zeit zum Nachdenken, zur Aufbereitung von Geleistetem und zur Kontaktpflege.
Die Frage nach einer Begrenzung der Dauer der Abgeordnetentätigkeit auf zwei Legislaturperioden wurde nicht von allen Gesprächsteilnehmern mit einem grundsätzlichen Ja beantwortet. Es wurde darauf unter anderem hingewiesen, dass ein Abgeordneter erst nach zwei Wahlperioden über den erforderlichen Sachverstand verfügt. Zudem nehme in den Parteien die Zahl der Mitglieder ab, die Lust auf eine Tätigkeit in der Politik haben.

Zwei intensive Stunden des Zuhörens und Diskutierens brachten interessante Informationen und neue Einblicke für die Teilnehmer im bis auf den letzten (coronabedingt zugelassenen) Platz gefüllten Heino-Schmieden-Saal.

Luftige Coronakulisse im Heino-Schmieden-Saal (Foto: C. Dressel)


Die nächste BIESDORFER BEGEGNUNG am 26. November hat zum Thema:

„Journalismus heute – was kann, was soll, was muss er?!“

Unter den eingeladenen Journalisten werden Chefredakteure Berliner Zeitungen sein.


(Prof. Dr. Gernot Zellmer)


Heino-Schmieden-Weg auf dem historischen Gutshof Biesdorf

Wer die Baufortschritte auf dem ehemaligen Gutshof Biesdorf aufmerksam verfolgt wird festgestellt haben, dass die zur Vermietung stehenden Wohnungen nun über Adressen verfügen. Sie sind benannt nach Heino Schmieden sowie Elsa Ledetsch und Gisela Reissenberger.

So wird das Gelände bald ausssehen. (Foto: Stadt und Land)

Wie uns die Pressestelle der ausführenden Gesellschaft Stadt und Land auf Anfrage mitteilte, liegt die Verantwortung für Straßennamen final bei den Bezirken von Berlin. „Diese prüfen (um zum Beispiel Doppelbenennungen zu anderen Bezirken auszuschließen) und bevorzugen aktuell die Vergabe von Frauennamen. In Rücksprache mit dem Bezirk kam es dann zur formellen Einreichung der Anträge mit den Namen Elsa Ledetsch und Gisela Reissenberger sowie Heino Schmieden (der Architekt des Biesdorfer Schlosses) und Karl Janisch (Planer vom Kuhstall, späterer Werksarchitekt bei Siemens). Alle vier Vorschläge haben einen lokalen Bezug zu Marzahn-Hellersdorf. Die Namensgebung wurde dann in einem langen Verfahren auf der städtischen Ebene geprüft und genehmigt, um Doppelbenennungen auszuschließen – Janisch fiel aber durch, weil in der Siemensstadt bereits eine Straße nach ihm benannt ist.“

Wir freuen uns vor allem, weil Schlossarchitekt Heino Schmieden nun noch einen Schritt weiter in die Öffentlichkeit gerückt ist. Bei einer gemeinsamen Veranstaltung mit Geschäftsführer Ingo Malter im März 2017 im Stadtteilzentrum Biesdorf zur künftigen Bebauung des historischen Gutsgeländes hatte unser Verein angeregt, Heino Schmieden mit einer Straße zu bedenken. In seiner großen Monografie „Heino Schmieden – Leben und Werk des Architekten und Baumeisters 1835 – 1913“ prägte Dr. Oleg Peters in seiner Schlussbetrachtung unter anderen diese Sätze:

„Heino Schmieden war ein äußerst produktiver Architekt, der mit einer großen Anzahl von Bauten zwischen 1866 und 1913 maßgeblich das Bauen in Preußen bzw. im Deutschen Reich prägte.

Mit seinem ästhetischen Feingefühl, scharfen technischen und organisatorischen Verstand, seiner lebendigen Tatkraft und Fachbegeisterung war er für die bauliche Entwicklung dieser Zeit von außerordentlicher Bedeutung.

Zahlreiche Bauherren, für die er Bauten ausgeführt hat, lobten ihn für die Einhaltung der Baukosten und die termingetreue Fertigstellung der Vorhaben.“

Die Frauen Elsa Ledetsch und Gisela Reissenberger, Mutter und Tochter, sind „Gerechte unter den Völkern“. Von 1943 bis 1945 versteckten sie in der Gleiwitzer Straße in Biesdorf gemeinsam fünf jüdische Mitbürger und retteten sie so vor der Ermordung durch die Nazis. Am 19. Oktober 1987 waren beide von der Gedenkstätte „Yad Vashem“ in Israel geehrt worden.

Gisela Reissenberger und Elsa Ledetsch (Foto: Yad Vashem)

Mit diesen Namensgebungen beweist der Bezirk Marzahn-Hellersdorf erneut sein Feingefühl für eine breitgefächerte und unvoreingenommene Auswahl.

Abschließend der Lageplan des Wohnungsstandortes mit den neuen Straßennamen.

Lageplan: Stadt und Land

(Axel Matthies)


„Mutter Krausens Fahrt ins Glück“ – eine kurze Nachbetrachtung

Unsere erste eigene Veranstaltung nach der pandemiebedingten „Kulturpause“ war die Aufführung des Filmklassikers „Mutter Krausens Fahrt ins Glück“ im Heino-Schmieden-Saal am 16. September 2020. Uns stand dafür eine Kopie des Bundesfilmarchivs in Berlin zur Verfügung.

Filmplakat von Otto Nagel

Vorstandsvorsitzender Dr. Heinrich Niemann begrüßte die interessierten Gäste herzlich. Sie hatten sich ordnungsgemäß angemeldet und trugen die Maske dabei. Er erinnerte daran, dass in einer Woche, am 23. September, das lange Otto-Nagel-Jahr anläßlich dessen 125. Geburtstag im Jahre 2019 zu Ende gehen werde. Leider konnten die weitreichenden Planungen für dieses Jubiläum nicht adäquat umgesetzt werden. Trotzdem bleibe Nagel eine wichtige Bezugsperson unseres Vereins „Freunde Schloss Biesdorf“.

Vorstandsmitglied Axel Matthies führte dann kurz in den Film ein. Er skizzierte den Platz des Films innerhalb der kurzen Serie proletarischen Filmschaffens am Ende der Weimarer Republik. Er stellte die Produktionsfirma Prometheus, den legendären Kulturmanager der KPD Willi Münzenberg und das Team am Filmset vor. Die Prometheus hatte den Film mit knappen 60.000 RM produziert, jedoch ein Vielfaches eingespielt. Er war ihr erfolgreichstes Projekt. Der Film sei besonders gekennzeichnet durch Kamera und Regie Piel Jutzis. Matthies sizzierte die Lebenswege der wichtigsten Schauspieler_innen, insbesondere Alexandra Schmitts als Mutter Krausen und Ilse Trautscholds als deren Tochter Erna.

Alexandra Schmitt und Ilse Trautschold

Der Film sei eine filmdokumentarische und filmkünstlerische Anklage der kapitalistischen Gesellschaft und eine bittere Erzählung des proletarischen Lebens im Berliner Wedding. Davon zeugen Piels großartige Bilder ganz nach dem Vorbild des frühen sowjetrussischen Films.

Die Idee für den Film stammte von Heinrich Zille, der eine Episode in der Familiengeschichte als Leitidee vorschlug: sein Großvater hatte sich verschuldet und keinen Ausweg gewusst – so habe der seinen guten Anzug angetan und sich erhängt. Ähnlich verhält es sich bei „Mutter Krausen“. Der Sohn versäuft eingesammeltes Zeitungsgeld in der Kneipe, so dass in der Kasse 20 Mark fehlen. Die Familie beratschlagt, aber es findet sich keine Lösung. Mutter Krausen trinkt noch eine Tasse Kaffee und legt sich dann aufs Bett – der Gashahn ist geöffnet. Zille wollte sich mit dem Film befreien von dem ihm durch die Unterhaltungsindustrie angehefteten Image des Proletarierverstehers, dem selbst in der zermürmendsten Situation immer noch eine witzige Wendung einfällt. Ganz an seiner Seite waren dabei Käthe Kollwitz und Otto Nagel, die konsequent jegliche Verkitschung des Stoffes, gerade nach dem Tod Zilles unmittelbar vor Drehbeginn, verhinderten.

Matthies benannte abschließend die Ergebnisse der Wahl zur Stadtverordneten-versammlung von Berlin 1929, dem Entstehungsjahr von „Mutter Krausens Fahrt ins Glück“: SPD und KPD erhielten zusammen 53%, die NSDAP bekam 5,8%. Beide großen Arbeiterparteien fanden nicht zu einer gemeinsamen Regierung. Berüchtigt aus diesem Jahr ist der sogenannte „Blutmai“.

Für Filmkenner gab es am Ende des recht gut erhaltenen Filmmaterials eine herbe Enttäuschung: die kurze, aber überzeugend inszenierte Demonstration, in die Erna hinein gerät und wo sie ihren Freund Max trifft, fehlt komplett. Während Mutter Krausen den Abschied vorbereitet, wehrt sich Erna gegen diese Logik. Den Filmemachern war diese Szene, wie wir aus Dokumenten wissen, sehr wichtig. Bei der Uraufführung im Berliner „Alhambra“ am Kurfürstendamm hatte Paul Dessau seine Filmkapelle an dieser Stelle die „Internationale“ spielen lassen. Später, nach aufgeheizten politischen Debatten, schnitten konservative Kinobesitzer diese Szene sogar eigenhändig heraus. Schade, dass das Filmarchiv nur über eine solche Kopie verfügt.

(Axel Matthies)


Versprochen: Fontäne im Schlossparkteich sprüht im Jahr 2021

Seit dem Frühjahr 2018 hat die Fontäne im Schlossteich Biesdorf ihren Betrieb eingestellt. Grund dafür ist die Verkrautung und Verunreinigung des Teiches. Die Pumpe kann nicht genügend Wasser anziehen.

Während seit der Anlage des Teiches durch Albert Brodersen im Jahre 1900 Gärtner und Gärtnerinnen des jeweiligen Besitzers bedarfsgerecht in das Wasser stiegen, um die anstehende Reinigung vorzunehmen, wurde im Jahre 2018 erstmals die Option einer nach EU-Recht notwendigen Ausschreibung für die erforderlichen Arbeiten gezogen. Hintergrund war vor allem, dass das Grünteam des Schlossparkes altersbedingt nicht mehr selbst die Reinigung bewerkstelligen konnte. Als unser Verein „Freunde Schloss Biesdorf“ den zuständigen Leiter in eine Beratung Anfang 2019 lud, erhielten wir die Auskunft, dass die Ausschreibung veröffentlicht sei. Lange geschah nichts. Anfang Mai 2020 ergab sich, anläßlich der Pflanzung von drei Birken im Andenken an die gefallenen und zeitweise im Schlosspark beerdigten sowjetischen Soldaten, die Gelegenheit, erneut nachzufragen. Die Antwort erstaunte: die Ausschreibung sei doch nicht herausgegeben, als notwendige Anlage fehle ein qualifiziertes Umweltgutachten. Die Verwaltung könne kein geeignetes Umweltbüro finden.

Ein Anblick, der trügt: der Teich ist verkrautet und sauerstoffarm

Nun, im Spätsommer 2020, zeigt sich ein optimistisches Bild: die Verantwortlichen bekennen sich zu eindeutigen Aussagen. In einer Anfrage, die Kristian Ronneburg, MdA der Fraktion der LINKEN, an den Präsidenten des Abgeordnetenhauses von Berlin gerichtet hatte, erhielt er unter anderen folgende Aussage, die von Staatssekretär Ingmar Streese unterschrieben war: die Schwimmfontäne ist sanierungsbedürftig, die Sanierung ist in Planung, die Sanierungskosten betragen 300.000 Euro, die geplante Inbetriebnahme ist 2021. Diese Information basiert auf der Zuarbeit der bezirklichen Grünflächenverwaltung. Wir stellen Ihnen die komplette Antwort hier zur Verfügung:

In seinem Tagesspiegel-Newsletter für Marzahn-Hellersdorf vom 1. September 2020 nimmt Redakteur Caspar Schwietering diesen Sachverhalt noch einmal auf und informiert über ein Telefonat mit Stadträtin Nadja Zivkovic: „Derzeit werde von einer Firma ermittelt, welche Tiere und Pflanzen sich im Schlossteich befinden. Anschließend will das Bezirksamt entscheiden, ob es eine Umweltverträglichkeitsprüfung braucht, bevor die Bauarbeiten beginnen können. Klingt so, als könnte es noch etwas dauern, bis die Fontäne wieder Wasser in die Höhe spritzt“, heißt es im Newsletter.

Wir hingegen verlassen uns auf die Aussage des Staatssekretärs und verfolgen die Dinge mit großem Interesse weiter…


Abschließende Führung mit Kuratorin Frau Dr. Förster – und Überraschungsgästen

Die retrospektive Schau mit 50 Werken des Malers Ronald Paris im Schloss Biesdorf endete am 14. August. Kurz zuvor jedoch konnte unser Verein „Freunde Schloss Biesdorf“ die Kuratorin Frau Dr. Förster zu einer abschließenden Führung gewinnen.

Die Führung war reziprok angelegt: Die Kuratorin erläuterte, die Gäste stellten Fragen oder ergänzten. So entstand ein informationsreicher Dialog zum Nutzen aller.

Frau Dr. Förster

Frau Dr. Förster berichtete von der kurzen Vorlaufzeit der Ausstellung, die ursprünglich erst im Herbst beginnen sollte. Doch wegen der kurzfristigen, auch für sie nicht nachvollziehbaren, Absage der Ausstellung mit Nagel-Porträts sei Eile geboten gewesen, um in die Bresche springen zu können.

Das Haus von Ronald Paris in Rangsdorf, so die Kuratorin, ist voll mit Bildern des Künstlers. Am Anfang hätten 150 Werke zur Auswahl gestanden, im Ergebnis wurden es dann 50 Zeichnungen und Gemälde. Die Auswahl sei zum Schluss immer schwieriger geworden. Schließlich datiert das früheste Bild aus dem Jahre 1957.

Frau Dr. Förster startete ihre Führung mit Arbeiten aus den 1970er Jahren, als Paris sich neben seinen Auftragsarbeiten im öffentlichen Raum mit mythologischen Themen zu befassen begann, um Fragen des menschlichen Lebens aus der Enge des Zeitpolitischen heraus zu nehmen und klarer ausdrücken zu können. Eine Tendenz, die in der bildenden Kunst auch von anderen Malern besetzt wurde. In der Literatur etwa griffen vor allem Autorinnen mit dem gleichen Zweck auf die Romantik zurück.

Als Beispiel seien Texte von Christa Wolf genannt

Einen weiteren Schwerpunkt in der Ausstellung bilden Künstlerporträts. Die gezeigten Zeichnungen basieren alle auf der persönlichen Bekanntschaft mit Ronald Paris und demonstrieren eine unverkennbare Intimität und begreifendes Einvernehmen. Inge Keller, Heiner Müller, Arno Mohr, Otto Nagel, Paul Dessau und Harry Kupfer sind Namen, die für eine sozialistische Grundposition stehen. Es sind Namen, das darf man sagen, die heute noch vertraut sind, aber in wenigen Jahrzehnten aus dem kulturellen Gedächtnis verschwunden sein können. Diese Porträts werden dagegen ankämpfen. Genauso wie Paris‘ Bilder für sich selbst.

Porträtzeichnung Arno Mohr, der dieser Tage 110 Jahre alt geworden wäre

Im großen Saal zur Südseite endete die Führung. Hier hängen vor allem Landschaftsbilder. Sie entstanden überwiegend nach 1990, als Paris oft reiste und Lieblingsplätze in Italien, Spanien, Frankreich und auf den britischen Inseln fand. Diese Bilder sehen ab vom Furor der menschlichen Kämpfe – sie sind still, besinnlich, schön. Doch auch hier ist die Stille nicht tot: in einer Ecke hängt ein kleines Bild mit dem Titel „Hotel Lux“ aus dem Jahre 1964. In bester impressionistischer Seelenverwandschaft zeigt das Bild – nichts. Oder das Phantom eines in die Geschichte eingegangenen Hotels.

Wie öfter bei dieser Ausstellung erschien der Meister unerwartet auch in dieser Führung. Er sucht das Gespräch mit den Besucherinnen und Besuchern, fragt nach Meinungen, Eindrücken und Erinnerungen. Diesmal wurde er neben seiner Frau vom Ehepaar Barbara und Winfried Junge begleitet, den Schöpfern der Langzeitdoku „Die Kinder von Golzow“. Sie ist gegenwärtig sonntags spätabends im Programm, kann aber in der ARD-Mediathek umfänglich abgerufen werden. In einem kurzen Gespräch sagte Winfried Junge mir prinzipiell einer gemeinsamen Veranstaltung im Frühjahr kommenden Jahres im Schloss Biesdorf zu – „wenn die Termine es hergeben…“. Es wird schon klappen; die Junges wohnen in Friedrichsfelde.

Hinten zentral Ronald Paris, links neben ihm Winfried Junge, am Fenster Frau Paris

Der Vorstandsvorsitzende unseres Vereins Dr. Heinrich Niemann bedankte sich herzlich bei Frau Dr. Förster für die intelligente und umsichtige Führung, die bei allen Wissenszuwachs und Neugier auf das Werk von Paris erbrachten. In der Ausstellungsperiode kamen 21.000 Gäste in die Galerie Schloss Biesdorf.


Am 12. August feiert Ronald Paris seinen 87. Geburtstag. Von dieser Stelle aus gratulieren wir sehr herzlich, wünschen gute Gesundheit und Schaffenskraft.

(Axel Matthies)


„erdacht & gemacht“ nun erschienen

In Marzahn-Hellersdorf lebten und arbeiteten viele kluge Köpfe, die mit Kreativität und Zielstrebigkeit wegweisende Ideen verwirklichten. Was wäre der Bezirk ohne die klugen Köpfe, die den Standort in der Vergangenheit voranbrachten und prägten?

Titelseite des Buches

Die nun vorliegende Publikation führt die Leserinnen und Leser an Orte in Marzahn-Hellersdorf, die voll sind von Einfallsreichtum und Schöpferkraft. Herausgekommen ist eine tiefschürfende Spurensuche: von den ehemaligen Gütern Marzahn, Kaulsdorf und Biesdorf über den Gewerbepark „Georg Knorr“, den Krankenhauspark „Wuhlgarten“ mit den backsteinernen Klinikbauten bis hin zum geschichtshochträchtigen Schloss Biesdorf.

Einen Schwerpunkt bildet der Standort Schloss Biesdorf und das damit verbundene Wirken von Wilhelm von Siemens nicht nur als kreativer Schloss- und Gutsherr sondern auch als einer der erfolgreichsten Netzwerker Berlins. In Biesdorf traf man sich nicht nur zu Familienfesten. Ab 1890 bot die Siemens-Villa – wie die erstmals ausgewerteten Tagebucheintragungen Wilhelms belegen – den repräsentativen Rahmen für Zusammenkünfte des sozial und kulturell engagierten Berliner Industriebürgertums. Sein „Schloss“ zählte zu den ersten Adressen am nordöstlichen Stadtrand mit Stadtbahnanschluss.

Elly und Wilhelm von Siemens auf der Terrasse (Foto: Siemens Historical Institute, Berlin)

Darüber hinaus werden elf historische Persönlichkeiten – von Franz Carl Achard über Sergej Schilkin bis zu Erich John – porträtiert, die im Territorium des heutigen Bezirks Marzahn-Hellersdorf lebten oder leben und die die Geschichte und Entwicklung unseres Landes, der Hauptstadt Berlin oder unseres Bezirks auf unterschiedliche Weise geprägt haben. Das Spektrum des Personenkreises reicht von Unternehmern über Techniker, Konstrukteure und Erfinder bis hin zu Kreativen, die vom Ende des 18. Jahrhunderts bis Ende der 1960er Jahre ihre oft genialen Idee umsetzten.

Es wäre schön, wenn diese Menschen Bestandteil des kulturellen Gedächtnisses von Marzahn-Hellersdorf würden, wenn Bürgerinnen und Bürger sich deren Vermächtnis‘ annähmen – so wie unser Verein „Freunde Schloss Biesdorf“ es mit Otto Nagel und der Siemens-Familie tut.

Herausgeber der mit einer Auflage von 2.000 Exemplaren erschienenen Publikation ist das Bezirksamt Marzahn-Hellersdorf, Abteilung Wirtschaft, Straßen und Grünflächen. Die Idee stammt von Dr. Oleg Peters (Mitarbeit: Dr. Bernd Maether, Dr. Frank Wittendorfer und Frank Holzmann), der auch die Realisierung des Projektes mit der aperçu Verlagsgesellschaft mbH übernahm.

Die edel gestaltete Ausgabe ist gegen eine Schutzgebühr von 8 Euro an folgenden Stellen erhältlich:

  • Thalia Berlin – Eastgate Berlin, Marzahner Promenade 1a
  • Kaulsdorfer Buchhandlung, Heinrich-Grüber-Straße 9
  • Buchhandlung Petras, Fritz-Reuter-Straße 12
  • Biesdorfer Papeterie, Oberfeldstraße 179
  • Tourismusinformation Marzahn-Hellersdorf, Hellersdorfer Str. 159
  • Bezirksmuseum Marzahn Hellersdorf, Alt-Marzahn 51
  • Onlineshop der aperçu Verlagsgesellschaft mbH.

Der Verlag bietet eine Leseprobe an, die wir an Sie weiterreichen:


Große Retrospektive für Ronald Paris in Biesdorf

Seit dem 14. Juni ist im Schloss Biesdorf die Ausstellung „Bilder vom Sein – Arbeiten aus sechs Jahrzehnten“ von Ronald Paris zu sehen. Sie dauert bis zum 14. August und umfasst Gemälde und Zeichnungen, Grafiken und Collagen. Die Ausstellung ist eine Antwort auf die plötzliche Absage der geplanten Exposition mit Porträts von Otto Nagel, die seit 21. Mai hier im Schloss das zentrale Ereignis innerhalb des Otto-Nagel-Jahres bilden sollte. „Die Ausstellung soll sobald wie möglich, vielleicht schon im nächsten Jahr realisiert werden“, so die jüngste Aussage der Kulturstadträtin Witt (LINKE). Um so höher ist das Engagement des Galerie-Teams um Karin Scheel zu schätzen, Leerzeit zu vermeiden und die für Herbst geplante Paris-Ausstellung vor zu ziehen. Die Kuratorin Gerlinde Förster hat aus dem Schaffen des Malers etwa 50 Werke ausgewählt, die sich in dessem eigenen Besitz befinden.

Kämpferisch wie immer: Ronald Paris coronagerecht bei der Ausstellungseröffnung

Ronald Paris (*1933) gehört zu den herausragenden Malern und Grafikern seiner Generation. Die retrospektiv angelegte Ausstellung zeigt in einem kontrastreichen räumlichen Gegenüber Malerei und Zeichnungen, die beispielhaft für das Lebenswerk des Künstlers stehen.

Paris sucht das Erlebnis der Landschaft, die menschliche Gestalt, und er braucht die damit verbundene Geschichte. Das Verlangen, den Menschen in seiner sozialen Wesenheit zu begreifen, hinter die Gründe und Abgründe seines Tuns zu kommen, ist die eigentliche Triebkraft seiner Bildwelt.

Er greift auf antike Gestalten und Mythen zurück, ist von den Dramen Shakespeares bis zur Dichtung Volker Brauns inspiriert und nimmt dieses Material auf für seine künstlerischen Deutungen.

Eine wichtige Facette seines Werks sind die Porträts, sie sind der verdichtete Ausdruck seiner realistischen Kunst. Einer der Porträtierten ist Otto Nagel. Noch heute ist die für Paris prägende Zeit an der Akademie der Künste als sein Meisterschüler bei ihm wach. Andere Zeichnungen wie die von Ernst Busch, Hanns Eisler, Heiner Müller, Harry Kupfer und Inge Keller verweisen auf Paris‘ große Nähe zum Theater.

Paris‘ Bedürfnis ist es bis heute, sich künstlerisch einzumischen. Durch viele seiner künstlerischen Deutungen fordert er polemisch-trotzig einen Dialog heraus.

So weit die Vorankündigung zur Ausstellung. Aber wie wirkt sie auf den Betrachter in der persönlichen Reflexion?

Blut und Tränen

Für mich erst einmal als Schau mit Blut und Tränen. Menschen sind in Bedrängnis, werden vertrieben, gequält oder getötet. Viele antike Figuren werden aufgerufen, von denen nur der Griechisch- oder Lateinschüler Kenntnis hat; uns ahnt nur, was sich da tat. Dennoch prägt man sich Namen ein und blättert nach. Unlängst hat Gunnar Decker über eine Wieland-Förster-Ausstellung notiert:

„Über Marsyas hatte Fühmann eine verstörende Erzählung geschrieben – dies hier (Försters Plastik) ist gleichsam ihr visuelles Pendant. Ein Gleichnis auf den Künstler vor der Macht samt ihrer grausamen List. Der Wettstreit von Marsyas mit Apollon endet damit, dass sich Apollon zum Sieger erklärt und Marsyas auf grausame Weise tötet – ihn häutet, verstümmelt, in Fetzen schneiden lässt und diese Fetzen in alle Winde verstreut. Aber mit diesem vollständigen Sieg hat sich Apollon auch selbst eine vollständige Niederlage bereitet, denn Marsyas’ Partikel sind nun überall, der schöpferische Funke ist nicht mehr aus der Welt zu bringen.“

Diese Bilder sind in extrem expressionistischer Form in erdigen Farben – grün-braun – mit häufig akzentuiertem Rot ausgeführt. Sie sind wuchtig und leidenschaftlich, drücken das aus, was der Maler als häufigste Argumente bei seiner Weltbetrachtung benutzt: Willkür und Gewalt.

Die Schändung des Marsyas (nach einer Novelle von Franz Fühmann), 1994

Und Paris hält die Erinnerung wach: Oscar Romero, der Erzbischof von San Salvador , – wer erinnert sich noch an ihn? – wird im März 1980 während einer von ihm zelebrierten Messe mitten in einer katholischen Kathedrale erschossen. Romero war ein hoch angesehener Vertreter der Befreiungstheologie; sein Tod löste heftige soziale Kämpfe in El Salvador aus. Paris denkt an ihn und damit an viele andere, die wir vergessen haben. Das Gemälde hält nicht den Schrecken und die Angst fest sondern das stille Momentum des Todes.

Oscar Romero, 1981

Neben den antiken Figuren beruft sich Paris auf Heiner Müller, Franz Fühmann und Volker Braun, Namen, die in der modernen deutschen Literatur herausragende Bedeutung haben und die, wie Franz Fühmann, sich mit dem Thema „Dichtung und Doktrin“ auseinander setzten – einem Thema, dem Paris mit seinem Werk ähnlich eng verbunden ist. Die Ausstellung heißt ganz bewußt: „Bilder vom Sein“. Und Paris fügt hinzu: „Alle Verhältnisse sind nur Verhältnisse. Sie sind von Menschen gemacht und können von Menschen verändert werden.“ Wer so spricht, hat sich mit der materialistischen Geschichtsauffassung befasst. Er weiß, wovon er malt.

Heiner Müller, Bleistift 1988


Widerspruchsvolle Lehrjahre

Wie ist der Maler Ronald Paris eigentlich geworden? Ich habe keine gerichtete Erinnerung, könnte nur sagen, dass Paris immer dabei war. Aber er nahm in der DDR eine langwierige Lehrzeit in Kauf. Nach dem Studium der Wandmalerei an der Kunsthochschule in Weißensee zwischen 1953 und 1958, wofür er das heute legendäre ABF-Abitur nachholen musste und wo er unter anderen bei Robbel, Mohr, Mucchi und Heller lernte, wollte er schnell praktische Ergebnisse vorweisen. Mit einem Stipendium des Magistrats von Berlin ging der junge Paris in die LPG Berlin-Wartenberg, um nach den Maßstäben des Bitterfelder Weges im Sommer 1960 die Genossenschaftsbauern zu begleiten. Die vorgelegten Arbeiten, die nach bestem Wissen den neuen Charkter der Landarbeit als frei von Privateigentum und Junkertum zeigten, wurden als „Verzerrung der Wirklichkeit“ charakterisiert und sowohl in „Junge Kunst“ als auch der FDJ-Studentenzeitschrift „forum“ fundamental kritisiert. Die Kritik richtete sich vor allem auf die nicht gezeigte neue Landmaschinentechnik, die „Kombines“. Hermann Raum vergleicht in seinem Standardwerk „Bildende Kunst in der DDR“ SED-Kulturpolitik und die Dogmen der monolithischen Kirchen mit dem Bild, dass „stets die überzeugtesten und fähigsten Anhänger“ am borniertesten attackiert worden wären.

Damit hatte Ronald Paris erst mal seinen Stempel bekommen. Um so höher ist die 1963 folgende Meisterschülerschaft bei Otto Nagel in der Akademie der Künste zu werten, die ihn und seinen Weg stärkte. Nagel schützte und fördete seine Schüler. Parallel war Paris in den Theatern Ost-Berlins zu Haus, insbesondere in der Volksbühne bei Besson und im Berliner Ensemble. Paris schuf dort Szenen und Ausstattungen. Diese Zeit bestritt er mit seiner damaligen Frau Helga Paris, die sich erste Sporen als Theaterfotografin verdiente. Dort begann auch die Bekanntschaft mit Wolf Biermann, der sich um die Gründung des Berliner Arbeitertheaters b.a.t. verdient gemacht hatte. 1969 reüssiert Ronald Paris erstmals in großem Stile mit dem Wandgemälde „Lob des Kommunismus“ im Saal des damaligen Hauses der Statistik. Es wurde mit der Stillegung des Hauses abgenommen und hängt heute im DDR-Museum. Diese hochinteressante Geschichte können Sie hier nachlesen.

Lob des Kommunismus, 1969


1975 folgt dann ein Schnitt: Ronald Paris verläßt Berlin und geht gemeinsam mit Isolde Hanke, seiner neuen Lebensgefährtin, nach Rostock-Evershagen, um die dortigen Neubauviertel künstlerisch zu gestalten. 1976 erhält er den Nationalpreis. Er schafft noch große Wandbilder für das Neue Gewandhaus in Leipzig und das damalige Kulturhaus Schwedt, die heutigen Uckermärkischen Bühnen. 1985 kehrt er nach Berlin zurück und führt den Berliner Bezirksverband der Bildenden Künstler bis 1991. Was aus heutiger Perspektive überrascht: Ronald Paris wurde nicht zum Mitglied der Akademie der Künste der DDR ernannt.

Ruhe und Schönheit

Die politische Wende in der DDR und der Beitritt zur Bundesrepublik Deutschland mögen den Maler sehr geschmerzt haben. Wie so viele andere Künstler aber stimuliert die Entlassung aus der staatlichen Vormundschaft Paris zu neuen Themen und neuer Schaffenskraft. Ronald Paris reist viel, entdeckt seine Liebe zu den südlichen Ländern Europas, zu den Ländern, in denen seine mythischen Themen einst aufgerufen wurden. Frankreich kommt hinzu und Nordeuropa, insbesondere dessen Küsten. Er malt Landschaften und Stilleben, entdeckt Ruhe und Schönheit. Er kramt für die Ausstellung auch alte Hüte aus, die aber bereits Ikonen seines Künstlertums sind.

Stilleben vor nächtlicher Straße (Das graurotgrüne Vorstadtlied), 1957

Man steht atemlos vor dem Bild „Hotel Lux“ aus dem Jahre 1964 – und sieht nichts… Das Hotel ist ein Phantom. Vielleicht die beste Lösung, die ein sozialistischer Maler damals finden konnte.

Die Landschaften, die er gemalt hat, verströmen Ruhe und Anschaulichkeit, sie sind frei von Anstrengungen und Kämpfen. Auch das gehört zu seiner Kunst.

Vor dem Zeesbootrennen, 2006


Zu den Legendenbildungen im Umfeld der Besprechungen dieser Ausstellung gehört die Behauptung einer Freundschaft zwischen Paris und Biermann. Sicherlich gibt es frühe Begegnungen in den 1960er Jahren innerhalb der Berliner Theaterszene. Fakt ist, dass Paris Illustrationen zu Biermanns Gedichtband „Drahtharfe“, dem am meisten verkauften Lyrikband, fertigte. Aber spätestens 1968 schieden sich die Geister, als beide die Ereignisse in der CSSR höchst unterschiedlich interpretierten. Dennoch schuf Ronald Paris das Porträt für den Ehrenbürger von Berlin des Jahres 2007. Biermann saß zwei Tage Modell. Am Tag der Verleihung ätzte dieser wie gewohnt – auch gegen den Maler.

Ehrenbürger Wolf Biermann im Abgeordnetenhaus von Berlin

Ganz am Ende ein kleiner Film aus dem Jahre 2012: Ronald Paris im Gespräch mit Karlen Vesper zum gemeinsamen Buch: „Wahr und wahrhaftig“.

Die Ausstellung ist höchst empfehlenswert, auch die sie begleitende Publikation.

Öffnungszeiten:

täglich von 10 – 18 Uhr
Freitag 12 – 21 Uhr
Dienstag geschlossen

Das Tragen einer Mund-Nase-Maske ist erforderlich.

www.schlossbiesdorf.de

(Axel Matthies)


Drei Birken zum Gedenken

Am 7. Mai 2020, 75 Jahre nach der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht, pflanzten Bürgerinnen und Bürger sowie Bürgermeisterin Dagmar Pohle und die Stadträtinnen Nadja Zivkovic und Juliane Witt im Schlosspark Biesdorf drei Birken zur Erinnerung an gefallene Soldaten der Roten Armee, die dort zeitweilig beerdigt waren. Es war zugleich eine Erinnerung an den Tag der Befreiung.

In ihrer kurzen Ansprache erinnerte die Bürgermeisterin an den deutschen Vernichtungsfeldzug in der Sowjetunion und zitierte Zeilen aus Jewgeni Jewtuschenkos unvergessenem Gedicht „Meinst du, die Russen wollen Krieg?“ Die heute gepflanzten Birken, so Frau Pohle, sollen erinnern an die verbrannte Erde und den umkämpften Weg zurück.

Für unseren Verein, von dem diese Initiative ausging, sprach Dr. Heinrich Niemann. „Dass die Einrichtung dieses Friedhofs durch die sowjetische Armee den nach dem 2. Weltkrieg in Berlin oft für Feuerholz gefällten Baumbestand in diesem Park gesichert und das Schloss vor weiterer Zerstörung und Verfall bewahrt hat, erweist sich mit Blick auf die nach vielen Jahrzehnten gelungene Wiederherstellung des Denkmalensembles nicht nur als glücklicher Umstand, sondern als zusätzliches Argument, an den 75. Jahrestag der Befreiung zu erinnern.“ Er dankte ausdrücklich Frau Stadträtin Zivkovic für die unbürokratische Umsetzung. Für den Heimatverein Marzahn-Hellersdorf war Vorstandsmitglied Claas Reise zu diesem Termin gekommen.

Bei der Pflanzung: Dr. Niemann, Frau Pohle, Frau Witt, Frau Zivkovic, Herr Reise (v. l.). Rechts Frau Schwedesky vom Grünflächenamt Marzahn-Hellersdorf

Die damalige Lage der Gräberfelder im Schlosspark. Die Birken wurden im südöstlichen Zipfel, im ehemaligen Feld c, gepflanzt


Ein Gruß der „Freunde Schloss Biesdorf“

Die Birke hat bei Slawen, insbesondere bei Russen, eine herausgehobene Bedeutung. Sie ist der hellste Baum im Wald und steht bei Festen im Mittelpunkt. Wächst sie neben dem Haus, wird sie zum Beschützer der Familie.

Der Saft der Birken ist sehr gesundheitsfördernd. Im Geschmack ist der Saft angenehm leicht süßlich und mit einem typischen Aroma. Russen trinken ihn gern zu einem zünftigen Schaschlyk und einem etwas stärkeren Wässerchen. Die alten Slawen hatten aus Birkenrinde geflochtene Schuhe und Kämme. Birkenholz gehört zu den weicheren Holzarten, deshalb verwenden es die Künstler gern. In früheren Zeiten stellte man Haushaltsgegenstände und Messerhüllen aus Birkenrinde her. Im Schaffen vieler Künstler nahm und nimmt die Birke einen herausragenden Platz ein.

Isaak Levitan: Goldener Herbst


Alexander Golowin: Birken im Abendlicht

Die erste Strophe des oben genannten Gedichtes von Jewtuschenko lautet:

Meinst du, die Russen wollen Krieg?
Befrag die Stille, die da schwieg
im weiten Feld, im Pappelhain,
Befrag die Birken an dem Rain.
Dort, wo er liegt in seinem Grab,
den russischen Soldaten frag!
Sein Sohn dir drauf Antwort gibt:

Meinst du, die Russen woll’n,
meinst du, die Russen woll’n,‘
meinst du, die Russen wollen Krieg?


Vortrag „Heinrich Zille und sein Milljöh“ – mit Exkurs Zille in Lichtenberg

Die Kunsthistorikerin Nicole Bröhan, Tochter des im Jahre 2000 verstorbenen Unternehmers und Kunststifters Karl H. Bröhan, hielt am 19. Februar einen Vortrag über „Heinrich Zille und sein Milljöh“ im Schloss Biesdorf. Wir konnten Frau Bröhan kurzfristig für diesen Termin anläßlich der 50. Wiederkehr der Ernennung Heinrich Zilles und Otto Nagels zu Ehrenbürgern durch den Magistrat von Berlin am 4. Februar 1970 gewinnen. Frau Bröhan ihrerseits war dieser Einladung gerne gefolgt, hat sie doch zu Zille eine Biografie bei Jaron vorgelegt. Zille wiederum ist nicht nur der Zeichner Alt-Berlins und prominenter Bewohner des um die Jahrhundertwende expandierten Charlottenburg sondern auch profunder Kenner und langjähriger Weggefährte des Berliner Ostens. Wir zeichnen den Vortrag Frau Bröhans nach und ergänzen gelegentlich.

Zilles Familie reiste 1867 aus Radeburg bei Dresden in den Osten Berlins, ins heutige Friedrichshain. Auslöser dafür war eine erhebliche Steuerschuld des Vaters gegenüber Sachsen. Zille, der damals neun Jahre alt war, hat sich später so erinnert: „Am Anhalter Bahnhof kletterten wir aus dem Zug. Da hätten wir nun in der Gegend wohnen bleiben sollen. Denn die Leute siedelten sich damals in den Stadtteilen an, wo sie mit der Bahn ankamen. Die Pommern blieben am Stettiner Bahnhof (heute Nordbahnhof), am Schlesischen Bahnhof (heute Ostbahnhof) wohnten die Ostpreußen und Pollacken und am Görlitzer Bahnhof die Schlesier. Wir aber zogen in die Gegend am Schlesischen Bahnhof…“ Die Familie kam zunächst in einer kleinen Kellerwohnung in der Andreasstraße unter. Die Gegend, damals noch am südöstlichen Stadtrand, war bereits im Umbruch.

Karte mit der Bevölkerungsdichte aus dem Jahre 1875
am damaligen Frankfurter Bahnhof

An die Stelle der von Zille später „alte schwarze Häuser“ genannten Gebäude traten zunehmend die typischen Berliner Mietskasernen. Berlin, zumal nach dem Fluss französischer Kriegskontributionen, expandierte unvorstellbar und brauchte dazu jede Menge Arbeiter. Das „Stralauer Revier“ oder die „Stralauer Vorstadt“, in der die Zilles wohnten, ist dafür ein typisches Beispiel: die Bevölkerung wuchs hier von 80.000 im Jahre 1867 auf mehr als 300.000 im Jahre 1910. Es gab reichlich Spannungen unter den Zugewanderten. Heinrich besucht die Gemeindeschule in der Krautstraße, wo er mühelos lernt. Sein natürliches Hinterland, in das er Ausflüge unternimmt und zeichnet, sind Stralow, Lichtenberg, Friedrichsfelde und sogar Biesdorf. Von Biesdorf existiert eine Zeichnung der Feldmark.

Der junge Sachse hatte keine Berührungsängste mit Mitbewohnern. Er berlinert schnell. Armut, Arbeitslosigkeit, Verwahrlosung lernt er kennen wie seine zweite Haut. Der sogenannte fünfte Stand und die allgegenwärtigen Nutten, übrigens eine Sprachschöpfung jener Zeit (vom technischen Begriff „Nut“), sind ihm vertraut. Dieses Elend wird in seinen Zeichnugen zum Markenzeichen. Von einer Mitbewohnerin zeichnet er die Küche.

Küchentisch von Frau Clara

Überall macht er sich nützlich, um die Mutter zu unterstützen. Er hilft der Metzgersfrau, die nicht lesen und schreiben kann, bekommt dafür Wurst und heißt „Wurst-Zille“. Die benachbarte Weberwiese war Unterlage für alle möglichen Gestalten und hieß damals Lausewiese. Besuche im Zoo mussten die Kinder zu Fuss angehen. Wie im Sommersemester 1837 Karl Marx von Stralow aus zur Friedrichs-Wilhelm-Universität zogen sie auf der heutigen Holzmarktstraße spreeabwärts in die Altstadt und von dort durch den Tiergarten zum Zoo. Heute erscheint einem die S-Bahnfahrt dorthin schon lang.

Zille zeichnete Marx um 1900

Als sich der Schulabschluss abzeichnete, wies der Vater, der inzwischen als Mechaniker bei Siemens & Halske angestellt war, seinen Sohn an, Fleischer zu werden. Fleisch und Wurst würden bei der explosiv wachsenden Bevölkerung immer benötigt, argumentierte er. (Der Städtische Central-Vieh- und Schlachthof an der Ringbahn wurde am 1.3.1881 eröffnet.) Heinrich seinerseits war durch seinen Zeichenlehrer Spanner auf die Idee gekommen, Lithograph zu werden. Spanners Argumente: du sitzt inne warme Stube, wirst mit Sie anjeredet und kriegst keene dreckigen Kleider. Und so hat sich Heinrich durchgesetzt. 1872 nahm er die Lehre auf.

Die Lithographie gehörte im 19. Jahrhundert zu den am meisten angewendeten Drucktechniken für farbige Drucksachen. Sie war das Zwischenglied zwischen Malerei/klassischer Grafik und der Fotografie/Offsettechnik und bekam insbesondere in den späten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts überragende Bedeutung für Zeitungen, Zeitschriften, illustrierte Romane, die sich so viel besser verkaufen ließen sowie für Plakate, Emailleschilder usw. Nach dem Weltkrieg eroberten dann zunehmend die Fotografie und der Offsetdruck den Markt für Druckerzeugnisse. Zu Zilles Zeiten wurden aber begabte Lithographen, die die zu druckenden Texte und Bilder auf einem Lithographiestein manuell und seitenverkehrt anzufertigen hatten, wie Goldstaub gesucht. Während seiner Ausbildungszeit nahm Zille zusätzlichen Unterricht bei Carl Domschke und Theodor Hosemann.

Theodor Hosemann, Schlemmerfrühstück. 1856 Hosemann war als Lehrer Zilles schon ein alter Herr, der politisch durch die Schule des Biedermeier gegangen war

Nach einer Erbschaft von Zilles Mutter konnte die Familie sich im Jahre 1872 in der Gemarkung Lichtenberg ein Stück Land kaufen und dort ein Häuschen bauen (heutige Adresse Fischerstraße 8).

Das Grundstück wird durch dieses Wandbild ausgezeichnet

Zille lebte weiter bei der Familie und arbeitete seit 1877 bei der Photographischen Gesellschaft Berlin am Dönhoffplatz, unmittelbar neben dem Spittelmarkt. Er hatte nun ein anständiges Einkommen und konnte 1883 heiraten. Heinrich Zille siedelte mit seiner wachsenden Familie in der neu gegründeten Victoriastadt in verschiedenen Wohnungen. Der Historiker Günter Möschner hat am Anfang der 2000er Jahre in Adressbüchern die Aufenthaltsorte der Familie ermittelt. Dies ist eine eigene Geschichte.

1892 zog Heinrich Zille mit seiner Familie nach Charlottenburg, in den Fürstenbrunner Weg, seit 1895 Sophie-Charlotte-Straße 88. Grund war der Wegzug seines langjährigen Arbeitgebers vom Dönhoffplatz nach Westend. Zwischen 1880 und 1910 entstand in Charlottenburg im Zuge der Industrialisierung ein bevölkerungsreiches Arbeiterviertel. Die Einwohnerzahl der bis dahin beschaulichen Vorstadt – erst seit 1920 gehört Charlottenburg zu Berlin – wuchs innerhalb von 30 Jahren auf 300 000 an. An der Sophie-Charlotte-Straße sowie im ganzen Kiez drum herum wurden Mietskasernen für die immer zahlreicher werdende Arbeiterschaft gebaut. Nach 25 Jahren verließ Zille damit den Berliner Osten, der ihm so vertraut geworden war. Später schätzte er ein: „Die Menschen im Osten und Norden verstanden mich sofort…“

Reisigsammlerinnen in Westend. Reisig wurde für die Befeuerung der Kochmaschine benötigt. Das Foto wird Zille zugeschrieben

Heinrich Zille erobert nun zunehmend die Großstadt und entwickelt sich zum Künstler, zum „Pinselheinrich“. Schon in der Zeit seiner Anstellung am Dönhoffplatz ging er oft in den „Nussbaum“ in der Fischerstraße. Diese nahe gelegene Kaschemme wurde sein Stammlokal. Dort musste er gegen die Skepsis der Diebe, Gauner und Halbweltdamen ankämpfen, was ihm mit seinen „Spendierhosen“ gelang. Nun konnte er in aller Ruhe seine Zeichenstudien angehen.

Der historische „Nussbaum“ in einer Zille-Zeichnung von 1922

Um 1900 lernte Zille die jungen Bildhauer August Gaul und August Kraus kennen, die ihn an die Berliner Künstlerkreise heranführten. Es folgten gemeinsame Stunden des Aktzeichnens, Kegelabende und Atelierfeste, die er gelegentlich mit seiner Handkamera festhielt. Das neue Umfeld aus angesehenen Künstlern motivierte ihn, sein außergewöhnliches Talent zu nutzen und auszubauen. Er kommt schließlich auch in Kontakt zu Max Liebermann, der als Präsident der Berliner Secession dafür sorgt, daß Zille ab 1902 deren Mitglied wird. Liebermann bleibt auch in schwierigen Zeiten an der Seite des elf Jahre jüngeren Zille. Im Jahre 1925, anläßlich des Erscheinens des Bandes „Berliner Geschichten und Bilder“, schreibt er auf Bitten des Dresdner Verlegers Carl Reissner ins Vorwort: „Wir spüren die Tränen hinter Ihrem Lachen. […] Und diesem Humor, der so selten ist wie ein weißer Rabe, verdanken Sie Ihre Popularität und Ihre Größe als Künstler.“

1927 revanchiert sich Zille bei Liebermann
anläßlich dessen 80. Geburtstages

Zilles Förderer bleiben neben Liebermann und Walter Leistikow vor allem Käthe Kollwitz. Mit Liebermanns Protektion wird „Pinsel-Heinrich“ schließlich 1924 als Professor Mitglied der Preußischen Akademie der Künste.

Als Zille 1907 bei der Photographischen Gesellschaft aus seiner Festanstellung, wo er inzwischen technischer Leiter war, entlassen wird, bricht für ihn eine Welt zusammen. Gründe sollen sein fortgeschrittenes Alter und sein hohes Einkommen gewesen sein. Aber auch seine immer kritischer werdenden Zeichnungen werden als Anlass genannt. Denn, so Zille: „Es tut weh, wenn man den Ernst als Witz verkaufen muss.“ Tochter Margarete sieht ihn zum ersten Mal weinen. Zille empört sich. Er muss nun als freier Künstler die Familie ernähren. Die Kinder sind aus dem Gröbsten heraus, befinden sich allerdings erst in der Berufsfindungsphase. Der Vater weiß, dass er Abstriche machen muss für die Auftraggeber. Seine neue publizistische Heimat heisst nun „Lustige Blätter“. Wie zerrissen er ist und künstlerisch agieren muss, zeigen zwei Zeichnungen aus der Kriegszeit.

Zille zeichnete bis 1917 jede Woche ein Blatt für den „Ulk“, die Beilage zum „Berliner Tageblatt“, in denen er fiktive (und zuweilen erstaunlich naiv gesehene) Kriegserlebnisse zweier deutscher Soldaten an den Fronten erfand.
Dagegen: Das eiserne Kreuz von 1916

Als Mensch ist Zille ohne Sinn für Äußerlichkeiten. Immer trägt er den gleichen Anzug. Zu Hause läuft er im Hemd herum, kommt ohne jede Künstlerattitüde aus. Er bleibt Stammgast im Wirtshaus „Nussbaum“ in der Fischerstraße. Er hilft Freunden und Kollegen bei Arzt- und Apothekerkosten. Der Spitzname „Vater Zille“, der ihm immer öfter nachgerufen wird, gefällt ihm. Der einflussreiche Kunstkritiker Adolf Behne ernennt ihn zum „schöpferisch gewordenen Proletarier“.

Otto Nagel lernt Zille 1922 kennen. Der junge Nagel hat vor Zille, der sein Vater sein könnte, einen Riesenrespekt. Sie siezen sich bis zuletzt. Bei seiner Ausstellung 1925 in Sowjetrussland (Leningrad, Moskau, Saratow) stellt Nagel auch Bilder von Zille aus. 1928 arbeiten sie zusammen für den „Eulenspiegel“. Bei ihren gemeinsamen Streifzügen durch den Fischerkiez legt Zille den Keim für Nagels Alt-Berlin-Begeisterung. Nagel nennt es die „Liebe zur alten Stadt“. Beide sind bis an ihr Ende in einem bestimmten Sinne konservativ: Nagel kann sich nicht mit dem Abriss des Fischerkiezes arrangieren, Zille fehlt der Grund zur Karikatur der Weimarer Zeit.

Als 1919 Zilles Frau stirbt, muss er sich um seine Familie kümmern. Er gilt als Hypochonder; darf in der letzten Lebenszeit keinen Alkohol mehr trinken, keinen Zucker benutzen. Dafür Fachinger Wasser. „Bitte keinen Besuch – bin krank“ steht an seiner Wohnungstür. Der Briefträger rät von dem Aufkleber ab: „denn brechen se bei Ihnen in“. Der 70. Geburtstag 1928 wird noch einmal gefeiert. Das Märkische Museum macht die große Retrospektive „Zilles Werdegang“ und kauft 100 Werke an – den Grundstein für einen Zille-Fundus in Berlin (der am Ende des 2. Weltkrieges fast restlos verbrennt). Käthe Kollwitz sagt zu Zilles 70. Geburtstag: „Er ist restlos Künstler. Ein paar Linien, ein paar Striche, ein wenig Farbe mitunter – und es sind Meisterwerke.“

Zille ist nun berühmt: überall hängt Kneipenschmuck, es gibt Zigarren mit Zille, Zille-Filme, Zille-Bälle… Alles Raubkopien! Nach heutigem Urheberrecht wäre Zille Millionär geworden, aber er hinterläßt nach seinem Tode im Sommer 1929, in Folge zweier Schlaganfälle, ein sehr schmales Vermögen. Sein letztes Vermächtnis flimmert am 30. Dezember am Kurfürstendamm über die Leinwand: Mutter Krausens Fahrt ins Glück – gewidmet dem großen Künstler Heinrich Zille. Dafür sorgten Käthe Kollwitz, Nagel und Baluschek.

Frau Bröhan am Ende ihrer begeistert aufgenommenen Lesung im Gespräch mit Besucherinnen

(Axel Matthies)


Arbeit, Arbeit, Arbeit – „So werden einfache Arbeiter nie wieder blicken“

Einen sinnvolleren Titel als „Arbeit, Arbeit, Arbeit. Serien zur sozialistischen Produktion in der DDR“ kann man sich für eine Ausstellung über die DDR kaum denken, verstand diese sich doch als Arbeitsgesellschaft, als Staat der Arbeiter und Bauern, in dem jeder Mensch das Recht und die Pflicht auf Arbeit hatte. „Er hat das Recht auf einen Arbeitsplatz und dessen freie Wahl entsprechend den gesellschaftlichen Erfordernissen und der persönlichen Qualifikation.“ (Verfassung der DDR, Artikel 24)

Diesem Thema widmet sich die Jahresausstellung 2020 der Reihe „Kunst im Landtag“ in Potsdam. Kuratiert wurde sie vom Kunstarchiv Beeskow und dem Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR Eisenhüttenstadt. Landtagspräsidentin Ulrike Liedtke bestätigte mit ihrer Begrüßung am 29. Januar sogleich die Befangenheit vieler ostdeutscher PolitikerInnen gegenüber ihrer eigenen Geschichte: „Kunst sollte in Dienst genommen werden für die Sache des Sozialismus“, „die Wirklichkeit der Arbeit war… weit entfernt von den Heldenfiguren“, „die Menschen… hatten gelernt, zwischen den Zeilen zu lesen“ oder die Künstler hätten sich „einer Vereinnahmung durch die Ideologie mit feinen Mitteln entzogen“. Die Argumentation ist ängstlich, es fehlen dreißig Jahre danach klare reflektierte Aussagen über den Staatssozialismus, als traue man sich nicht die einfache Wahrheit zu sagen – wie es war! Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, wie Frau Liedtke Sozialdemokrat, war im Spätsommer 2019 anläßlich der Ausstellung zu Kunst aus der DDR in Düsseldorf mutiger: „Doch auch unter so schweren Bedingungen wie in der DDR, also unter dem unbezweifelbaren politischen Druck auf jede Art von künstlerischer Arbeit, kann sich das Individuum behaupten. Auch dort kann sich der Einzelne dem Druck der Parteilichkeit entziehen…“ Die Ausstellung „Arbeit, Arbeit, Arbeit“ stellt sich der damaligen Wirklichkeit.

Landtagspräsidentin Ulrike Liedkte (Foto: Landtag Brandenburg)

Florentine Nadolni, Leiterin des Kunstarchivs Beeskow und des Dokumentationszentrums Alltagskultur der DDR Eisenhüttenstadt war dann auch viel entschlossener: „Unsere Ausstellung veranschaulicht auf eindrückliche Weise, welche Schlüsselrolle das Motiv Arbeit in der DDR-Gesellschaft und ihrer visuellen Kultur spielte.“ Die Zusammenschau von Kunstwerken und alltagskulturellen Zeugnissen belege die allgegenwärtige Präsenz der Arbeit und des arbeitenden Menschen in der sozialistischen Bildwelt. „Auch wenn mit dem Untergang der DDR diese sehr spezifische und starke Wechselwirkung von Gesellschaft und Arbeit ihr Ende fand, so prägte sie doch die Erfahrungswelt und Lebensläufe vieler Bürgerinnen und Bürger und wirkt mit diesen auch hinein in unsere Gegenwart.“

Florentine Nadolni beim Rundgang

Arbeit als konstituives Element der Gesellschaft

Hieran knüpft die Ausstellung leitmotivisch an: sie zitiert den ostdeutschen Soziologen Wolfgang Engler, der die DDR-Gesellschaft als eine „arbeiterliche“ gekennzeichnet hatte. In seinem Buch „Die Ostdeutschen“ beschreibt er dieses Charakteristikum so: „Weil die Gesellschaft eine arbeiterliche Gesellschaft war, die ihren Reichtum durch ein hohes Maß physischer Anstrengung erkaufte, erkannte sie sich in der Gestalt des Arbeiters … am besten wieder.“ Dies gilt freilich für jede fordistische Produktion, doch für den Staatssozialismus stand in der Verfassung: „Alle politische Macht in der Deutschen Demokratischen Republik wird von den Werktätigen in Stadt und Land ausgeübt.“ Diese Macht der Werktätigen, allerdings fast ausschließlich über ihre Arbeitsbedingungen, blieb seit dem 17. Juni 1953 unangetastet.

Plakat im Vorfeld des XI. Parteitages der SED 1986


Für die Ausstellung wurden Gemälde, Grafiken und Fotografien sowie Magazine und Plakate ausgewählt, die als Serie konzipiert und veröffentlicht worden sind. Durch diese Aneinanderreihung entstünden, so das Ausstellungsteam, eine Hervorhebung von Individualität als auch eine Verdichtung der dargestellten Personen oder Kollektive zum sozialen Typus.

Wiedersehen mit erneuertem Respekt

Wenn man plötzlich vor den Titelbildern der NBI steht oder die Stories in der Sibylle wiedersieht, wird man unwillkürlich in die Zeit zurück versetzt. Die Helden der Arbeit oder die WissenschaftlerInnen und KünstlerInnen der DDR erstehen neu auf, dazu der Stil der Reportagen. Es brauchte damals keine Frauenquote. Meist stellt sich Wehmut ein, wie wenn man sich der schönen Kindheit erinnert. Dennoch: nach Jahrzehnten kommt unerwartet Achtung auf vor den Leistungen der Arbeiterinnen und Arbeiter, vor den Berichten in den Medien und den theoretischen Debatten zur Entwicklung des Sozialismus, die parallel verliefen.

Titel der NBI mit hervorragenden Werktätigen

Nehmen wir eine Überschrift aus der NBI vom Februar 1987: „Die Kohle im Griff. Welzower Kumpel im Einsatz für stabile Energieversorgung“. Dieses Thema würde heute Entrüstungsstürme oder maximal ein müdes Lächeln generieren – damals, bei aller Heroisierung – war es einfach das Winterthema! Entweder die Kohle kommt und die Volkswirtschaft läuft oder alles bricht zusammen, das waren die Alternativen. Damals, was für ein Calauer, gab‘s auch noch richtige Winter: „Als wir den Tagebau Welzow Süd besuchten, markierte die Quecksilbersäule minus 25 Grad Celsius.“ Und die Arbeiter haben gekämpft, oft mit bloßer körperlicher Kraft. Und sie schafften es. Wenn es heute solche Wunder gäbe…

Titelstory aus der NBI, Winter 1987

Natürlich zeigt die Ausstellung auch die gesellschaftliche Kehrseite, das Behaupten und Herbeischreiben von Leistung. Für deren Infragestellung war der Eulenspiegel zuständig. Titelseite im Jahr 1986: „HIER ENTSTEHT: EIN ZUGESCHÜTTETES LOCH!“ Eine wahnsinnig einfache Replik auf die Summe der Erfolgsmeldungen, die einem täglich um die Ohren flogen. Volker Braun benutzte dazu das Bild vom „Pläne basteln aus dünnem Papier“.

Mit dem Eulenspiegel war die DDR nie langweilig

Verfolgung der Transformationsprozesse

Florentine Nadolni orientierte während des Rundganges auch auf die folgenden Transformationsprozesse, die die arbeiterliche Gesellschaft der DDR einer nahezu kompletten Sprengung unterwarf. Diese Prozesse will sie mit ihrem Team aus den Beständen in Beeskow und Eisenhüttenstadt weiter verfolgen, einfach weil die aktuelle ostdeutsche Gesellschaft ohne diese Transformation nicht zu verstehen ist und von der es an Feiertagen heißt, der westdeutschen Bevölkerung wäre eine solche gar nicht zuzumuten gewesen. Diese Transformation, die einige Sieger, aber viele Verlierer erzeugte, ist auch Teilursache der aktuellen gesellschaftspolitischen Verfasstheit. Die Ausstellung befasst sich also nicht nur mit der Vergangenheit sondern auch mit der Gegenwart.

Im Gegensatz zur eingangs geschilderten Befangenheit ostdeutscher PolitikerInnen gegenüber der eigenen Geschichte, die aus der vermeintlich überlegenen Perspektive der kapitalistischen Produktionsweise kritisch betrachtet wird, zeigt die Ausstellung die verschiedenen Facetten des Arbeitslebens in der DDR aus einer sozialistischen Perspektive. Nur so ist die DDR originär zu verstehen. Die Menschen müssen aus den Verhältnissen heraus gezeigt werden, in denen sie tatsächlich lebten. Sie arbeiteten in volkseigenen Betrieben, in denen klare Leistungsvorgaben definiert wurden und sie verfügten über Betriebskollektivverträge, in denen umfangreiche Arbeits- und Lebensbedingungen vereinbart waren. Es fehlte dem Staatssozialismus allerdings an einer eigenen Systemdynamik, woran er letztlich scheiterte. Es gelang nicht, dauerhaft Anreize für höhere Produktivität und schnellere Produktinnovation zu schaffen. Anstelle dessen dominierten moralische Appelle. Florentine Nadolni benutzt hierfür den Begriff „Leistungsimperativ“. Die Arbeitsgesellschaft verfügte, so Nadolni, über ein dauerhaftes ikonografisches Symbol: den Arbeitshelm.

Damals wie heute huschen die Menschen an den Botschaften vorbei

Globale Zukunft und Sozialismus

Angesichts des Klimawandels mit seinen schwerwiegenden sozialen Folgen und den schwindenden natürlichen Ressourcen bleibt für die Menschheit die generelle Aufgabe, tragfähige Lösungen für das Weiter- und Überleben zu finden. Insofern erreichen die Erinnerungen an die DDR noch eine weitere Dimension. Sie stellen die Frage nach Solidarität zwischen den Menschen aller Kontinente, nach Mäßigung und Nachhaltigkeit, also nach Werten, die idealtypisch dem Sozialismus entsprechen. Es geht nicht darum, die DDR wieder herzustellen – es geht darum, Sozialismus neu zu denken. Es geht um die Konstituierung einer Produktions- und Lebensweise, die sich vor allem an den unverzichtbaren Grundbedürfnissen der Menschen orientiert.

Am Schluss soll Wolfgang Engler zu Wort kommen, der in seinem Buch wie in einem Schlusswort zur Ausstellung formuliert: Die Arbeiter „strahlen eine aproblematische Sicherheit aus, wie sie nur Menschen eigen ist, die das Fürchten sozial nicht gelernt haben… So werden einfache Arbeiter nie wieder blicken.“

Lenchen Möller, Arbeiterin in der Presserei des VEB Elektrokohle Lichtenberg 1979 (Foto: Günter Krawutschke)

Zur Ausstellung

ARBEIT ARBEIT ARBEIT. Serien zur sozialistischen Produktion in der DDR

30. Januar bis 11. Dezember 2020, montags bis freitags 8.00 bis 18.00 Uhr

Landtag Brandenburg, Potsdam, Alter Markt 1

(Axel Matthies)


Seit 50 Jahren Berliner Ehrenbürger: Otto Nagel und Heinrich Zille – mit Beschluss des Magistrates

Am 4. Februar 1970 beschloss der Magistrat von Groß-Berlin, die Künstler Otto Nagel und Heinrich Zille zu Ehrenbürgern der Stadt Berlin zu ernennen. Damit wurden zwei Persönlichkeiten geehrt, deren Werk unzertrennlich mit der Stadt verbunden ist. Nagel ist anerkannt als Maler des proletarischen Berlin, der es in seiner kargen realistischen Malsprache ohne jedes Pathos und ohne jede Verheißung malte. Ohne die Bilder von „Pinselheinrich“ Zille ist das historische Berlin des Kaiserreiches und der Jahre der Weimarer Republik in seinen sozialen Facetten nicht nachvollziehbar. Zille hat, bei aller Härte der Realität, immer ein Schmunzeln oder einen Lacher auf seine Blätter gebracht. Dass er erst vierzig Jahre nach seinem Tod Ehrenbürger wurde ist ein Versagen der Stadt Berlin.

Mit Genehmigung des Landesarchivs Berlin geben wir die Dokumente des Magistrats wieder.

Hier die Porträts der beiden Ehrenbürger im Abgeordnetenhaus von Berlin.

Bert Heller: Otto Nagel (Foto: AgH Berlin)

Erich Büttner: Heinrich Zille (Foto: AgH Berlin)


Innerhalb des „Initiativkreises Otto Nagel 125“ begehen wir bis zum September 2020 das lange Otto-Nagel-Jahr anläßlich dessen 125. Geburtstages im vergangenen Herbst. Wegen der Corona-Krise verändern sich geplante Veranstaltungen. Bitte informieren Sie sich auf dieser Homepage oder bei anderen Medien.

Link: Otto Nagel – ein Berliner Maler und mehr


Lili Grün – eine Zeitreise in die Goldenen Zwanziger Berlins

Die letzte Lesung des Jahres 2019 in dem von Kulturstadträtin Juliane Witt organisierten „Literaturclub  – Autoren lesen im Schloss Biesdorf“ fand am 15. Dezember statt. Er war der  österreichischen Autorin Lili Grün gewidmet. Die Veranstaltung war im Mai kurzfristig  abgesagt worden, fand nun aber eine hochinteressierte und zahlreiche Zuhörerschaft. Die  Verlegerin Britta Jürgs (Verlag AvivA) und die Literaturwissenschaftlerin Anke Heimberg stellten das Leben  und Bücher der Autorin vor.  

Lili Grün (Foto: AvivA)



Lili Grün, eigentlich Elisabeth, eine Wienerin des Jahrgangs 1904, kam Ende der 1920er Jahre nach Berlin, um hier in der hippen europäischen Metropole ihre Karriere als Schauspielerin zu befördern.  Daheim, im nach dem Staatsvertrag von Saint‐Germain‐en‐Laye erheblich verkleinerten  Österreich, gab es wenige Engagementmöglichkeiten und das Tingeln in den verbliebenen  deutschsprachigen Provinztheatern der neu gegründeten Tschechoslowakei war ihr nicht  aussichtsreich. Nach dem frühen Tod ihrer Eltern musste sie sich ihren Lebensunterhalt selbst verdienen. Aber, wie der Berliner damals schon sagte: erstens kommt es anders und  zweitens als man denkt.

Atemloser Potsdamer Platz

Berlin war zu Beginn der Weltwirtschaftskrise 1929 eine pulsierende  Stadt mit vier Millionen Einwohnern. Mit der Krise schnellt die Zahl der Arbeitslosen auf 450.000 Menschen, der „Blutmai“ ist Ausdruck der sozialen Krisensituation. Die Reichsregierungen wechseln, die NSDAP erstarkt. Die gerade erst eingeführte  Arbeitslosenversicherung implodiert durch die Krise und wirft sehr viele Familien in existenzielle Bedrohung.  Unlängst hatten wir in der Lesung des Nagel‐Romans „Die weisse Taube“ durch Lutz Stückrath von diesen ungesicherten Lebensumständen im Arbeitermilieu erfahren. Noch unmittelbarer stellt der vor 90 Jahren uraufgeführte Film „Mutter Krausens Fahrt ins Glück“ das proletarische Leben dar.

Arbeiterwohnung

Lili Grün fand in Berlin kein ansprechendes Engagement. Sie war gezwungen, sich den Lebensunterhalt mit allen möglichen Jobs zu sichern. Am längsten hielt eine Anstellung  in einer Konditorei. Trotzdem knüpfte sie unermüdlich Beziehungen, versuchte etwas auf die Beine zu  stellen. Sie stellte mit anderen eine kleine Kabarettgruppe – Die Brücke ‐ zusammen, in der  sie auch eigene Gedichte vortrug und Couplets sang. Das war der Beginn ihrer  schriftstellerischen Laufbahn. Ihre Gedichte klingen so:  

Die Verkäuferin

Womit darf ich dienen, gnädige Frau?

Das herrliche Grün passt genau

Zu Ihren strahlend blonden Haaren…

So müssen wir Komplimente machen,

mit heiterem Antlitz und fröhlichem Lachen

immer liebenswürdig sein

Jahraus, jahrein.

Doch abends um sieben sperren wir den Laden zu,

Dann haben wir selber ein Rendezvous,

Dann sind wir selber blond und apart,

Zierlich und zart…

Abends nach sieben ist der Alltag vorbei,

Und dann werden wir kleinen Verkäuferinnen

Plötzlich alle ganz groß und frei

Und dürfen zu leben beginnen.

Der Journalist Deniz Yüzel hatte vor einigen Jahren in der taz diesen Sound so charakterisiert: „Es sind präzise und gefühlvolle Beschreibungen des Großstadtlebens,  humorvoll und selbstironisch erzählt, leicht melancholisch, ziemlich keck und sehr  berührend.“ Aber diese späteren Bewertungen helfen ihr nicht: sie lebt täglich von der Hand in den  Mund, muss sich monatlich Sorgen um die zu zahlende Miete machen und hat für  Karriereträume als Schauspielerin gar keine Zeit mehr. Auch Lili Grün verkehrt im „Romanischen Café“ und hofft auf das Wunder…

Doch sie kehrt nach Wien zurück und kann dort zwei Romane abschließen und veröffentlichen: im Jahre 1933 „Herz über Bord“, der ihre Berlin-Erlebnisse verarbeitet und 1935 „Loni in der Kleinstadt“. Beide Romane sind nun im AvivA Verlag in Berlin unter den Titeln „Alles ist Jazz“ und „Zum Theater!“ erschienen. Die Wiener zeitgenössische Presse bejubelte ihren Debütroman und verfolgte ihre weiteren litarischen Schritte aufmerksam. Der damals junge Zsolnay-Verlag unterstützte seine Autorin nach Kräften. Leider war sie wahrscheinlich schon in Berlin, auch geschuldet den prekären Lebensbedingungen, an Tuberkolose erkrankt, was ihre Arbeitsfähigkeit stark einschränkte. Die folgenden Jahre verbrachte sie mit wechselnder Anerkennung in Wien und Prag sowie kurzzeitig in Paris. Es erschienen in der Presse vorwiegend Gedichte und Geschichten. Trotz aller Anstrengungen gelingt ihr kein literarischer Erfolg mehr.

Anke Heimberg, die Herausgeberin ihrer Bücher, würdigte das Werk: „Mit ihrer ganz eigenen heiter-melancholischen Note, deren Tonfall bisweilen an berühmte neusachliche Zeitgenossen wie Erich Kästner oder Kurt Tucholsky erinnert, beschreibt Grün in ihren lyrischen Songs die Sehnsüchte junger, moderner, selbstbewusster ‚Neuen Frauen‘ am Ende der Zwanziger Jahre – hin- und hergerissen zwischen Autonomie, Selbstbehauptung und dem ‚Mann mit starken Armen‘.“

An Lili Grün kann man nahezu idealtypisch das Schicksal junger KünstlerInnen in der Weimarer Republik analysieren. Es bleibt nüchtern zu konstatieren: Der Glanz der Goldenen Zwanziger Jahre basiert letztlich auf den prekären Arbeitsbedingungen seiner Akteure: der Ausbeutung der Tänzerinnen und Sängerinnen, der Clowns und Jongleure, der Schauspielerinnen und Schauspieler, der Journalisten und  Fotografen, der Filmcrews und Bühnen- und Rundfunktechniker. Das ist in Berlin nicht besser als in Paris  oder London. Sie lieferten sich aus für den Augenblick des Glücks, des Rausches und der  Selbstbestätigung. Dafür standen ihnen in der Reichshauptstadt 49 Theater, 75 Kabaretts, 3 Opernhäuser, 200 Verlage, 37 Filmgesellschaften, 40 täglich erscheinende Zeitungen zur Verfügung. Auch wenn die große Mehrzahl der Akteure nicht reüssierte, sie vereinte ein Antrieb, den der junge  Ödön Horvath ganz simpel aussprach: „Ich liebe Berlin!“

Ikone des jungen Tonfilms: Marlene Dietrich – von Kopf bis Fuß…

Als 1938 die Nazis Österreich an das „Reich anschließen“ beginnt Lili Grüns letzter Lebensabschnitt. Als jüdische Frau muss sie sich allen faschistischen Rassegesetzen unterwerfen. Sie verliert ihre Wohnung und muss sich in eine Zwangsunterkunft einweisen lassen. Publizieren darf sie nicht mehr. Schwerkrank wird Lili Grün im Juni 1942 zusammen mit fast 1000 anderen Wiener Juden auf den 2000 km weiten Transport nach Minsk geschickt. Nach viertägiger quälender Fahrt werden die Menschen unmittelbar nach ihrer Ankunft in Maly Trostinec erschossen und verscharrt. Von Lili Grün bleibt nichts.

In Wien erinnern ein Platz und in Berlin-Hellersdorf eine Straße an Lili Grün.

Die beiden
Straßenschilder


Die Autorin und ihr Werk sind durch die Neuveröffentlichungen nicht mehr vergessen: So hat sich Liv Lisa Fries, die Darstellerin der Charlotte in „Babylon Berlin“, den Zeitgeist in „Alles ist Jazz“ angelesen.


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P.S. Inzwischen ist der Literaturclub mit einer überragenden Veranstaltung in das neue Jahr gestartet: der Erfinder der Weltzeituhr Erich John stellte im Januar vor überfülltem Heino-Schmieden-Saal sein mit der Journalistin Heike Schüler geschriebenes Buch „Weltzeituhr und Wartburg-Lenkrad“ vor. Bereits am 16. Februar, 14.00 Uhr, folgt Katja Oskamp mit „Marzahn Mon Amour“. Wir wünschen diesem Literaturformat viele Besucher im Jahre 2020!

(Axel Matthies)