Führungen bis auf Weiteres ausgesetzt

Die von unserem Verein im Anschluss an die Sonntagskonzerte, jeden 2. Sonntag 11.00 Uhr, angebotenen Führungen zu Schloss und Schlosspark Biesdorf um 13.00 Uhr werden bis auf Weiteres ausgesetzt. Erst nach Wiedereröffnung des Schlosses bieten wir unsere Führungen erneut an. Wir bitten Sie dafür um Verständnis.

Für weitergehende Anfragen können Sie gern unsere Adresse info@freunde-schloss-biesdorf.de nutzen.



Besuch der Galerie der Berliner Ehrenbürger

Auf Anregung und mit Unterstützung der „Freunde Schloss Biesdorf“ besuchte der Kunst Leistungskurs des 11. Jahrgangs des Otto-Nagel-Gymnasiums am 18. Februar das Abgeordnetenhaus von Berlin, um anläßlich des 50. Jahrestages der Ernennung Otto Nagels und Heinrich Zilles zu Ehrenbürgern der Stadt Berlin sich mit dem Leben der beiden wichtigen Berliner Künstler noch besser vertraut zu machen. Hier der Bericht.


Arbeit, Arbeit, Arbeit – „So werden einfache Arbeiter nie wieder blicken“

Einen sinnvolleren Titel als „Arbeit, Arbeit, Arbeit. Serien zur sozialistischen Produktion in der DDR“ kann man sich für eine Ausstellung über die DDR kaum denken, verstand diese sich doch als Arbeitsgesellschaft, als Staat der Arbeiter und Bauern, in dem jeder Mensch das Recht und die Pflicht auf Arbeit hatte. „Er hat das Recht auf einen Arbeitsplatz und dessen freie Wahl entsprechend den gesellschaftlichen Erfordernissen und der persönlichen Qualifikation.“ (Verfassung der DDR, Artikel 24)

Diesem Thema widmet sich die Jahresausstellung 2020 der Reihe „Kunst im Landtag“ in Potsdam. Kuratiert wurde sie vom Kunstarchiv Beeskow und dem Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR Eisenhüttenstadt. Landtagspräsidentin Ulrike Liedtke bestätigte mit ihrer Begrüßung am 29. Januar sogleich die Befangenheit vieler ostdeutscher PolitikerInnen gegenüber ihrer eigenen Geschichte: „Kunst sollte in Dienst genommen werden für die Sache des Sozialismus“, „die Wirklichkeit der Arbeit war… weit entfernt von den Heldenfiguren“, „die Menschen… hatten gelernt, zwischen den Zeilen zu lesen“ oder die Künstler hätten sich „einer Vereinnahmung durch die Ideologie mit feinen Mitteln entzogen“. Die Argumentation ist ängstlich, es fehlen dreißig Jahre danach klare reflektierte Aussagen über den Staatssozialismus, als traue man sich nicht die einfache Wahrheit zu sagen – wie es war! Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, wie Frau Liedtke Sozialdemokrat, war im Spätsommer 2019 anläßlich der Ausstellung zu Kunst aus der DDR in Düsseldorf mutiger: „Doch auch unter so schweren Bedingungen wie in der DDR, also unter dem unbezweifelbaren politischen Druck auf jede Art von künstlerischer Arbeit, kann sich das Individuum behaupten. Auch dort kann sich der Einzelne dem Druck der Parteilichkeit entziehen…“ Die Ausstellung „Arbeit, Arbeit, Arbeit“ stellt sich der damaligen Wirklichkeit.

Landtagspräsidentin Ulrike Liedkte (Foto: Landtag Brandenburg)

Florentine Nadolni, Leiterin des Kunstarchivs Beeskow und des Dokumentationszentrums Alltagskultur der DDR Eisenhüttenstadt war dann auch viel entschlossener: „Unsere Ausstellung veranschaulicht auf eindrückliche Weise, welche Schlüsselrolle das Motiv Arbeit in der DDR-Gesellschaft und ihrer visuellen Kultur spielte.“ Die Zusammenschau von Kunstwerken und alltagskulturellen Zeugnissen belege die allgegenwärtige Präsenz der Arbeit und des arbeitenden Menschen in der sozialistischen Bildwelt. „Auch wenn mit dem Untergang der DDR diese sehr spezifische und starke Wechselwirkung von Gesellschaft und Arbeit ihr Ende fand, so prägte sie doch die Erfahrungswelt und Lebensläufe vieler Bürgerinnen und Bürger und wirkt mit diesen auch hinein in unsere Gegenwart.“

Florentine Nadolni beim Rundgang

Arbeit als konstituives Element der Gesellschaft

Hieran knüpft die Ausstellung leitmotivisch an: sie zitiert den ostdeutschen Soziologen Wolfgang Engler, der die DDR-Gesellschaft als eine „arbeiterliche“ gekennzeichnet hatte. In seinem Buch „Die Ostdeutschen“ beschreibt er dieses Charakteristikum so: „Weil die Gesellschaft eine arbeiterliche Gesellschaft war, die ihren Reichtum durch ein hohes Maß physischer Anstrengung erkaufte, erkannte sie sich in der Gestalt des Arbeiters … am besten wieder.“ Dies gilt freilich für jede fordistische Produktion, doch für den Staatssozialismus stand in der Verfassung: „Alle politische Macht in der Deutschen Demokratischen Republik wird von den Werktätigen in Stadt und Land ausgeübt.“ Diese Macht der Werktätigen, allerdings fast ausschließlich über ihre Arbeitsbedingungen, blieb seit dem 17. Juni 1953 unangetastet.

Plakat im Vorfeld des XI. Parteitages der SED 1986


Für die Ausstellung wurden Gemälde, Grafiken und Fotografien sowie Magazine und Plakate ausgewählt, die als Serie konzipiert und veröffentlicht worden sind. Durch diese Aneinanderreihung entstünden, so das Ausstellungsteam, eine Hervorhebung von Individualität als auch eine Verdichtung der dargestellten Personen oder Kollektive zum sozialen Typus.

Wiedersehen mit erneuertem Respekt

Wenn man plötzlich vor den Titelbildern der NBI steht oder die Stories in der Sibylle wiedersieht, wird man unwillkürlich in die Zeit zurück versetzt. Die Helden der Arbeit oder die WissenschaftlerInnen und KünstlerInnen der DDR erstehen neu auf, dazu der Stil der Reportagen. Es brauchte damals keine Frauenquote. Meist stellt sich Wehmut ein, wie wenn man sich der schönen Kindheit erinnert. Dennoch: nach Jahrzehnten kommt unerwartet Achtung auf vor den Leistungen der Arbeiterinnen und Arbeiter, vor den Berichten in den Medien und den theoretischen Debatten zur Entwicklung des Sozialismus, die parallel verliefen.

Titel der NBI mit hervorragenden Werktätigen

Nehmen wir eine Überschrift aus der NBI vom Februar 1987: „Die Kohle im Griff. Welzower Kumpel im Einsatz für stabile Energieversorgung“. Dieses Thema würde heute Entrüstungsstürme oder maximal ein müdes Lächeln generieren – damals, bei aller Heroisierung – war es einfach das Winterthema! Entweder die Kohle kommt und die Volkswirtschaft läuft oder alles bricht zusammen, das waren die Alternativen. Damals, was für ein Calauer, gab‘s auch noch richtige Winter: „Als wir den Tagebau Welzow Süd besuchten, markierte die Quecksilbersäule minus 25 Grad Celsius.“ Und die Arbeiter haben gekämpft, oft mit bloßer körperlicher Kraft. Und sie schafften es. Wenn es heute solche Wunder gäbe…

Titelstory aus der NBI, Winter 1987

Natürlich zeigt die Ausstellung auch die gesellschaftliche Kehrseite, das Behaupten und Herbeischreiben von Leistung. Für deren Infragestellung war der Eulenspiegel zuständig. Titelseite im Jahr 1986: „HIER ENTSTEHT: EIN ZUGESCHÜTTETES LOCH!“ Eine wahnsinnig einfache Replik auf die Summe der Erfolgsmeldungen, die einem täglich um die Ohren flogen. Volker Braun benutzte dazu das Bild vom „Pläne basteln aus dünnem Papier“.

Mit dem Eulenspiegel war die DDR nie langweilig

Verfolgung der Transformationsprozesse

Florentine Nadolni orientierte während des Rundganges auch auf die folgenden Transformationsprozesse, die die arbeiterliche Gesellschaft der DDR einer nahezu kompletten Sprengung unterwarf. Diese Prozesse will sie mit ihrem Team aus den Beständen in Beeskow und Eisenhüttenstadt weiter verfolgen, einfach weil die aktuelle ostdeutsche Gesellschaft ohne diese Transformation nicht zu verstehen ist und von der es an Feiertagen heißt, der westdeutschen Bevölkerung wäre eine solche gar nicht zuzumuten gewesen. Diese Transformation, die einige Sieger, aber viele Verlierer erzeugte, ist auch Teilursache der aktuellen gesellschaftspolitischen Verfasstheit. Die Ausstellung befasst sich also nicht nur mit der Vergangenheit sondern auch mit der Gegenwart.

Im Gegensatz zur eingangs geschilderten Befangenheit ostdeutscher PolitikerInnen gegenüber der eigenen Geschichte, die aus der vermeintlich überlegenen Perspektive der kapitalistischen Produktionsweise kritisch betrachtet wird, zeigt die Ausstellung die verschiedenen Facetten des Arbeitslebens in der DDR aus einer sozialistischen Perspektive. Nur so ist die DDR originär zu verstehen. Die Menschen müssen aus den Verhältnissen heraus gezeigt werden, in denen sie tatsächlich lebten. Sie arbeiteten in volkseigenen Betrieben, in denen klare Leistungsvorgaben definiert wurden und sie verfügten über Betriebskollektivverträge, in denen umfangreiche Arbeits- und Lebensbedingungen vereinbart waren. Es fehlte dem Staatssozialismus allerdings an einer eigenen Systemdynamik, woran er letztlich scheiterte. Es gelang nicht, dauerhaft Anreize für höhere Produktivität und schnellere Produktinnovation zu schaffen. Anstelle dessen dominierten moralische Appelle. Florentine Nadolni benutzt hierfür den Begriff „Leistungsimperativ“. Die Arbeitsgesellschaft verfügte, so Nadolni, über ein dauerhaftes ikonografisches Symbol: den Arbeitshelm.

Damals wie heute huschen die Menschen an den Botschaften vorbei

Globale Zukunft und Sozialismus

Angesichts des Klimawandels mit seinen schwerwiegenden sozialen Folgen und den schwindenden natürlichen Ressourcen bleibt für die Menschheit die generelle Aufgabe, tragfähige Lösungen für das Weiter- und Überleben zu finden. Insofern erreichen die Erinnerungen an die DDR noch eine weitere Dimension. Sie stellen die Frage nach Solidarität zwischen den Menschen aller Kontinente, nach Mäßigung und Nachhaltigkeit, also nach Werten, die idealtypisch dem Sozialismus entsprechen. Es geht nicht darum, die DDR wieder herzustellen – es geht darum, Sozialismus neu zu denken. Es geht um die Konstituierung einer Produktions- und Lebensweise, die sich vor allem an den unverzichtbaren Grundbedürfnissen der Menschen orientiert.

Am Schluss soll Wolfgang Engler zu Wort kommen, der in seinem Buch wie in einem Schlusswort zur Ausstellung formuliert: Die Arbeiter „strahlen eine aproblematische Sicherheit aus, wie sie nur Menschen eigen ist, die das Fürchten sozial nicht gelernt haben… So werden einfache Arbeiter nie wieder blicken.“

Lenchen Möller, Arbeiterin in der Presserei des VEB Elektrokohle Lichtenberg 1979 (Foto: Günter Krawutschke)

Zur Ausstellung

ARBEIT ARBEIT ARBEIT. Serien zur sozialistischen Produktion in der DDR

30. Januar bis 11. Dezember 2020, montags bis freitags 8.00 bis 18.00 Uhr

Landtag Brandenburg, Potsdam, Alter Markt 1

(Axel Matthies)


Seit 50 Jahren Berliner Ehrenbürger: Otto Nagel und Heinrich Zille – mit Beschluss des Magistrates

Am 4. Februar 1970 beschloss der Magistrat von Groß-Berlin, die Künstler Otto Nagel und Heinrich Zille zu Ehrenbürgern der Stadt Berlin zu ernennen. Damit wurden zwei Persönlichkeiten geehrt, deren Werk unzertrennlich mit der Stadt verbunden ist. Nagel ist anerkannt als Maler des proletarischen Berlin, der es in seiner kargen realistischen Malsprache ohne jedes Pathos und ohne jede Verheißung malte. Ohne die Bilder von „Pinselheinrich“ Zille ist das historische Berlin des Kaiserreiches und der Jahre der Weimarer Republik in seinen sozialen Facetten nicht nachvollziehbar. Zille hat, bei aller Härte der Realität, immer ein Schmunzeln oder einen Lacher auf seine Blätter gebracht. Dass er erst vierzig Jahre nach seinem Tod Ehrenbürger wurde ist ein Versagen der Stadt Berlin.

Mit Genehmigung des Landesarchivs Berlin geben wir die Dokumente des Magistrats wieder.

Hier die Porträts der beiden Ehrenbürger im Abgeordnetenhaus von Berlin.

Bert Heller: Otto Nagel (Foto: AgH Berlin)

Erich Büttner: Heinrich Zille (Foto: AgH Berlin)


Innerhalb des „Initiativkreises Otto Nagel 125“ begehen wir bis zum September 2020 das lange Otto-Nagel-Jahr anläßlich dessen 125. Geburtstages im vergangenen Herbst. Wegen der Corona-Krise verändern sich geplante Veranstaltungen. Bitte informieren Sie sich auf dieser Homepage oder bei anderen Medien.

Link: Otto Nagel – ein Berliner Maler und mehr


Lili Grün – eine Zeitreise in die Goldenen Zwanziger Berlins

Die letzte Lesung des Jahres 2019 in dem von Kulturstadträtin Juliane Witt organisierten „Literaturclub  – Autoren lesen im Schloss Biesdorf“ fand am 15. Dezember statt. Er war der  österreichischen Autorin Lili Grün gewidmet. Die Veranstaltung war im Mai kurzfristig  abgesagt worden, fand nun aber eine hochinteressierte und zahlreiche Zuhörerschaft. Die  Verlegerin Britta Jürgs (Verlag AvivA) und die Literaturwissenschaftlerin Anke Heimberg stellten das Leben  und Bücher der Autorin vor.  

Lili Grün (Foto: AvivA)



Lili Grün, eigentlich Elisabeth, eine Wienerin des Jahrgangs 1904, kam Ende der 1920er Jahre nach Berlin, um hier in der hippen europäischen Metropole ihre Karriere als Schauspielerin zu befördern.  Daheim, im nach dem Staatsvertrag von Saint‐Germain‐en‐Laye erheblich verkleinerten  Österreich, gab es wenige Engagementmöglichkeiten und das Tingeln in den verbliebenen  deutschsprachigen Provinztheatern der neu gegründeten Tschechoslowakei war ihr nicht  aussichtsreich. Nach dem frühen Tod ihrer Eltern musste sie sich ihren Lebensunterhalt selbst verdienen. Aber, wie der Berliner damals schon sagte: erstens kommt es anders und  zweitens als man denkt.

Atemloser Potsdamer Platz

Berlin war zu Beginn der Weltwirtschaftskrise 1929 eine pulsierende  Stadt mit vier Millionen Einwohnern. Es gibt aber bereits 450.000 Arbeitslose, der  „Blutmai“ ist Ausdruck der sozialen Krisensituation. Die Regierungen wechseln, die NSDAP erstarkt. Die gerade erst eingeführte  Arbeitslosenversicherung implodiert und wirft sehr viele Familien in existenzielle Bedrohung.  Unlängst hatten wir in der Lesung des Nagel‐Romans „Die weisse Taube“ durch Lutz Stückrath von diesen ungesicherten Lebensumständen im Arbeitermilieu erfahren. Noch unmittelbarer stellt der vor 90 Jahren uraufgeführte Film „Mutter Krausens Fahrt ins Glück“ das proletarische Leben dar.

Arbeiterwohnung

Lili Grün fand in Berlin kein ansprechendes Engagement. Sie war gezwungen, sich den  Lebensunterhalt mit allen möglichen Jobs zu sichern. Am längsten hielt eine Anstellung  in einer Konditorei. Trotzdem knüpfte sie unermüdlich Beziehungen, versuchte etwas auf die Beine zu  stellen. Sie stellte mit anderen eine kleine Kabarettgruppe – Die Brücke ‐ zusammen, in der  sie auch eigene Gedichte vortrug und Couplets sang. Das war der Beginn ihrer  schriftstellerischen Laufbahn. Ihre Gedichte klingen so:  

Die Verkäuferin

Womit darf ich dienen, gnädige Frau?

Das herrliche Grün passt genau

Zu Ihren strahlend blonden Haaren…

So müssen wir Komplimente machen,

mit heiterem Antlitz und fröhlichem Lachen

immer liebenswürdig sein

Jahraus, jahrein.

Doch abends um sieben sperren wir den Laden zu,

Dann haben wir selber ein Rendezvous,

Dann sind wir selber blond und apart,

Zierlich und zart…

Abends nach sieben ist der Alltag vorbei,

Und dann werden wir kleinen Verkäuferinnen

Plötzlich alle ganz groß und frei

Und dürfen zu leben beginnen.

Der Journalist Deniz Yüzel hatte vor einigen Jahren in der taz diesen Sound so charakterisiert: „Es sind präzise und gefühlvolle Beschreibungen des Großstadtlebens,  humorvoll und selbstironisch erzählt, leicht melancholisch, ziemlich keck und sehr  berührend.“ Aber diese späteren Bewertungen helfen ihr nicht: sie lebt täglich von der Hand in den  Mund, muss sich monatlich Sorgen um die zu zahlende Miete machen und hat für  Karriereträume als Schauspielerin gar keine Zeit mehr. Sie kehrt nach Wien zurück und kann dort zwei Romane abschließen und  veröffentlichen: im Jahre 1933 „Herz über Bord“, der ihre Berlin-Erlebnisse verarbeitet und 1935 „Loni in der Kleinstadt“. Beide Romane sind nun im AvivA Verlag in Berlin unter den Titeln „Alles ist Jazz“ und „Zum Theater!“ erschienen. Die Wiener zeitgenössische Presse bejubelte ihren Debütroman und verfolgte ihre weiteren litarischen Schritte aufmerksam. Leider war sie wahrscheinlich schon in Berlin, auch geschuldet den prekären Lebensbedingungen, an Tuberkolose erkrankt, was ihre Arbeitsfähigkeit stark einschränkte. Die folgenden Jahre verbrachte sie mit wechselnder Anerkennung in Wien und Prag sowie kurzzeitig in Paris. Es erschienen in der Presse vorwiegend Gedichte und Geschichten. Trotz aller Anstrengungen gelingt ihr kein literarischer Erfolg mehr.

Anke Heimberg, die Herausgeberin ihrer Bücher, würdigte das Werk: „Mit ihrer ganz eigenen heiter-melancholischen Note, deren Tonfall bisweilen an berühmte neusachliche Zeitgenossen wie Erich Kästner oder Kurt Tucholsky erinnert, beschreibt Grün in ihren lyrischen Songs die Sehnsüchte junger, moderner, selbstbewusster ‚Neuen Frauen‘ am Ende der Zwanziger Jahre – hin- und hergerissen zwischen Autonomie, Selbstbehauptung und dem ‚Mann mit starken Armen‘.“

Dennoch bleibt nüchtern zu konstatieren: Der Glanz der Goldenen Zwanziger Jahre basiert letztlich auf den prekären Arbeitsbedingungen seiner Akteure: der Ausbeutung der Tänzerinnen und Sängerinnen, der Clowns und Jongleure, der Schauspielerinnen und Schauspieler, der Journalisten und  Fotografen, der Filmcrews und Bühnen- und Rundfunktechniker. Das ist in Berlin nicht besser als in Paris  oder London. Sie lieferten sich aus für den Augenblick des Glücks, des Rausches und der  Selbstbestätigung. Dafür standen ihnen 49 Theater, 75 Kabaretts, 3 Opernhäuser, 200  Verlage, 37 Filmgesellschaften, 60 täglich erscheinende Zeitungen zur Verfügung. Auch wenn  die große Mehrzahl der Akteure nicht reüssierte, sie vereinte ein Antrieb, den der junge  Ödön Horvath ganz simpel aussprach: „Ich liebe Berlin!“. 

Ikone der 1920er Jahre: Marlene Dietrich – von Kopf bis Fuß…

Als 1938 die Nazis Österreich an das „Reich anschließen“ beginnt Lili Grüns letzter Lebensabschnitt. Als jüdische Frau muss sie sich allen faschistischen Rassegesetzen unterwerfen. Zuerst verliert sie ihre Wohnung, dann wird sie in eine Zwangsunterkunft eingewiesen. Publizieren darf sie nicht mehr. Schwerkrank wird Lili Grün im Juni 1942 zusammen mit fast 1000 anderen Wiener Juden auf den 2000 km weiten Transport nach Minsk geschickt. Nach viertägiger quälender Fahrt werden die Menschen unmittelbar nach ihrer Ankunft in Maly Trostinec erschossen und verscharrt. Von Lily Grün bleibt kein Nachlass.

In Wien erinnern ein Platz und in Berlin-Hellersdorf eine Straße an Lili Grün.

Die beiden
Straßenschilder


Die Autorin ist nicht vergessen: Liv Lisa Fries, die Darstellerin der Charlotte in „Babylon Berlin“, hat sich den Zeitgeist in „Alles ist Jazz“ angelesen.


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P.S. Inzwischen ist der Literaturclub mit einer überragenden Veranstaltung in das neue Jahr gestartet: der Erfinder der Weltzeituhr Erich John stellte im Januar vor überfülltem Heino-Schmieden-Saal sein mit der Journalistin Heike Schüler geschriebenes Buch „Weltzeituhr und Wartburg-Lenkrad“ vor. Bereits am 16. Februar, 14.00 Uhr, folgt Katja Oskamp mit „Marzahn Mon Amour“. Wir wünschen diesem Literaturformat viele Besucher im Jahre 2020!

(Axel Matthies)


Wiederaufführung im Wedding – „Mutter Krausens Fahrt ins Glück“

Neunzig Jahre nach der Urauffühung im Kinotheater Alhambra am Kurfürstendamm am 30. Dezember 1929 erinnerte sich der Wedding an sein wahrscheinlich bekanntestes Filmspektakel: „Mutter Krausens Fahrt ins Glück“.

Im City Kino in der Müllerstraße konnte Theaterleiterin Anne Lakeberg mehr als 150 hochinteressierte Gäste begrüßen, die den Film noch einmal auf sich wirken lassen wollten. Sie war erfreut über den großen Andrang, den sie auch als Beweis für den richtigen Weg des Kiez-Kinos seit fünf Jahren wertete. Verleger Walter Frey gab eine Einführung in die Entstehungsgeschichte des Films, der innerhalb eines Vierteljahres im Herbst 1929 fertig gestellt worden war. Er erinnerte an die Schauspielerinnen und Schauspieler, den Kameramann und Regisseur Piel Jutzi sowie die Unterstützer Käthe Kollwitz, Otto Nagel und Hans Baluschek. Walter Frey ordnete die Aufführung auch ein als Bestandteil des langes Otto-Nagel-Jahres, das der Initiativkreis Otto Nagel 125 anläßlich des 125. Geburtstages des Wedding-Malers auf den Weg gebracht hatte. Sein aktuelles Buch zum Film fand interessierten Absatz.

Der hochinformative Band


Die Aufführung selbst dauerte dann länger als zwei Stunden. Sie beruhte auf einer vor mehreren Jahren in München erfolgten Digitalfassung, die so weit als möglich dem Original nahe kam. Die Urrolle hatten die Nazis vernichtet.

Im Kinosaal

Die Geschichte ist unspektakulär: sie basiert auf versoffenen 20 Mark, die eine ganze Familie in existenzielle Probleme stürzen. Was uns dabei heute vor allem interessiert, sind die originalen Bilder, die wie eine authentische Dokumentation das Elend, die kleinen Freuden und großen sozialen Probleme der Zeit zeigen. Dramaturgisch hat der Film seine Längen. Aber es gibt für die Zuschauer auch immer wieder Gelegenheit, befreit zu lachen. Eine Perle für sich: die Untertitelung der Handlung im Berlinisch von 1929!

Im Mittelpunkt des Filmes stehen sicherlich die Schauspielerinnen Alexandra Schmitt als Mutter Krausen und Ilse Trautschold als ihre Tochter Erna. Beide tragen mit ihrer Wärme und Lebendigkeit die Handlung.

Alexandra Schmidt und Ilse Trautschold

Alexandra Schmitt war damals 68 Jahre alt, – sie wirkt auf uns heute wie eine alte Frau von 80 Jahren, – doch sie spielt schlüssig und gütig. Ilse Trautschold ist überragend – eine junge, lebenshungrige Frau; von ihr hat man nach 1945 nicht mehr viel gesehen, jedenfalls nicht in großen Filmen. Der „Tagesspiegel“ verabschiedete sie nach ihrem Tod 1991 als „Insulanerin“. Von den männlichen Darstellern ist Schlafbursche Gerhard Bienert in Erinnerung, der in Ost-Berlin eine große Karriere als Theater- und Filmschauspieler hinlegte. Friedrich Gnaß, Ernas Freund, dürfte vielen DEFA-Freunden noch als Vorarbeiter Napoleon Fischer der Netziger Papierfabrik in Wolfgang Staudtes „Untertan“ in Erinnerung sein.

Nicht zuletzt: der Film ist weit weg und nah dran an uns – diese Ambivalenz zu verstehen hilft einem das Buch zum Film. Auch warum dieses Werk als „proletarisch-revolutionär“ bezeichnet wird. Ein weites Feld…

(Axel Matthies)


Führungen im Schlosspark und Schloss Biesdorf

Wie im Jahre 2019 begonnen bietet unser Verein „Freunde Schloss Biesdorf“ auch in diesem Jahr jeden 2. Sonntag im Monat jeweils um 13.00 Uhr, immer unmittelbar nach dem Sonntagskonzert, eine Führung durch Schlosspark und Schloss Biesdorf an.

Von unserer Seite fest geplant sind bereits die Termine

12. Januar

9. Februar und

8. März 2020.

Sie können auch weitere Termine mit uns vereinbaren. Bitte nutzen Sie dazu die Adresse info@freunde-schloss-biesdorf.de

Sie sind herzlich eingeladen!


War Fontane in Biesdorf?

Biesdorf in Theodor Fontanes „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“

Vor 200 Jahren, am 30.12.1819, wurde Theodor Fontane geboren. Im Jubiläumsjahr des großen Dichters und Erzählers sind wir der Frage nachgegangen, was sich über Gut und Schloss Biesdorf in Fontanes Hauptwerk, den „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“, findet. Grundlage unserer Recherchen war die im Jahre 2012 im Aufbau Verlag erschienene Ausgabe, identisch mit der Großen Brandenburger Fontane-Ausgabe (GBA) aus dem Jahre 1997, aus der auch die zitierten Textpassagen entnommen sind.

Die „Wanderungen“ umfassen fünf Bände: „Die Grafschaft Ruppin“ (Band I, 1. Auflage 1862), „Das Oderland“ (II, 1863), „Havelland“ (III, 1873), „Spreeland“ (IV, 1882) und „Fünf Schlösser (V, 1889). Zu der genannten Ausgabe gehören noch die Bände VI und VII, in denen Texte aus dem Nachlass Fontanes veröffentlicht werden, die in einem direkten oder indirekten Kontext mit den „Wanderungen“ stehen.

Das Fontane-Denkmal in der Geburtsstadt Neuruppin

Die Ergebnisse unserer hobbymäßig betriebenen und keineswegs vollständigen Nachforschungen lassen sich in fünf Punkten zusammenfassen:

Erstens: In den fünf Bänden der „Wanderungen“ und im Nachlass (Bände VI und VII) gibt es keinen Aufsatz über Biesdorf. Dieses „Schicksal“ teilt Biesdorf jedoch mit vielen märkischen Orten (mit und ohne Schloss).

Zweitens: Im Aufsatz über Friedrichsfelde (Band IV der „Wanderungen“) wird Biesdorf allerdings erwähnt. Fontane berichtet, dass König Friedrich August von Sachsen (1750 – 1827) nach der Schlacht von Leipzig (1813) Staatsgefangener Preußens und seiner Verbündeten wurde und vom 26.07.1814 bis zum 22.02.1815 im Schloss Friedrichsfelde untergebracht war. „Der König lebte ganz als König“, schreibt Fontane. „Vormittags zwischen elf und zwölf ging er im Park spazieren; nachmittags ward auf die benachbarten Dörfer gefahren, namentlich auf solche, wo ein Park oder ein Fluss war, also nach Stralau, Lichtenberg, Biesdorf und vorzugsweise nach Schönhausen.“ (Wanderungen IV, S. 149)

Drittens: In den „Wanderungen“ begegnen uns Menschen, die einen engen Bezug zu Biesdorf und zu seinem Schloss haben. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang ein sehr ausführlicher Artikel über Gentzrode, der erstmals 1875 in der 3. Auflage von Band I der „Wanderungen“ als Buchkapitel erschien und für die 5. Auflage (1892) überarbeitet wurde. Gentzrode, ein kleiner Ort nördlich von Neuruppin, war von 1855 bis 1881 Eigentum und Wohnsitz der Familie Gentz. Fontane faszinierte, wie Johann Christian Gentz und sein Sohn Alexander auf einer mit Heidekraut bewachsenen Sanddüne einen landwirtschaftlichen Musterbetrieb geschaffen hatten. Er berichtet, dass Alexander Gentz angesichts der wirtschaftlichen Erfolge 1875 den Bau eines Schlosses plante. Da ihm der Entwurf der Architekten Kyllmann und Heyden jedoch missfiel, wandte er sich – so Fontane – an Gropius und Schmieden. Heino Schmieden (1835 – 1913) ist bekanntlich der Architekt von Schloss Biesdorf und er hat auf diese Weise Eingang  in Fontanes „Wanderungen“ gefunden. Das Herrenhaus in Gentzrode wurde im neomaurischen Stil errichtet, ist im Unterschied zu unserem Biesdorfer Kleinod aber leider dem Verfall preisgegeben.

In einem gesonderten Aufsatz im Band I der „Wanderungen“ beschreibt Fontane sehr ausführlich das Leben des Malers Wilhelm Gentz, des Bruders von Alexander Gentz. Mit Blick auf Schloss Biesdorf sind dabei zwei Dinge erwähnenswert. Zum einen zählt Fontane die Hauptarbeiten des Malers auf und erwähnt dabei (Wanderungen I, S. 163), dass das 1868 geschaffene Bild „Ein Märchenerzähler bei Kairo“ im Besitz von Werner von Siemens ist, der 1887 Herr von Gut und Schloss Biesdorf wurde. Und an anderer Stelle (Wanderungen I, S. 161) berichtet Fontane, dass auch Ismael Gentz, der Sohn von Wilhelm Gentz, eine hervorragende künstlerische Begabung hatte und unter anderem bekannte Berliner Persönlichkeiten porträtiert hat, so auch unseren Werner von Siemens.

Über eine weitere Biesdorfer Persönlichkeit berichtet Fontane in seinem Aufsatz „Malchow. Eine Winterwanderung“, der erstmals 1882 als Buchkapitel im Band IV der „Wanderungen“ erschien. Er wollte in der Gruft der Malchower Kirche das Grab des brandenburgisch-preußischen Staatsmannes Paul von Fuchs (1640 – 1704) besichtigen. Fontane wandte sich hilfesuchend an den Malchower Pfarrer Adalbert Hosemann, der ihm zwar das Grab nicht zeigen konnte (die Gruft war inzwischen verschüttet), aber Einblick in das Kirchenbuch und das Taufregister gewährte. Hosemann (1840 – 1906) wurde 1885 als Pfarrer und Superintendent des Kirchenkreises Berlin Land I nach Biesdorf versetzt und wirkte hier bis zu seinem Tode.

Viertens: Erwähnung findet Biesdorf schließlich auch in den im Band VII veröffentlichten Texten aus dem Nachlass. Im Jahre1882 griff Theodor Fontane nämlich seine Idee aus den 1850er Jahren wieder auf, ein mehrbändiges Werk „Geschichte und Geschichten aus Mark Brandenburg“ zu schreiben. Die Vorarbeiten hierzu sind im Fontane-Archiv in Potsdam aufbewahrt und  wurden erstmals in diesem Band VII der Großen Brandenburger Fontane-Ausgabe zusammenhängend veröffentlicht. Hier finden sich verschiedene Stoffdispositionen zu dem geplanten Werk. Unter der Überschrift „Märkische Dörfer. Kirchen- und Kirchhofsdenkmäler in und um Berlin“ listet Fontane zunächst 20 und später in erweiterter Form 68 ihn interessierende Orte aus dem Kreis Niederbarnim auf. In beiden Aufzählungen findet sich Biesdorf (Wanderungen VII, S. 58f.).

Der historische Kreis Niederbarnim ist hier mittelgrau wiedergegeben. Zu ihm gehörten Oranienburg, Hohen Schönhausen, Bernau sowie Erkner. Das kleine historische Berlin hatte 1890 1.579.530 Einwohner, der Kreis Niederbarnim, der sich zu einem bedeutenden Industriestandort entwickelte, 1890 188.297 Einwohner; aber 1910 bereits 445.265. Parallel zu Fontanes Romancierzeiten war Georg Scharnweber, Besitzer des Rittergutes Hohen Schönhausen, alleiniger Landrat von Niederbarnim zwischen 1843 und 1892.

Geht man der Frage nach, ob und in welcher Weise diese Barnimschen Orte an anderer Stelle Eingang in die „Wanderungen“ gefunden haben, kommt man auf drei Gruppen:

1) 30 Orte finden sich nur in der erwähnten (erweiterten) Liste.

2) 29 weitere Orte werden in einem oder mehreren Aufsätzen der „Wanderungen“ erwähnt. Zu ihnen gehört auch Biesdorf (siehe den unter Zweitens zitierten Aufsatz über Friedrichsfelde). Oft sind es nur Hinweise, im Besitz welcher Adelsgeschlechter sich einzelne Dörfer in ihrer Geschichte befanden. Oder die Orte werden genannt, weil sie eine Zwischenstation auf Fontanes Reisen waren.

Mehrfach Erwähnung finden Altlandsberg, Niederschönhausen (einen eigenständigen Aufsatz über das Schloss gibt es interessanter Weise in den „Wanderungen“ nicht) und Rüdersdorf (obwohl sich Fontane hier längere Zeit aufhielt, hat er dem Ort keinen eigenen Aufsatz gewidmet).

3) Zu neun Orten aus der oben erwähnten Liste finden sich in den „Wanderungen“ spezielle Aufsätze: Das sind Blumberg, Falkenberg, Friedrichshagen, Malchow und Rahnsdorf (alle im Band IV) sowie Tegel im Band III. (Außerdem sind im Band VI aus dem Nachlass Entwürfe zu Blankenfelde, Tasdorf und Zepernick veröffentlicht.)

Was hat Fontane gereizt, ausführlicher über diese Orte zu berichten?

Blumberg: In der dortigen Kirche (sie ist in den Sommermonaten am Sonntagnachmittag für Besucher geöffnet) interessierte sich Fontane vor allem für das Denkmal des Obersten Philipp Ludwig von Canstein (1669 – 1708), das Bildnis des Diplomaten und Poeten Friedrich Rudolf Ludwig Freiherr von Canitz (1654 – 1699) und die Portraitgemälde von Johann von Löben (1561 – 1636) und seiner Frau, dessen Nachfahren bis 1699 Herren von Blumberg waren.

Falkenberg: In der Falkenberger Kirche (1945 von der Waffen-SS gesprengt) besuchte Fontane das Grab der Eltern von Wilhelm und Alexander von Humboldt.

Friedrichshagen: Fontanes Interesse galt weniger dem Ort als der Müggelbude, einem Fähr- und Gasthaus auf dem gegenüber liegenden Ufer am Müggelsee. (An dieser Stelle wurde 1872 die Gaststätte „Müggelschlößchen“ errichtet, die im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde).

Das Müggelschlösschen auf der Köpenicker Seite der Spree

Rahnsdorf: Auch hier hat Fontane nicht den Ort im Blick, sondern das Schicksal des Fähnrichs Alexander Anderssen, der in seiner Kindheit Sommergast in Rahnsdorf war und 1870 im Deutsch-Französischen Krieg erschossen wurde.

Malchow: Hier wollte Fontane – wie oben erwähnt – das Grab von Paul von Fuchs besichtigen.

Tegel: Fontane wanderte 1860 zum Schloss Tegel, das seit 1766 im Besitz der Familie von Humboldt ist und in dem die Brüder Humboldt ihre Kindheit verbrachten. Wilhelm von Humboldt ließ in den Jahren 1820 bis 1824 das Schloss durch Karl Friedrich Schinkel umgestalten und bewohnte es bis zu seinem Tode (1835). Fontane beschreibt detailliert die Räume des Schlosses und die dort befindlichen Kunstschätze und Sehenswürdigkeiten aller Art sowie die Familiengrabstätte im Schlosspark.

Man muss neidlos anerkennen, dass Biesdorf zu Fontanes Zeiten solche Sehenswürdigkeiten nicht zu bieten hatte. Zwar waren die Adelsgeschlechter von der Gröben und von Pfuel im Mittelalter Grundherren von Biesdorf, aber ihren Stammsitz hatten sie in anderen Orten. Und die ersten Herren des 1868 erbauten Schlosses Biesdorf, Baron von Rüxleben und Baron von Bültzingslöwen, gehörten nicht zu den märkischen Adelsfamilien.

Fünftens: Beim Durchstöbern der „Wanderungen“ stößt man auf Textpassagen, die zwar keinen namentlichen Bezug zu Biesdorf haben, aber dennoch auch für unseren Ort zutreffen.

Im Vorwort zu seinen „Fünf Schlössern“ schreibt Fontane: „Fünf Schlösser! Fünf Herrensitze wäre vielleicht die richtige Bezeichnung gewesen, aber unsere Mark, die von jeher wenig wirkliche Schlösser besaß, hat auf diesem wie auf jedem Gebiet immer den Mut der ausgleichenden höheren Titulatur gehabt, …“ (Wanderungen V, S. 7). Auch unsere spätklassizistische Villa wurde als Gutshaus errichtet und erst umgangssprachlich zu einem „Schloss“ befördert.

Und in dem schon erwähnten Aufsatz über Friedrichsfelde bemerkt Fontane: „Die Fahrt nach Friedrichsfelde, wenn man zu den „Westendlern“ gehört, erfordert freilich einen Entschluss. Es ist eine Reise, und durch die ganze Steinmasse des alten und neuen Berlins hin sich mutig durchzuschlagen, um dann schließlich in einem fuchsroten Omnibus mit Hauderer-Traditionen die Fahrt zu Ende zu führen, ist nicht jedermanns Sache.“ (Wanderungen IV, S. 132). Auch wir machen bisweilen die Erfahrung, dass die zeitaufwändige Anreise aus den westlichen Stadtbezirken Menschen davon abhält, das Schloss Biesdorf zu besuchen.

Bei seinem Besuch beim Malchower Pfarrer Hosemann hat Fontane – wie erwähnt – intensiv  Kirchenbuch und Taufregister durchforscht, um danach festzustellen, dass er „Malchow in seinem damaligen Besitz- und Personalbestande so genau (kannte), wie wenn ich ein Katasterbeamter unter König Friedrich I. oder wohl gar der Dorfschulmeister … gewesen wäre.“ (Wanderungen IV; S. 236). Welche Rolle Dorfschullehrer als Chronisten spielten, lässt sich auch an dem Biesdorfer Lehrer Johannes Lehmann (1886 – 1945) belegen, dem wir viel Wissenswertes aus seinen Aufzeichnungen über „Rittergut und Schloss Biesdorf“ aus dem Jahre 1914 verdanken. Sie wurden 2013 von unserem Verein in Form eines von Dr. Oleg Peters und Waldemar Seifert gestalteten Büchleins neu herausgebracht. Fontane hätte seine Freude daran gehabt.

Prof. Gernot Zellmer


(Der Beitrag ist die Zusammenfassung von Teilen des Vortrags, den Prof. Gernot Zellmer am 20.11.2019 im Schloss Biesdorf zum Thema „Theodor Fontane zum 200. Geburtstag – auch wenn Biesdorf in seinen Wanderungen nicht vorkommt“ hielt.)


Stückrath las Nagel

Einer der ersten Höhepunkte im langen Otto-Nagel-Jahr bis zum Herbst 2020 war die Lesung aus dessen Roman „Die weiße Taube oder Das nasse Dreieck“ durch den Berliner Schauspieler Lutz Stückrath. Die Sprachwissenschaftlerin Frau Dr. Wehinger gab eine Einführung in das Buch, das im Weddinger Verlag Walter Frey erschienen ist.

Nagels einziger Roman ist eine riesige Fundgrube an MATERIAL, wie Heiner Müller in solchen Fällen zu sagen pflegte, er liest sich allerdings recht sperrig. Die Handlungsstränge sind linear, aber sehr detailliert ausgeführt. Lutz Stückrath hat sich durch den Stoff gewühlt und eine dramaturgische Linie gefunden. Diese Menschen, die Nagel hier nahezu minutiös beschreibt, hat er auch so gemalt: ohne Anklage und Gejammer, dafür gnadenlos realistisch und mitleidslos im Detail. Und ohne Erlösung am Horizont.

So könnte „Das nasse Dreieck“ ausgesehen haben


Der Roman handelt davon, wie der Arbeiter Wilhelm Thiele vom Wedding in den Jahren der Weltwirtschaftskrise arbeitslos wird und sich neu finden muss. Thiele hielt sich stets für unkündbar, nun plötzlich hat es auch ihn erwischt: er meldet sich allerdings nicht beim Amt, sondern will sich eine eigene Existenz aufbauen und arbeitet dafür schwarz. Prompt wird er von dem Mann erwischt, bei dem er sich hätte arbeitslos melden sollen. Nun wird ihm seine Wohnung gekündigt, er schläft in seiner Werkstatt und muss auch diese räumen – denn Stütze bekommt er nicht mehr. Zum ersten Mal übernachtet er auf dem Dachboden und muss betteln gehen. Sein Lebensmittelpunkt wird die Kneipe „Die weiße Taube“, die für hundert Menschen wie für ihn einziger Halt ist. Die Chefin Muttchen hält über alle ihre schützende Hand; freilich nicht ohne dabei selbst Kasse zu machen.

Man kann die „Weiße Taube“ oder das „nasse Dreieck“ als riesige soziologische Studie der Berliner Arbeiterklasse lesen, kaum vergleichbar mit ähnlicher Literatur; auch nicht mit „Berlin Alexanderplatz“ von Alfred Döblin. Obgleich es heute Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit genauso gibt – das war einzigartig! Auch das ist die Weimarer Republik, auch das sind die „goldenen zwanziger Jahre“! Durchaus auf seine Art vergleichbar mit dem soziographischen Klassiker aus Österreich „Die Arbeitslosen von Marienthal“ aus dem Jahre 1932.

Bei Nagel geht Betteln so: „Wenn man’t eenmal jemacht hat, is’t jar nich mehr so schlimm, speter wird’t janz selbstverständlich.“ Und bei seine erste Betteltour hat Thiele jleich ordentlich Glick: „..87 Pfennige, einige Paar Stullen und ein altes Hemd geerbt.“ Gute Stullen konnte er für 15 Pfennige weiter verkaufen, weniger gehaltvolle für 10 Pfennige, aber von diesen ersten Bettelgroschen gibt er seinen Kameraden erstmal ein Bier aus.

Lutz Stückrath liest seinen Text eine Stunde lang im Stehen. Dem geborenen Berliner aus Friedrichshain läuft der Dialekt locker von der Zunge. Doch der Text geht ihm unter die Haut. Das spüren die Zuhörer. Er findet einen versöhnlichen Schluss. Thiele träumt seiner neuen Ische Minna diese Zukunft vor: „Wir mieten uns dann Stube und Küche, und ich kaufe dir einen weißen Küchenschrank. Und wenn ich morjens nach Arbeit jehe, dann winkst du mir vom Fenster nach, – und wenn ich abends komme, – hast du alles schön sauber jemacht, und das Essen steht auf dem Tisch. Minneken, wenn ich mir das vorstelle — das wird ein Leben!!!“

Der Lesung folgte warmer anhaltender Beifall. Die Zuhörer spürten den besonderen Augenblick. „Das war das perfekte Hörbuch!“, meinte ein Zuhörer.

Nagels Roman wurde, manche werden sich daran erinnern, vom Fernsehen der DDR unter dem Titel „Es geht einer vor die Hunde“ verfilmt und im Jahre 1983 uraufgeführt. Die Hauptrollen spielten Peter Reusse und Jenny Gröllmann; als Otto Nagel, dessen Figur hinzugefügt wurde, trat Martin Trettau auf.

Peter Reusse (vorn) und Martin Trettau
Foto: Fernsehen der DDR

Unter der Regie von Hans Knötzsch waren auch Henry Hübchen, Kurt Böwe, Rolf Ludwig und Carmen-Maja Antoni dabei. Wir wollen versuchen, gemeinsam mit Mathias J. Blochwitz den Film im Stadtteilzentrum Biesdorf zur Aufführung zu bringen.

(Axel Matthies)


BIESDORFER BEGEGNUNG mit Kulturstaatsministerin Prof. Monika Grütters


Die nunmehr 9. BIESDORFER BEGEGNUNG mit der Kulturstaatsministerin Prof. Monika Grütters am 28. Oktober 2019 stellte in dieser Reihe mit prominenten Persönlichkeiten ein Novum dar.

Zum ersten Mal war mit der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, so die Amtsbezeichnung, ein Mitglied der Bundesregierung im Schloss Biesdorf als Gesprächspartnerin zu Gast.  „Kulturpolitik für Zusammenhalt in Vielfalt“ – so das Thema ihrer informativen und lebendigen Einführung. Ihre erst seit 1998 bestehende Behörde hat wichtige, der Öffentlichkeit viel zu wenig bekannte kulturpolitische Aufgaben von gesetzgeberischen Rahmenbedingungen, wie z.B. die jüngsten Regelungen zum Umgang mit Kulturgütern, über die Filmförderung, die Erhaltung nationaler Kultur- und Gedenkstätten, so besonders die Erinnerung an die Zeit der NS-Diktatur, bis hin zur Vertretung der Bundesrepublik in internationalen Gremien wie der UNO oder der Europäischen Union.

Frau Prof. Grütters bei ihrem Einführungsbeitrag

Eindrucksvoll ihre Angaben über die Zahl der in der Bundesrepublik tätigen Kultureinrichtungen wie Theater, Opernhäuser, Orchester, Museen, die im internationalen Vergleich einen Spitzenwert bedeuten. So sei fast die Hälfte aller Opernhäuser in Deutschland zu finden. Originell der Vergleich, wonach die jährlich 114 Millionen Museumsbesucher die Zahl der Zuschauer aller Bundesligaspiele übertreffen. Frau Grütters bekräftigte das hohe verfassungsmäßige Gut der Freiheit der Kunst und der Meinungsäußerung und verwies darauf, dass in der föderalen Struktur die Länder und Kommunen für die Kultur zuständig sind.

Im Podium ergänzte Regina Kittler, kulturpolitische Sprecherin der LINKEN im Berliner Abgeordnetenhaus, die Situation in Berlin und benannte dabei auch Defizite in der Finanzierung und Unterhaltung kultureller Arbeit, so in der sogenannten „Freien Szene“ und den Bezirken und verwies auf die prekäre Einkommenssituation vieler Künstler.

Eine Art Bonmot einen Tag nach der Thüringen-Wahl: Beide würdigten die durchaus gute Zusammenarbeit zwischen Berlin mit seinem Kultursenator Klaus Lederer (Die LINKE) und der Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU), deren Wahlkreis der Bezirk Marzahn-Hellersdorf ist.

Michael Wiedemann, engagierter Sammler von Kunst aus der DDR und Initiator der nunmehr schon traditionellen Kunstausstellung „Kostbarkeiten“ im Alten Rathaus Marzahn, – die letzte galt Harald Metzkes – verwies auf die Initiative eines Kulturpfades im Bezirk und fragte nach Unterstützungsmöglichkeiten.

Frau Lavinia Frey, die Geschäftsführerin der Stiftung Humboldtforum im Berliner Schloss, entwarf das Bild einer weltoffenen, die vielfältigen außereuropäischen Kulturen präsentierenden künftigen Darstellung in dem neuen Gebäude in der Mitte Berlins und zeigte sich optimistisch, dass die verschiedenen Akteure mit ihren auch verschiedenen Interessen gut für diese große Aufgabe zusammen finden werden. Mit modernen Gestaltungsformen und freiem Eintritt soll neues Publikum gewonnen werden.

Im Podium debattierten: Regina Kittler, Michael Wiedemann, Lavinia Frey, Prof. Monika Grütters und als Moderator Dr. Heinrich Niemann

Die Fragen in der leider nur kurz bemessenen Diskussion:

Warum wurde mit der Vereinigung nicht ein Kulturministerium eingerichtet? Frau Grütters legte plausible Gründe dafür da, sie schloss aber einen solchen Schritt für die Zukunft nicht aus.

Wenn man die beachtliche Geldsumme für Kulturförderung auf die Bevölkerung umrechnet, kommt doch ein relativ bescheidener Betrag heraus, so dass Leuchttürme bzw. eines Tankstellennetzes der Kultur nicht ausreicht, um Kultur wirklich flächendeckend ausreichend zu fördern, eine weitere Frage. Frau Grütters räumte dieses Problem ein, verwies jedoch hier auf die Verantwortung der Länder und Kommunen.

Auch die Frage, wie sie das Anliegen unterstützen könnte, den Künstler Otto Nagel wieder angemessen zu würdigen, beantwortete sie mit dem Verweis auf die Zuständigkeit,  wies aber auch auf bestehende Förderprogramme hin, die es zu nutzen gelte – auch die ihres Hauses.

Zum Stand der noch fehlenden Millionen in der Spendenaktion des Schlossvereins mit Herrn von Boddien und seine wohl neuen Ideen für den großen Bau gab es ausweichende Antworten, auch „um Herrn Boddien keine Vorwände für irgendetwas zu geben“.

Die Antwort auf die Frage, wie denn der Palast der Republik im Humboldtforum als Teil der Geschichte dieses Ortes seinen Platz finde, befriedigte den Fragesteller nicht ganz. Zwar werden einige Einrichtungsgegenstände und auch das Mattheuer-Bild zu sehen sein, aber ob die „Wernesgrüner Bierstube“ wieder ihren Platz finden könnte, vermochte Frau Frey nicht zu beantworten. Da fehlten anscheinend dann auch die Kenntnisse über ein solches populäres Detail des damaligen DDR-Palastes.

Insgesamt ein Abend mit Gewinn. Über Kultur unseres Landes und seiner Hauptstadt hier in Biesdorf an ihrem Rande kompetent zu diskutieren, war tatsächlich ein „Beweis für die dezentrale Logik der Kultur“, wie Prof. Grütters mit Blick auf das wieder aufgebaute schöne Schloss Biesdorf vermerkte.

Man kann auf die nächste BIESDORFER BEGEGNUNG  gespannt sein.

(Dr. Heinrich Niemann)


Otto Nagel 125 Jahre – ein wunderbarer Tag

Für den „Initiativkreis Otto Nagel 125“ war der 27. September 2019 eine große Herausforderung – wir alle haben sie großartig gemeistert. Allen aktiv Beteiligten einen herzlichen Dank für den Einsatz. Wir dokumentieren hier die wesentlichen Aktionen des Tages.

Der Geburtstag begann um 10.00 Uhr mit einer großartigen Performance in der Aula des Otto-Nagel-Gymnasiums. Die Schülerinnen und Schüler hatten ein exzellentes  Programm einstudiert, das per Livestream in alle Klassenräume übertragen wurde. Besonders berührend waren die Auftritte von drei Schülerinnen der Abiturstufe, die Auszüge aus Walli Nagels Buch „Das darfst du nicht!“ vortrugen. Meisterschüler Harald Metzkes war erschienen, um an seinen Professor zu erinnern und sogleich einen eigenen Preis für eine Schülerin zu überreichen. Eine schöne Geste der generationsübergreifenden Begegnung und Berührung! Zudem wurden Otto-Nagel-Schulpreise an vier Schülerinnen überreicht, die sich in einem ausgeschriebenen Schulwettbewerb als Siegerinnen durchgesetzt hatten. Eine Reihe von Ehrengästen besuchten das Gymnasium, darunter Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau. Einen Stream der Veranstaltung können Sie hier sehen.

In der vollbesetzten Aula des Otto-Nagel-Gymnasiums

Zur Mittagsstunde gedachten mit Blumengebinden Vertreter von Abgeordnetenhaus und Senat von Berlin, des Bezirksamtes Marzahn-Hellersdorf gemeinsam mit Schülerinnen des Otto-Nagel-Gymnasiums und Vertretern des „Initiativkreises Otto  Nagel 125“ an seinem Ehrengrab auf dem Zentralfriedhof in Friedrichsfelde. Worte des ehrenden Gedenkens sprachen die Vizepräsidentin des Abgeordnetenhauses Dr. Manuela Schmidt, Bezirksstadträtin Juliane Witt und Dr. Heinrich Niemann.

Blumengebinde am Grab des Berliner Ehrenbürgers

Gegen 15 Uhr schloss sich die Enthüllung der zusätzlichen Informationstafeln an Schildern der Otto-Nagel-Straße, wenige Schritte entfernt vom Biesdorfer Wohnhaus an. Sehr bewegt nahmen daran auch die Enkelin Otto Nagels – Salka Schallenberg -, deren Ehemann, der heutige Bewohner des Wohnhauses Herr Keil und der Sohn der letzten Haushälterin der Familie Nagel Jürgen Weber teil.

Die Bezirksverwaltung hatte die Schilder termingerecht angebracht

Die abendliche „Begegnung mit Otto Nagel“ im vollbesetzten Heino-Schmieden-Saal des Schlosses Biesdorf gestaltete sich im wahrsten Sinne zu einer offenen, sehr persönlichen Annäherung an den Künstler und Kulturpolitiker.

Das nur für diesen Anlass aus der Ehrenbürgergalerie des Berliner Abgeordnetenhauses entliehene große Bildnis des Malers von Bert Heller  (Dank an die Stiftung Stadtmuseum Berlin und das Parlament) bildete ebenso wie die an den Saalrändern aufgestellten Poster zum Schülerprojekt und über eine Kunstaktion „Wedding im Wandel“ des Künstlerteams sara&ralf einen besonderen Rahmen. Letzteres Projekt können Sie hier betrachten.

Salka Schallenberg schilderte ihren Zugang zu Leben und Werk ihres Großvaters und wies auch auf noch zu klärende kritische Umstände im Umgang mit dem Erbe Otto Nagels nach seinem Tod hin. Berührend auch ihr kurzer Film über ihre Großmutter Walentina Nagel. Ihr Mann Bernd Schallenberg begleitete musikalisch das Programm mit seiner Konzertgitarre.

Salka Schallenberg vor Bildern ihres Großvaters Otto Nagel (Foto: B. Schallenberg)

Jürgen Weber erlebte Otto und Walli Nagel als Junge in ihrer häuslichen Umgebung und erzählte Begebenheiten, so als er zum Klavierspiel ermuntert wurde oder über einen gerade so eingedämmten Weihnachtsbaumbrand.

Schülerinnen des Otto-Nagel-Gymnasiums und ihre Kunstlehrerin Dana Wolfram berichteten u.a. über ihre Gespräche mit den Meisterschülern Otto Nagels Harald Metzkes und Ronald Paris. Metzkes hatte am Vormittag einer Schülerin für ihr Nagelbild einen einmaligen Preis überreicht und über seine Zeit mit dem Maler berichtet.

Die Kulturwissenschaftler Dr. Ralf Forster und Dr. Jens Thiel formulierten eine  Reihe von zu untersuchenden Fragen und Themen der kulturpolitischen und publizistischen Arbeit Nagels, sowohl in der Weimarer Republik, jedoch besonders auch für die Zeit nach 1945 und in der DDR, zumal gerade dafür eine sehr gute Aktenlage in den Archiven bestünde.

Axel Matthies (Vorstandsmitglied unseres Vereins) spannte in seinem resümierenden Beitrag einen Bogen zur Gegenwart mit dem Gedanken, dass das in Vergessenheit Geraten sein Otto Nagels auch bedeuten kann, sich dieser bedeutenden Berliner Künstlerpersönlichkeit von Grund auf neu zuzuwenden. Matthies sagte: „Otto Nagel …blieb Arbeiter und er wuchs neben der Malerei zu einem befähigten Autor, vor allem aber zu einem großen Organisator und Netzwerker für die Kunst der Arbeiterklasse. Man muss diese Dreieinigkeit bei Otto Nagel immer zusammen denken. Nur so sind seine Persönlichkeit und sein Platz in der Kunstgeschichte überhaupt denkbar.

Seine Gegenstände waren ‚Ausgesteuerte‘ und ‚Asylisten‘, Trinker und Huren. 90 Jahre später heißen die Ausgesteuerten Langzeitarbeitslose oder Hartzer, die Asylisten sind die Obdachlosen, die zur Stadt gehören, die Trinker sitzen nicht mehr in der Kneipe sondern auf den Stufen der Kaufhallen oder Bahnhöfe, die Huren bevölkern des Nachts manche Straße. Die Berliner Sozialsenatorin verschweigt die Probleme nicht; mit der Arbeit kommt sie kaum hinterher. Es gibt also überhaupt keinen Grund, Nagels Werk gering zu schätzen.“

Matthies stellte zum Abschluss der gelungenen „Begegnung mit Otto Nagel“ fest, dass es im kommenden Otto-Nagel Jahr bis zu seinem 126. Geburtstag viel zu tun gibt, um den „Prozess der Heimkehr Otto Nagels in seine Heimatstadt Berlin, oder wie der Jubilar selbst sagen würde: in seine Vaterstadt Berlin“, voranzubringen. Hier können Sie den kompletten Beitrag lesen:

Bleibt anzumerken, dass unter den Gästen auch die stellv. Direktorin des Archivs der Akademie der Künste Berlin, Frau Sabine Wolf, die Kuratorin der Stiftung Stadtmuseum Berlin, Frau Bossmann (beide Institutionen bewahren zahlreiche Werke Nagels) und eine Großnichte des Malers begrüßt werden konnten. Dazu kamen Freunde des ehemaligen Otto-Nagel-Studios in Berlin-Friedrichshain sowie eine Delegation von der Otto-Nagel-Schule in Schönwalde bei Cottbus.

Am Vortag hatte Ingeborg Ruthe in der „Berliner Zeitung“ in ihrem Beitrag „Sein Bildpersonal waren die kleinen Leute“ auf die Bürgerinitiative und die kommende Ausstellung zu Nagels Leben und Werk im Schloss Biesdorf hingewiesen.

Ausschnitt Berliner Zeitung vom 26.9.2019

Im Musiksalon waren gleichsam als Geburtstagsgabe mehrere Nagelbilder (Leihgaben der Berliner Sparkasse, des Kunstarchivs Beeskow und Herrn Wolf Lenkeit) und Nagelporträts seiner Schülerin Ursula Wendorff-Weidt, von Ronald Paris und Gerhard Goßmann sowie die frischerworbenen Nagelbilder des Gymnasiums zu sehen.

Ein bei unserem Verein erhältliches Begleitheft informiert über Otto Nagel und die nächsten Projekte des „Initiativkreises Otto Nagel 125“.

Schließlich gilt unser herzlicher Dank der Leiterin der Galerie Schloss Biesdorf Karin Scheel und dem Sicherheitsteam für die uneigennützige Unterstützung der Veranstaltung.

(Dr. Heinrich Niemann, Axel Matthies)


KLASSE DAMEN – Klasse-Ausstellung im Schloss Biesdorf


Seit dem 17. Juni schmückt sich die kommunale Galerie Schloss Biesdorf mit der Ausstellung „KLASSE DAMEN!“. Sie läuft bis zum 13. Oktober und hat alle Aussichten, die inhaltlich komplexeste und besucherreichste Exposition in der neuesten Geschichte des Schlosses zu werden. 

Ab März 1919 durften Frauen an der Königlichen Kunstakademie in Berlin studieren. Bis dahin waren sie auf Privatlehrer und „Damenklassen“ angewiesen, professionelle Wertschätzung blieb ihnen meist verwehrt, so die Ausstellungsmacherinnen. In der Ausstellung werden den Werken von Berliner Bildhauerinnen und Malerinnen der ersten Generation Positionen zeitgenössischer Künstlerinnen gegenüber gestellt. Sie erarbeiteten orts-und ausstellungsbezogene Werke: Rauminstallationen, Film und Video, Cut outs, Collagen, Malerei und Performance – eröffnen so einen visuellen Dialog mit den Künstlerinnen von damals und schüfen einen Denkraum, der die Fragen, die damals wie heute drängend seien, neu verhandele.

Außergewöhnliche Vernissage

Beeindruckend zur Vernissage, so Augenzeugen, sei die einführende Performance der Mitkuratorin Ellen Kobe „Wärest Du…“ gewesen, die sich als Enkelin der Künstlerin Lotte Laserstein verstand und den gesellschaftlichen Raum, in dem Kunst damals und heute entstand, produktiv vermaß. Der Andrang zur Vernissage war so groß, dass viele interessierte Besucherinnen und Besucher den Auftritt Kobes im Heino-Schmieden-Saal, der wie immer seit der Wiedereröffnung vor fast drei Jahren nicht klimatisiert war, an den Türen verfolgen mussten. Das Bezirksamt mit seinen technischen Ressourcen steht endgültig in der Pflicht, diesen unmöglichen Zustand zu beenden. Der Heino-Schmieden-Saal ist kein Tropensaal. Dass er überfüllt war, ist gut, und spricht von Anbeginn für die Ausstellung. Die Performance von Frau Kobe ist hier abrufbar.


Vollbesetzter Heino-Schmieden-Saal bei der Vernissage mit Ellen Kobe

Ungewohnte Salonatmosphäre

Beim Betreten der Schloss-Galerie ist man dieses Mal auf das Angenehmste berührt: nicht hin gestapelte Installationen, keine herabhängenden Gegenstände, keine bunten Plastikförmchen bestimmen das Auge – nein, Kunstwerke, die von Hand und Kopf gebildet wurden, begrüßen die Besucher. Gemälde, Grafiken und Figuren  versetzen den Gast in die Atmosphäre eines spätbürgerlichen Salons. Sie repräsentieren verschiedene Strömungen der klassischen Moderne. Hierfür sorgen Leihgaben aus dem Bröhan-Museum, dem Georg Kolbe Museum, dem Kunstarchiv Beeskow, der Galerie Die Möwe Berlin, der Berlinischen Galerie und anderen Institutionen. Gemälde, Figuren und Zeichnungen von Gertrud Spitta, Julie Wolfthorn, Marg Moll, Hannah Höch oder Doramaria Purschian grüßen von den Wänden und Podesten und versetzen die Besucher in Vorfreude. Die beiden Kuratorinnen sind Ines Doleschal und Ellen Kobe; Unterstützung gewährte Karin Scheel.

Julie Wolfthorn, Portrait Käthe Parsenow. 1910

Für uns interessant: ein Ölgemälde von Gertrud Spitta zeigt die Fischerbrücke in Alt-Berlin im Winter. Die Brücke gibt es so heute nicht mehr; sie war ein Teil des Mühlendamms, dem damals wichtigsten Hafengelände Alt-Berlins. Interessant deshalb, weil diese Brücke in unmittelbarer Nachbarschaft des Fischerkiezes liegt, wo Otto Nagel bis 1944 die Häuser, Straßen und Plätze für die Nachwelt insbesondere in Pastellen festhielt. Sie gehören heute zum künstlerischen Gedächtnis des historischen Berlin.

Gertrud Spitta, Fischerbrücke Berlin. Um 1910

Auch die kleinen Figuren von Marg Moll erzwingen Beachtung, sie wirken trotz ihrer kompakten Form feingliedrig. Molls leicht abstrakte Skulpturen haben zumeist den menschlichen Körper zum Thema. Dabei entwickelte sie eine kubistisch anmutende Formsprache, die eine feine Rhythmik im Spiel des als plastischen Gestaltungsmittel eingesetzten Lichtes entfaltet. Man möchte die Figuren berühren. Marg Moll wurde während des Nationalsozialismus verfolgt, ihre Skulpturen galten als „entartet“. Viele ihrer Werke gingen verloren. Vielleicht erinnert sich diese oder jener noch an einen spektakulären Kunstfund beim Bau der U5 am Roten Rathaus im Jahr 2010: ein als verschollen gegoltenes  Werk von Marg Moll war dabei.

Marg Moll, Stehende mit Krug

Doramaria Purschian

Die begleitenden Künstlerinnen-Karten, die es bei ZKR-Ausstellungen nie gab und die höchst informativ sind, regen zu weiteren Recherchen an. So heißt es auf der Karte zu Doramaria Purschian: „..regelmäßige Ausstellungsbeteiligungen bis in die 1960er Jahre und eine Reihe von Auszeichnungen folgten. Purschian starb 1972 unverheiratet und kinderlos. Danach geriet sie in Vergessenheit. Ihr Werk ist heute kaum wissenschaftlich erforscht.“ Diese Eischätzung hat mich neugierig gemacht. Man kann über Frau Purschian mühelos erfahren, dass sie einem wohlhabenden Haushalt entstammt. Ihr Vater Ernst Purschian war erfolgreich tätig im Heizungsanlagenbau und hat mit der Firma Emil Kelling wichtige technische Anlagen errichtet, so die Heizungs- und Lüftungsanlage des Theaters des Westens. Das ermöglichte ihr eine gediegene künstlerische Ausbildung, die sie als Zeichenlehrerin abschloss. Anschließend konnte sie bei Lovis Corinth ihre Porträtfähigkeiten verfeinern. Ihr Werk in den Jahren der Weimarer Republik ist gut dokumentiert.

Doramaria Purschian, Bäume im Herbst. 1920

Ab den 1930er Jahren verliert sich ihr Werk und Ausstellungen werden rarer. 1939 übernimmt sie die Familienfirma von ihrem Bruder Frank und betätigt sich als Unternehmerin. Ihr Name gelangt noch ein Mal in die Schlagzeilen, als sie Opfer eines brutalen Raubüberfalls in ihrer Villa in Berlin-Dahlem durch die damals berüchtigte Berliner Gladow-Bande wird. Die Zeitungen berichten im Frühjahr 1950 über ihren Auftritt als Zeugin. Der Überfall hat sie schwer gezeichnet; als Künstlerin hat sie nicht mehr gearbeitet. Dennoch nimmt sie in den 1950er und 1960er Jahren an Austellungen vor allem in West-Berlin teil und erhält sogar Preise. Weiteres Wissen über Doramaria Purschian ist in den Unterlagen des Vereins der Berliner Künstlerinnen 1867 e.V. vorhanden, der vor zwei Jahren seinen 150. Geburtstag mit einer großen Ausstellung beging. Ebenso verfügt die Akademie der Künste über Archivalien. Doramaria Purschian lebte viele Jahre mit ihrer Lebensgefährtin in ihrem Haus in Dahlem und verstarb 1972 kinderlos, aber vermögend.

Feministischer Anspruch

Was die KLASSE DAMEN vereint ist die feministische Verve, mit der die Ausstellung öffentlichkeitswirksam begleitet wird, nicht übersehbar. Die Ausstellung soll „als Beitrag zu einem gesellschaftspolitischen Diskurs und als Anstoß für eine öffentlichkeitswirksame Reflexion“ dienen; ferner „erörtern wir alle Implikationen, die sich für die Frauen damals ergaben und bis heute ergeben – von familiären Brüchen, Kinderlosigkeit und Armut über Diffamierung, Vorurteilen und Ächtung bis zu den ‚modernen‘ Problematiken wie einer strukturellen Diskriminierung im Kunstbetrieb mit seinem immer noch grassierenden gender pay und gender show gap“, so die Ausstellungsmacherinnen.

Es fällt nicht leicht, das ist meine persönliche Meinung, in den neueren Arbeiten ein besonderes magisches Moment zu entdecken, einen Impuls, stehen zu bleiben und zu schauen. Möglicherweise sind die Arbeiten zu sehr damit beschäftigt, Ausstellungspraxis, Förderstrukturen und das Wertesystem des heutigen Kunstbetriebs zu hinterfragen.

Mindestens eine Überraschung gibt es dennoch. Provokant und meist abstoßend wirkt auf viele Besucherinnen die Videoinstallation von Else Gabriel „Kind als Pinsel“.

Else Gabriel, Kind als Pinsel. 2007

Else Gabriel

Eine Frau schwenkt ein Mädchen mit langen offenen Haaren wie ein Scheuertuch über den Zimmerboden, dessen Haarsträhnen die erwünschten Farbspuren auf dem Boden hinterlassen. Was im ersten Augenblick wie eine „durchgeknallte“ Idee wirkt, erweist sich bei hinreichendem Nachdenken als scharfsinnige Allegorie auf die Lebensumstände einer alleinerziehenden Künstlerin. Nach einer aktuellen Studie des Instituts für Strategieentwicklung ISFE verdienen in Deutschland bildende Künstler durchschnittlich etwa 11.600 Euro, Künstlerinnen nur knapp 8.400 Euro im Jahr. Die Hälfte der Befragten bleibt dabei jedoch unter 5000 Euro. Davon kann niemand leben, zumal nicht in einer Stadt wie Berlin. „Für 80 Prozent ist ihre künstlerische Arbeit ein Verlustgeschäft“, heißt es in der Studie. In der Szene können nur 13 Prozent der Männer und nur 8 Prozent der Frauen ihr Jahreseinkommen aus der Kunst bestreiten. Die Allegorie von Gabriel kann so interpretiert werden, dass Kinder, die in prekären Künstlerhaushalten leben, selbst zum Pinsel, zum Produktionsmittel werden. Sie sind untrennbarer Bestandteil der Kunstproduktion – ungewollt  ausgenutzt und verschwendet…

Else Gabriel hat heute eine Professur der Bildhauerei an der Kunsthochschule Berlin Weißensee inne. Sie stellte im Museum Barberini zur Schau „Hinter der Maske. Künstler in der DDR“ aus. Gabriel äußert immer wieder interessante Ansichten über Kunstproduktion, Auftragskunst und Kunstmarkt, so dass wir Ihnen diese mit einem Link zugänglich machen wollen.  

Soweit unser kurzer Beitrag zu einem gesellschaftspolitischen Diskurs und einer öffentlichkeitswirksamen Reflexion. Worauf wir, im Bewusstsein streng formuliert zu haben, unbedingt hinweisen möchten: es gibt natürlich unheimlich viel zu entdecken. Jede Karte ist ein Wegweiser in eine eigenständige Kunstlandschaft. Gehen Sie diese Wege!

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Am Schluss möchten wir noch auf vier Ausstellungen verweisen, die KLASSE DAMEN inhaltlich ergänzen, die Vergleiche und Analysen in die Tiefe ermöglichen.

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Das Bröhan-Museum zeigt die erste avantgardistische Künstlergruppe im deutschsprachigen Raum. Die Ausstellung „Skandal! Mythos! Moderne! Die Vereinigung der XI in Berlin“ präsentiert anhand von mehr als 100 Exponaten erstmals die Geschichte dieser richtungweisenden Berliner Künstlerorganisation. Darin dominieren fortschrittliche Stilrichtungen wie Impressionismus und Symbolismus, die im kaiserzeitlichen Berlin sonst kaum einen Ort haben. Künstler wie Max Liebermann, Walter Leistikow und Ludwig von Hofmann erleben ihren künstlerischen Durchbruch.

Die alten Berliner Meister Max Liebermann und Lesser Ury kann man noch intensiver in der Wannsee-Villa besichtigen. Der Fokus liegt dabei auf den Berliner Großstadtbildern der beiden Maler. Die Gegenüberstellung ist auch deshalb so lohnenswert, weil beide eine jeweils spezifische Sicht auf ihr Berlin haben. Malt Liebermann mit Vorliebe das Grün, immer wieder den Tiergarten und die Berliner Parks, ist Ury mehr an der modernen Großstadt interessiert, setzt Nachtszenen mit Autoverkehr, Straßenbeleuchtung und typische Gebäude Berlins ins Bild.

Schließlich: Die Berlinische Galerie steht mit zwei weiteren Schauen ganz auf ihrem Platz als Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur. Lotte Laserstein, „Von Angesicht zu Angesicht“, wird als sanft-gefühlvolle Chronistin der 1920er und 30er Jahre gezeigt. Großzügige Spenden von Mitgliedern des Fördervereins haben es ermöglicht, die Ausstellung durch besondere Werke und Dokumente von Lotte Laserstein aus der Exil-Zeit in Schweden zu ergänzen. Begleitet wird Laserstein von „Gesichter der zwanziger Jahre“ – Porträts und Selbstbildnisse von Künstler*innen, die zur gleichen Zeit wie Laserstein in Berlin lebten und arbeiteten. Die Maler*innen porträtierten ihre Kinder, Künstlerkolleg*innen, ihre Geliebten oder sich selbst in Situationen privater Vertrautheit.

Lotte Laserstein, Liegendes Mädchen auf Blau. Um 1911

(Axel Matthies)


„Initiativkreis Otto Nagel 125“ gebildet

Seit Beginn dieses Jahres arbeitet unser Verein „Freunde Schloss Biesdorf“ intensiv an einer Ehrung für den großen Berliner Künstler Otto Nagel, der zugleich Ehrenbürger unserer Stadt ist. Anlass dafür ist sein 125. Geburtstag am 27. September 2019.

Otto Nagel, Selbstbildnis 1935

Wenngleich wir vor zwei Jahren seines 50. Todestages gedachten: sein künstlerisches Erbe, sein kulturpolitisches Wirken und seine publizistischen Versuche haben noch immer nicht jene Wertschätzung erlangt, die sein Werk verdient. So hat Otto Nagel etwa großen Anteil an dem einzigartigen Film „Mutter Krausens Fahrt ins Glück“, dessen Uraufführung vor 90 Jahren wir im Dezember ebenfalls gedenken können.

Für uns war es daher eine Pflicht, aus bürgerschaftlicher Sicht Verantwortung zu übernehmen und die Dinge weiter zu treiben. Innerhalb weniger Wochen hatten wir Zuspruch aus den unterschiedlichsten Lebensbereichen und diversen Orten. Angehörige der Familie Nagel und Otto Nagel ehemals nahe stehende Menschen, Meisterschüler, Schülerinnen und Schüler des Biesdorfer Otto-Nagel-Gymnasiums, Mitarbeiterinnen in kommunalen Einrichtungen, private Unternehmer, Künstler und Wissenschaftler, Bürgerinnen und Bürger aus Marzahn-Hellersdorf, Mitte/Wedding und Brandenburg haben ihr Interesse und ihr persönliches Wissen und Engagement  geäußert und Unterstützung angeboten. Die Schar der Unterstützer ist viel größer als wir uns vorstellen konnten.

Die Vorbereitungen laufen nun auf Hochtouren. Seit wenigen Tagen haben sich die Unterstützer den Namen „Initiativkreis Otto Nagel 125“ gegeben. Wir bereiten zwei Veranstaltungen vor: am 27. September werden vormittags die Schülerinnen und Schüler des Otto-Nagel-Gymnasiums ihren Namenspatron in der Aula ehren und dabei einen kleinen Otto-Nagel-Preis verleihen, am Abend folgt eine festliche Begegnung im Schloss Biesdorf. Im Herbst werden weitere inhaltlich vertiefende Veranstaltungen an verschiedenen Orten unseres Bezirkes und im Stadtteil Wedding folgen. Darunter befindet sich eine Busexkursion zu wichtigen Lebensorten Otto Nagels.

Vielleicht haben auch Sie noch gute Ideen, Wissen oder Zeitzeugnisse zu Otto Nagel – lassen Sie es uns wissen und schreiben Sie uns: info@freunde-schloss-biesdorf.de


40 Jahre Marzahn-Hellersdorf:
unsere 10 Glückwunsch-Gründe

Über 650 Mitwirkende boten am 15. Juni 2019 nachmittags auf verschiedenen Bühnen vieles zum Zuschauen und auch Mitmachen an. Auf der GratulantenMeile, die sich an den fünf Farben des Bezirkslogos orientierte, präsentierten sich an mehr als 65 Ständen Vereine, Einrichtungen und Städtepartner als Gratulanten mit Aktionen und Informationen aus Kunst- und Kultur sowie Umwelt- und Naturschutz.

Natürlich waren wir Freunde Schloss Biesdorf e.V. wie immer aktiv und gut nachgefragt dabei. In vielen Gesprächen informierten wir über Geschichte und Gegenwart von Schloss und Park, unsere eigenen Angebote wie Führungen und Vorträge sowie die aktuellen Ausstellungen der kommunalen Galerie. Zum Schluss konnten wir der Kulturstadträtin Frau Witt (LINKE) unsere 10 Gründe für einen herzlichen Geburtstagsgruß überreichen.

Unser Stand, traditionell gemeinsam mit dem Stadtteilzentrum Biesdorf, war wie immer gut besucht.

Kunstarchiv Beeskow nun mit modernem Depot

Wie angekündigt wurde am 29. Mai 2019 das Depot des Kunstarchivs Beeskow am neuen Standort unmittelbar neben der Burg eingeweiht. Alleiniger Träges des Archivs ist nun der Landkreis Oder-Spree. Dazu war Kulturministerin Martina Münch nach Beeskow gekommen. Gemeinsam mit Landrat Rolf Lindemann und Bürgermeister Frank Steffen konnte sie bei strahlendem Sonnenschein zahlreiche Gäste aus der Kunst- und Kulturszene begrüßen, darunter viele Künstlerinnen und Künstler sowie Unterstützer zur Bewahrung der Kunst aus der DDR. Rund 17.000 Kunstwerke von 1.700 Künstlerinnen und Künstlern lagern nun, wie uns die für die Generalinventur zuständige Mitarbeiterin Dr. Angelika Weißbach bestätigte, unter optimalen Bedingungen im ehemaligen Kreisarchiv des Landkreises auf der Spreeinsel. Dazu kommen 1500 Stücke des künstlerischen Volksschaffens.

Zufriedene und optimistische Gesichter in Beeskow


Finanzielle Unterstützung

Für den Ausbau des neuen Depots erhielt das Kunstarchiv Beeskow rund 230.000 Euro von Bund und  Land im Rahmen des Förderprogramms Investitionen für nationale Kultureinrichtungen in Ostdeutschland. Damit wurden 100 neue Zugregale zur Aufbewahrung und zur besseren Zugänglichkeit der Kunstobjekte angeschafft.

100 neue Zugregale wurden eingebaut (Foto: Kunstarchiv Beeskow)

In ihrer Begrüßung führte Ministerin Dr. Martina Münch (SPD) aus: „Das Kunstarchiv Beeskow verfügt über eine der umfangreichsten Sammlungen an Kunstwerken und Objekten aus der DDR-Zeit und ist damit eine bedeutende Einrichtung zur Sicherung des historischen und kulturellen Erbes unseres Landes. Mit dem einvernehmlichen Aufhebungsabkommen zwischen den Ländern (Brandenburg, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern) vereinfachen wir die Strukturen, machen den Weg für eine neue Trägerschaft frei und sichern die weitere Entwicklung des Archivs. Statt des bisherigen Verwaltungsabkommens zwischen den Ländern sowie des Betreibervertrages zwischen dem Land Brandenburg und dem Landkreis Oder-Spree, übernimmt der Landkreis künftig die alleinige Trägerschaft und wird mit den Ländern direkte Leihverträge vereinbaren. Ich danke dem Landkreis Oder-Spree, dass er die Verantwortung für die weitere Entwicklung des Kunstarchivs übernimmt.“

Ministerin Dr. Martina Münch bei ihrer Ansprache


Landrat Rolf Lindemann wurde in seiner Erinnerung schon schärfer. Er sprach bezüglich der Kämpfe um die Existenz und die Perspektive des Kunstarchivs von „Stellvertreterkriegen“, von einer „Politik des Scheiterhaufens“ und dem Zusammenspiel von „kleinbürgerlicher Piefigkeit und akademischer Anmaßung“. Er würdigte dagegen den Kunstmäzen Hasso Plattner, der einfach sammle, was ihm gefällt – nämlich auch Kunst aus der DDR. Lindemann lobte in dieser andauernden Streitsache den langen Atem der Stadt Beeskow, die das Alleinstellungsmerkmal Kunstarchiv gerettet habe. Bürgermeister Frank Steffen sprach in seinem Statement vom „Schaufenster Biesdorf“, das es weiter zu nutzen gelte.

Großer herzlicher Beifall erklang dann für Herbert Schirmer, den Retter und Bewahrer der Kunstwerke. In einem anschließenden Gespräch sprach er von einem glücklichen Tag. Unsere Sicht habe sich durchgesetzt. Kunst sei keine Illustration für historische Konstrukte, nach der man sich Geschichte imaginieren könne. Florentine Nadolni als Gastgeberin verwies dann auf die Arbeits- und Zukunftsfähigkeit des Archivs in Kooperation mit dem Dokumentationszentrum Alltagskultur DDR Eisenhüttenstadt. Immer und auch jetzt sei das Haus von vielen Interessenten besucht und von Fachleuten um Artefakte zu vielfältigen Ausstellungszwecken gebeten worden. Aktuell ist Beeskow vertreten bei Ausstellungen in Berlin, Rostock und demnächst Leipzig.


Herbert Schirmer, Jürgen Danyel (Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam) und Florentine Nadolni im Gespräch

Das Gutachten

Mit dieser Neueröffnung geht eine lange Zitterpartie zu Ende. Nachdem Herbert Schirmer ab 1991 begonnen hatte, die Kunstwerke zusammen zu tragen – „die ersten holten wir mit einem alten Feuerwehrauto aus Berlin“  – musste er auch lange um eine Form der Bewahrung dieser Kunstwerke kämpfen. Als diese 2002 mit dem Dreiländervertrag endlich vollzogen war, folgten wiederum nur Finanztropfen für die Inventarisierung und Aufbereitung, die vorwiegend von qualifizierten jungen Wissenschaftlerinnen umgesetzt wurde. Pläne für den Neubau eines Depots wurden geschmiedet, halbherzig angegangen und letztlich verworfen. Schließlich bestellten die damaligen Eigentümer ein Gutachten. Dieses Gutachten, 2014 fertig gestellt, aber erst im Sommer 2015 öffentlich gemacht, bediente sich einer klaren Sprache:

„Unter künstlerischen Gesichtspunkten betrachtet beinhaltet der Beeskower Bestand mit sehr wenigen Ausnahmen aus heutiger Sicht keine für die Kunstgeschichte Deutschlands relevanten Werke. Er ist jedoch unter mehrfachen Aspekten interessant – vor allen kulturhistorisch und kultursoziologisch…

Es ist jedoch vollkommen kontraproduktiv, Teile dieses Bestandes gleichsam pars pro toto als die Kunst aus der DDR zu präsentieren. Die Bedeutung des Bestandes erklärt sich einzig aus seiner Bindung an die politische und gesellschaftliche Praxis der DDR, nicht aus einer irgendwie gearteten Repräsentativität für die Kunst des einstigen Landes.“

Die List der Vernunft

Die Gutachterinnen hatten damit ein Ziel vorgegeben: die Verhinderung einer großen Lösung für das Kunstarchiv als Zentrum der Bewahrung und Vermittlung von Kunst aus der DDR. So kam es – nicht! Die List der Vernunft, wie Hegel sie gedeutet hatte, bedient sich nun des Landkreises Oder-Spree. Diese Zusammenhänge im Hinterkopf herrschte zur Neueröffnung eine große Zufriedenheit. Die Lösung ist pragmatisch, sie ist regional – also ganz nah dran -, sie ist auf Arbeit orientiert. Nun ist es an dem Team unter Leitung von Florentine Nadolni, das Prinzip Bewahren-Erschließen-Vermitteln klug und nachhaltig zu gestalten.

Engagierte Einführung in das neue Depot durch Leiterin Florentine Nadolni

Kooperationen mit wissenschaftlichen Einrichtungen – zunächst mit dem Institut für Kunst- und Bildgeschichte der Humboldt-Universität – haben bereits begonnen. Das Archiv ist digitalisiert und wird ab Anfang Juli aktualisiert im Netz einsehbar sein. Wir wünschen dem Team, dem Landkreis Oder-Spree und der Stadt Beeskow viel Glück bei der Arbeit!

Dr. Heinrich Niemann gratuliert Frau Nadolni zur Neueröffnung




Grafik nach Liedern der französischen Revolution

Seit dem 24. März ist im Nordflügel der Galerie Schloss Biesdorf die Ausstellung „Grafik nach Liedern der französischen Revolution“, eine Präsentation des Kunstarchivs Beeskow, zu sehen. Sie bleibt bis zum 3. Juni 2019.

1988 gibt der Verband der Bildenden Künstler der DDR eine Grafikmappe in Auftrag, die zum 200. Jahrestag der Französischen Revolution erscheinen soll. Warum, so könnte man fragen, wird eben jenes historische Ereignis gewählt, welches so ambivalent ist und eine komplexe Deutungsgeschichte mit sich führt? Die Herausgeber der Grafikmappe hatten einen spezifischen Aspekt im Blick: So betont der Kunstwissenschaftler Peter Pachnicke im beiliegenden Text die „sinnliche Überzeugungskraft“ der Menschen, die auf den Straßen von Paris um Anerkennung rangen. Dieses dort beschworene Pathos ist in den Grafiken der 16 Künstler, die je ein Blatt beitrugen, allerdings nicht zu sehen. 1989 erscheint „Grafik zu Liedern der Französischen Revolution“  mit der Beilage einer Schallplatte mit insgesamt 21 von Dieter Süverkrüp gesungen Liedern, deren Texte aus der Zeit der Französischen Revolution stammen.

Die Gestaltung des Covers stammt von Rudolf Grüttner.
Die Platte erschien erstmalig 1973.

Und auch wenn sich die Grafiken mit ihren Titeln auf jene Kampf- wie Liebeslieder beziehen, so spiegeln diese selten die Atmosphäre der Bilder. Hier begehrt kein Volk auf. In düsteren Visionen zeigen die Künstler in Lithografien, Radierungen, Aquatinta und einem Siebdruck, zweifelnde Figuren, Massen, die erneut von einem König unterdrückt werden und die Fratzen von zweifelhaften „Erben“, die bedrohlich nach vorn schreiten. Schwarz bestimmt viele der Kompositionen, seien es feine, zerbrechliche Arrangements oder mit dickem Strich geformte Figuren. Selbst die farbigen Blätter in diesem Kompendium sind ergriffen von dieser Drastik. Jener spannungsreiche Kontrast zwischen der Interpretation der Auftraggeber und den Interpretationen sowie Umsetzungen der Künstler, öffnet auch einen Blick auf den nunmehr historischen Moment 1989.

Mit Arbeiten von Ulrich Hachulla, Karl-Georg Hirsch, Joachim Jansong, Joachim John, Rolf Kuhrt, Werner Liebmann, Gerd Mackensen, Reinhard Minkewitz, Rolf Münzner, Ronald Paris, Volker Pfüller, Otto Sander, Stefan Thomas Wagner, Frank Wahle, Trak Wendisch und Winfried Wolk.

Die Ausstellung ist außer dienstags (Schließtag) täglich von 10.00 Uhr bis 18.00 Uhr zu sehen. Am Freitag ist von 12.00 bis 21.00 Uhr geöffnet.

Überraschungsgast auf der Vernissage: Prof. Ronald Paris

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S-Bahn: Biesdorf

U-Bahn: Elsterwerdaer Platz

Bus: 108


Pressegespräch vom 19.12.2018 – Dokumentation

 

Am 19. Dezember 2018 führte der Vorstand unseres Vereins im Schloss Biesdorf ein Pressegespräch zu wichtigen Fragen durch, die wir planen und die uns bewegen. Im anschließenden Gespräch wurden spezielle Fragen vertieft. Wir dokumentieren unsere Positionen und die Pressebeiträge.

 

Das den Pressevertretern zur Verfügung gestellte Informationsmaterial:

 

Die Reaktionen der Presse:

jot w d 1/2019

 

Berliner Woche 9.1.2019

 

Link zu: LichtenbergMarzahn+

 

 

 

 


Beeskower Kunstwerke ziehen um

 

20.000 BILDWERKE UND OBJEKTE ZIEHEN UM!
So titelt das Kunstarchiv Beeskow auf seiner Aktuell-Seite über den nun begonnenen Umzug seiner Artefakte in ein modernes Gebäude. Mit Mitteln aus dem Kulturförderprogramm Invest-Ost in Höhe von ca. 200.000 Euro wurde es dem Kunstarchiv Beeskow möglich, in den Räumen des ehemaligen Kreisarchives, in direkter Nachbarschaft zur Burg Beeskow, eine neue, den aktuellen technischen Standards entsprechende Depotanlage auszubauen. Nun befinden sich die Beeskower Büsten, Gemälde, Teppiche, Zeichnungen und Grafiken auf dem Weg in ihr neues Heim. Daher kann das Kunstarchiv Beeskow derzeit nicht für Besuchergruppen geöffnet werden. Im Frühjahr 2019 wird das Depot an neuem Standort wieder geöffnet.

Das neue Gebäude

 

Bis dahin bietet sich allen Interessierten die Gelegenheit im Schloss Biesdorf in Berlin Marzahn-Hellersdorf Werke aus dem Beeskower Bestand zu entdecken. Das Kunstarchiv Beeskow ist dort aktuell mit der Präsentation einer Grafikmappe vertreten.

 

„… und des Menschen Größe“
Grafiken und Fotografien zu Gedichten von Johannes R. Becher

17.11.2018 – 25.02.2019


Neue Ausstellung mit Kunstwerken aus Beeskow: „… und des Menschen Größe“

Gedichte von Johannes R. Becher als Quelle für mehrdeutige Kunstwerke

 

Jubiläen wurden in der DDR stets pünktlich, ordensopulent und empathisch begangen. Was viele seinerzeit genervt hat, zeigt sich in der Retrospektive als Glücksfall: Der Becher-Gedichtband „Schritt der Jahrhundertmitte“ von 1958 wurde 1988, aus Anlass dessen 30. Todestages, im Auftrag des Kulturbundes der DDR von 20 Künstlerinnen und Künstlern grafisch und fotografisch reflektiert und verarbeitet. Zu besichtigen ist jetzt die sehenswerte und anregende Präsentation „… und des Menschen Größe“ aus dem Kunstarchiv Beeskow in der Galerie Schloss Biesdorf.

 

Gleich auf den ersten Blick wird klar, dass die Ausstellung abwechslungsreicher ist als die vorangegangene Tucholke-Schau; sie zeichnet sich, wie Galerieleiterin Karin Scheel  formuliert, durch ein „Flirren“ aus. Verantwortlich dafür sind 20 Künstlerinnen und Künstler, die sich dem dichterischen Vermächtnis Johannes R. Bechers gestellt haben. Das sind: Falko Behrendt, Christian Brachwitz, Helmut Brade, Manfred Butzmann, Michael Diller, Andreas Dress, Hubertus Giebe, Konstanze Göbel, Dieter Goltzsche, Ulrich Hachulla, Joachim John, Barbara Köppe, Wolfgang Mattheuer, Manfred Paul, Christine Perthen, Wolfgang Petrovsky, Uwe Pfeifer, Helfried Strauß, Ursula Strozynski, Dieter Tucholke, Werner Wittig Namen, die in jedem seriösen Kunstkompendium zur DDR ihren Platz haben.

Der Kulturbund hielt zu seinem Gründer Johannes R. Becher. Als er diese Mappe anlässlich des 30. Todestages in Auftrag gab, war Becher im literarischen Leben der DDR längst ein „toter Hund“. Der Dichter der Nationalhymne kam aus einer anderen Zeit. Er hatte nun als Gründer des Kulturbundes 1945 die eindringliche Aufgabe gestellt, nach der Niederlage Hitlers das geistige Leben in Deutschland grundlegend zu erneuern. In diesem Sinne dichtete er zu Themen wie dem faschistischen Krieg, der Wiedergeburt Deutschlands oder dem neuen Menschen.

Das themenliefernde Gedicht „Des Menschen Elend und des Menschen Größe“ liest sich so:

Foto: Kunstarchiv Beeskow

 

Ende der 1980er Jahre sind die Künstler allerdings von anderen Problemen angetrieben: zwar geht es immer noch um Krieg und Frieden, aber viel mehr um Sozialismus und Demokratie, um Traum und Wirklichkeit oder Chancen und Beharrung. Sie stellen sich des Dichters Idealen: sie antworten kritisch, aber sie parodieren ihn nicht. Der Band „Schritt der Jahrhundertmitte“ gilt unterdessen als das lyrische Vermächtnis Bechers.

Florentine Nadolni, zur Vernissage am 18. November angereist aus Beeskow, begrüßte wieder eine imposante Schar von Besuchern aus dem Bezirk. Die Leiterin des Kunstarchivs freute sich über die bevorstehende Eröffnung.

Von der Vernissage: rechts Frau Nadolni, in der Mitte Frau Scheel und Kulturstadträtin Frau Witt

 

330 Grafikmappen mit insgesamt 4000 Blättern befänden sich im Kunstarchiv, worauf sich zehn Mappen auf Becher bezögen. Die hiesige Mappe bestehe aus einer Auflage von 20 Exemplaren. Becher habe in seinen Gedichten die „Widersprüche der Epoche weder verschwiegen noch verwässert“, zitierte sie aus einem Gutachten des Kulturbundes von 1958. Die Realisation der Ausstellung stammt, so Frau Nadolni, von Sabrina Kotzian, einer neuen, 1988 (!) geborenen Mitarbeiterin, die vom dkw Cottbus nach Beeskow gestoßen ist. Für sie sind die Gedichte weniger wichtig als die Kunstwerke, die entstanden sind. So empfindet sie eine Nähe zur Grafik von Christine Perthen.

Sabrina Kotzian neben der Perthen-Grafik

 

Die Reibung mit den Werken Bechers ist unterschiedlicher Natur. So kontert ein junger Fotograf wie Christian Brachwitz Bechers „Windflüchter“ mit einer lapidaren Wirklichkeitsentgegnung. Ursula Strozynski kommentiert Bechers „Herbstweisen“ mit einer Oderbruchlandschaft. Und Wolfgang Mattheuer illustriert „Größe und Elend“ auf seine Art: lakonisch.

Die Schau birgt mannigfache Anlässe, sich mit der jüngeren Zeitgeschichte erneut zu befassen. Unentbehrlich dafür ist der Band „Schritt der Jahrhundertmitte“, der als Leseexemplar ausliegt.

 

Nun, 60 Jahre nach Bechers Tod und 30 Jahre nach der Publikation, erfreuen wir uns einer lebendigen und geistig durchreflektierten Mappe,  die ihrerseits die Qualität der Kunstwerke in Beeskow bestätigt. In diesem Sinne ist die Ausstellung sehr zu empfehlen. Sie ist bis zum 25. Februar geöffnet, eine neue Ausstellung folgt bereits im März 2019.

 

 

(Axel Matthies)

 

 

 

 


2018 – der Sommer für Kunst aus der DDR

 

Der Sommer 2018 wird in die Erinnerung eingehen als der Hitzesommer dieses Jahrhunderts, die Kunstsaison 2018 hingegen als nachhaltigste zum Nachsinnen über Kunst aus der DDR seit langer Zeit.

Nach der überragenden Winter-Ausstellung „Hinter der Maske“ im Potsdamer Barberini-Museum erstaunte nun ausgerechnet das bisher ignorant scheinende Dresdner Albertinum,  in dem die Galerie Neue Meister und die Skulpturensammlung beheimatet sind, mit der komplexen Exposition „Ostdeutsche Malerei und Skulptur 1949-1990“, die seit dem 15. Juni bis zum 6. Januar 2019 zu sehen ist. Dem vorausgegangen war ein eindringlicher Artikel des Kunstwissenschaftlers Paul Kaiser in der „Sächsischen Zeitung“ vom 18. September 2017. Kaiser hatte der Direktorin des Albertinums Hilke Wagner vor Augen gehalten, dass das Albertinum die Kunst aus der DDR sukzessive ins Depot verbannt und dadurch einen gewaltigen Publikumsverlust herbeigeführt hätte. Kaiser resümierte:

„Die Krise des sächsischen Staatsmuseums ist zu offensichtlich: Das Albertinum hat sein altes Publikum verloren und ein neues nicht dazugewonnen. Aus den legendären Besucherschlangen, die sich in den 1980er Jahren nicht nur zu den zentralen Kunstausstellungen drängten und dem Albertinum jährliche Besucherzahlen bis zu 1,2 Millionen einbrachten, ist ein verebbendes Rinnsal geworden. Konnten im Jahre 2015 noch 161 000 Besucher gezählt werden, halbierte sich deren Zahl innerhalb eines Jahres noch einmal – im Jahre 2016 kamen gerade 89 000 zahlende Gäste ins Haus. Das sind Jahresbesucherzahlen, die für Häuser in der verschmähten Provinz als akzeptabel gelten, nicht aber für das sächsische Museum der Moderne. Für ein Haus, das sich gerne auf Weltniveau wähnt, muss das ein Fiasko sein.“

Hilke Wagner, die vom Kunstverein Braunschweig nach Dresden gekommen war, schrieb in einer alsbaldigen Replik: „Es ist für mich, für uns und auch den Westen hier doch noch so unendlich viel zu entdecken! Der überblendeten Narration des Ostens eine Stimme zu geben, ist mir doch gerade wichtig!“ (Sächsische Zeitung 26.9.2017)

Albertinum Dresden (Foto: Staatliche Museen Dresden)

 

Wir wollen den Furor derartiger Debatten nicht aufheizen, sondern aus einer Reflexion des Berliner Kunsthistorikers Christoph Tannert zitieren, der ebenfalls in der „Sächsischen Zeitung“ am 29.6.2018 maßvoll geäußert hatte: „Eine Gesellschaft, die Menschen eine Heimat bieten will, braucht Ereignisse geteilter Lebenserfahrung. Im Osten Deutschlands ist eine kosmopolitische Ethik nicht ohne die Anerkennung spezifischen DDR-Erlebens denkbar. Wenn darüber nicht anhaltend museumsintern gestritten wird, verkommt die gedächtnisbildende Institution Museum zu einem identitätslosen Allerweltsschaulager.“

Weitere Ausstellungen in ostdeutschen Städten

Doch nicht allein Dresden widmete sich in diesem Sommer intensiv der Kunst aus der DDR.

Im Staatlichen Museum Schwerin versammelt die Ausstellung „Hinter dem Horizont“ rund 120 Gemälde, Zeichnungen, Grafiken, Skulpturen, Videos und Aufnahmen von Performances, die die große Vielfalt und Breite der DDR-Kunst zeigen will.

Plakat zur Ausstellung in Schwerin (Foto: Staatliches Museum Schwerin)

 

„Unser Anliegen war, ein Profil der Schweriner Sammlung zu zeigen“, informierte die Kuratorin Kornelia Röder. Diese umfasse 613 Bilder, 158 Skulpturen und mehr als 1000 Grafiken und Zeichnungen von DDR-Künstlern. Ständig hängen davon nur 13 Bilder aus. „Die künstlerische Qualität ist hervorragend“, meint Röder. Das betreffe auch die Auftragskunst. Auch nach der Wende seien Arbeiten von DDR-Künstlern angekauft worden, darunter von Hermann Glöckner, Bernhard Heisig und Walter Libuda. (Schweriner Volkszeitung 4.7.2018)

Hermann Glöckner, Durchdringung von zwei gebrochenen Flächen. 1955 (Foto: Staatliches Museum Schwerin)

 

In den Blickpunkt von Kunstliebhabern ist auch die Kleine Galerie des Güstrower Renaissanceschlosses gerückt. Vom 4. August an präsentieren die Staatlichen Schlösser, Museen und Kunstsammlungen, zu denen Schloss Güstrow gehört, im ersten Obergeschoss des Nordflügels 34 Bilder aus der Kunstsammlung des Landes Mecklenburg-Vorpommern. Sie repräsentieren Malerei aus der späteren DDR-Zeit.  „Das älteste Bild stammt aus dem Jahr 1964. Das jüngste ist schon nach dem Ende der DDR entstanden“, erzählt Dr. Regina Erbentraut. Es seien aber fast durchweg keine politischen Bilder, betont die Leiterin des Güstrower Schlossmuseums. Vielmehr gehe es in sämtlichen Werken um Stimmungen, die sich aus der Farbe, aus der Atmosphäre heraus entwickelten. Die Ausstellung ist bis zum 4. November zu sehen. (Schweriner Volkszeitung 25.7.2018)

In der Ausstellung „Masse und Klasse. Hallesche Gebrauchsgrafik im DDR-Kontext“ zeigt das Stadtmuseum Halle vom 18. Mai bis 4. November 2018 unter Beteiligung der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle, was hallesche Designer zur Gebrauchsgrafik in der DDR beizutragen hatten. Kern der Präsentation ist die Ausstellung „Masse und Klasse. Gebrauchsgrafik in der DDR“, die das Berliner Werkbundarchiv – Museum der Dinge 2016 in Berlin erarbeitet und gezeigt hat. Für ihren puristischen und zweckmäßigen Stil wurden die Gebrauchsgrafiker aus der DDR hoch geschätzt. Ihre gestalterischen Grundsätze lassen sich auf den Deutschen Werkbund und das Bauhaus zurückführen. Und so bildet die Ausstellung in der Stadt Halle (Saale) den Auftakt einer Reihe von Veranstaltungen zum Jubiläum „100 Jahre Bauhaus“, dessen Höhepunkt 2019 gefeiert wird. (www.burg-halle.de)

Nachdem auf der Hallenser Moritzburg 2017 eine „Brücke“-Dauerleihgabe zurückgezogen worden war, besann die Burg  sich auf ihr Depot und richtete vor kurzem eine Dauerausstellung mit Kunst aus der DDR ein. Rund 100 Werke der bildenden und angewandten Kunst sind auf 400 Quadratmetern im 1. und 2. Obergeschoss des Nordflügels zu sehen sein. Den Auftakt der Präsentation bilden Arbeiten aus den späten 1940er- und den frühen 1950er-Jahren, als hallesche Künstler wie Herbert Kitzel, Erwin Hahs oder Gustav Weidanz nach NS-Zeit und Krieg einen künstlerischen Neuanfang suchten. Vertreten sind Werke von Werner Tübke, Wolfgang Mattheuer oder Willi Sitte neben Arbeiten von Hermann Glöckner, Hans Ticha, Robert Rehfeld, A. R. Penck und Hartwig Ebersbach. Mit Gemälden von Einar Schleef oder Eberhard Göschel führt die Präsentation schließlich bis in die Zeit kurz vor der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten 1990. (www.mdr.de/kultur)

Herbert Kitzel, Müder Reiter. 1957 (Bildrechte: Kulturstiftung Sachsen-Anhalt – Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale) / © Nachlass Herbert Kitzel / Foto: Punctum/Bertram Kober)

 

Weitere große Schauen im Jahr 2019

 Das Museum der bildenden Künste Leipzig plant für den Sommer 2019 unter dem Titel „Point of no return“ (Punkt ohne Wiederkehr) eine große Ausstellung ostdeutscher Kunst.

Museum der bildenden Künste, Neubau von 2004 (Foto: MdbK). Bis zum 18.11.2018 läuft eine Arno-Rink-Retrospektive

 

30 Jahre nach 1989 soll erstmals die Perspektive der bildenden Künste auf Friedliche Revolution, Wende und Transformation umfassend dargestellt werden, wie die Direktion des Museums mitteilte. Von der Reflexion zeugten über 130 Werke von rund 60 Künstlern aus drei Generationen, die in der DDR in unterschiedlichen Schulen, Milieus und Szenen wirkten – von den 1980er Jahren über den Mauerfall bis zur Neudefinition künstlerischen Schaffens danach.

Das Spektrum reiche von „staatlicherseits herausgehobenen über kritisch-loyale und nonkonforme bis zu offen dissidentischen Positionen“, wie das Museum mitteilt. Zudem sind Künstler mit Arbeiten vertreten, die noch in der DDR geboren, aber vom sozialistischen Kunstsystem nicht mehr berührt wurden. Viele von ihnen stellten sich laut Museum bewusst in den Kontext ostdeutscher Kunstproduktion und „greifen Fragen von Herkunft, Tradierung von Eigensinn und Mentalität, aber auch von Hegemonie und ‚Kolonialisierung‘ auf“.

Die Schau wird unter anderen von dem Dresdner Kunstwissenschaftler Paul Kaiser kuratiert, über den wir oben berichtet hatten.

Dr. Paul Kaiser (Foto: Marco Kneise)

 

Auch das Museum Kunstpalast in Düsseldorf präsentiert im nächsten Jahr in einer Ausstellung Kunst aus der DDR. Die Schau werde Gemälde in den Mittelpunkt stellen, sagte Felix Krämer, der Generaldirektor des städtischen Museums, der Deutschen Presse-Agentur. Die Schau mit etwa 100 Gemälden von 13 Künstlern soll von Anfang September 2019 bis Ende Januar 2020 dauern. „30 Jahre nach dem Fall der Mauer sind in der Deutschen Demokratischen Republik entstandene Kunstwerke in den alten Bundesländern nahezu unbekannt”, sagte Museumschef Krämer. Von einem sachlichen, differenzierten Umgang mit Kunst aus der DDR sei der gesamtdeutsche Kunst- und Museumsbetrieb noch weit entfernt. „Ich finde es erstaunlich, dass wir seit 1989 das erste Kunstmuseum in den alten Bundesländern sind, welches sich in einer Überblicksausstellung mit der Kunst aus der DDR auseinandersetzt.” (Aachener Zeitung 29.6.2018)

Was passiert in Biesdorf?

Seit der Bezirk im Februar 2018 die Verantwortung für die Galerie Schloss Biesdorf übernommen hat, ließ er die Begeisterung für Kunst aus der DDR nicht sichtbar wachsen. Im Gegenteil: aus Beeskow vernimmt man, die Zusammenarbeit mit dem ZKR sei inhaltsstärker und engagierter gewesen. Zu Recht erinnern wir uns an intelligente Ausstellungen, in denen Künstlerinnen und Künstler wie Charlotte E. Pauly, Otto Möhwald, Manfred Butzmann, Nuria Quevedo, Sibylle Bergemann, Ursula Strozynski, Olaf Nehmzow  und Uwe Pfeifer gezeigt wurden. Nicht selten waren auch Werke dieser Künstler aus neuerer Zeit dabei. Nun hängt schon seit Mai die Grafikmappe „Negativbilder“ von Dieter Tucholke mit 20 Blättern ziemlich abgeschieden im Nordflügel des Obergeschosses. Erst im November soll die Exposition durch eine neue ersetzt werden. Sabrina Kotzian, eine neue Mitarbeiterin, die vom dkw Cottbus kam, wird die  Exposition des Kunstarchivs kuratieren. Sie wird durchaus ungewohnte Akzente setzen. Im Foyer des Schlosses hängt ein Acrylschild:

 

Erfüllt die Ausstellungsausrichtung der Galerieleiterin die Forderung nach einer Galerie „Bilderstreit“? Bisher eher nicht. Viele meinen, dass sich das Konzept Galerie M nicht 1:1 nach Biesdorf übertragen lässt. Der „kulturelle Leuchtturm“ von Marzahn-Hellersdorf, wie Kulturstadträtin Witt nicht müde wird, die Galerie zu bezeichnen, muss ein eigenes Konzept entwickeln. Ein Konzept, das für unseren aufstrebenden und selbstbewussten Bezirk steht. Ausstellungen mit Titeln wie „examining the edge – peripheries in the mind and the city“ knüpfen eher an das Konzept des ZKR an, das bekanntlich erfolglos war. Eine kommunale Galerie muss eben auch das Lokale und Regionale kennen und präsentieren.

Es ist an der Zeit, endlich das Konzept der Galerie Schloss Biesdorf zu diskutieren. Der Herbst ist dafür  eine geeignete Jahreszeit. Und es gibt genug Bürgerinnen und Bürger, Künstlerinnen und Künstler, die sich daran beteiligen würden. Kunst aus der DDR muss weiterhin prägend dabei sein.

Natürlich werden wir nächstes Jahr nach Leipzig reisen.

 

(Axel Matthies)


Bronze-Büste von Günter Peters
im Schloss Biesdorf enthüllt

 

Mit einer würdigen Feierstunde am 11. August 2018 haben das Bezirksamt, der Heimatverein Marzahn-Hellersdorf und der Verein “Stiftung OST-WEST-BEGEGNUNGSSTÄTTE Schloss Biesdorf e.V.” des ehemaligen Stadtbaudirektors und stellvertretenden Oberbürgermeisters Dr. Günter Peters gedacht.

Anlässlich seines Geburtstages vor 90 Jahren sprach Bezirksbürgermeisterin Dagmar Pohle berührende Dankesworte, erinnerten die beiden Vereine an sein Wirken bei der Entstehung des Bezirks und der Rettung des Schlosses. Im Anschluss enthüllte Bezirksstadträtin Juliane Witt eine Bronzebüste des Geehrten, die ihren dauerhaften Platz im Erdgeschoss des Schlosses Biesdorf finden wird. Zur Feierstunde kamen neben Bürgerinnen und Bürgern Vertreter des Bezirks, der Bezirksverordnetenversammlung, der Familie sowie Senatorin Katrin Lompscher.

Günter Peters gilt als „Erbauer Marzahns“ und hatte als Stadtbaudirektor von Ost-Berlin in den 1960er und 1970er Jahren an der komplexen Gestaltung der damaligen Hauptstadt der DDR mitgewirkt und an den Planungen für die neue Großsiedlung Marzahn federführend gearbeitet. Günter Peters war der Motor für die Sicherung und den historischen Wiederaufbau  des seit Jahrzehnten erheblich in Mitleidenschaft gefallenen Schlosses Biesdorf. Er setzte sich außerdem für die Rekonstruktion der Alten Dorfschule in Marzahn ein, die heute das Bezirksmuseum beherbergt.

Blick in den Heino-Schmieden-Saal

 

Bezirksbürgermeisterin Dagmar Pohle hatte, so erinnerte sie sich in ihrer berührenden Rede, Günter Peters bei der Vorstellung des neuen „neunten Stadtbezirkes“ kennen gelernt. Denn der neue Bezirk Marzahn hatte nicht nur die Dimension einer völlig neuen komplexen Stadt mit öffentlichem Personennahverkehr, einem großzügigen Straßen- und Gehwegnetz sowie einer kompletten sozialen Infrastruktur, er hatte auch eine politische Intention – nämlich einen neuen Bezirk zu schaffen, der so nicht im Viermächteabkommen von Berlin vorgesehen war. Marzahn war eine Zeit lang auch ein politisch umstrittenes Projekt. Frau Pohle erinnerte daran, dass für Günter Peters nicht das Gebäude an sich ein Wert war, sondern dass ein Gebäude für die Menschen da sein sollte, die darin leben und arbeiten. Sie sei sehr froh, dass das Haus jetzt wieder in der Hand des Bezirkes liege – was auch Günter Peters lieb gewesen wäre. Ihr abschließender Gedanke war ein sehr wichtiger: wird Schloss Biesdorf jetzt wieder die Identität für die Biesdorfer und Marzahner (die Hellersdorfer hatte sie nicht genannt) bekommen, die sich über Jahrzehnte – insbesondere als Kulturhaus und soziales Stadtteilzentrum – herausgebildet hatte? Ihre Antwort: „Wir müssen es gemeinsam leben…“

Bezirksbürgermeisterin Dagmar Pohle

 

Für den Heimatverein Marzahn-Hellersdorf sprach Frau Dr. Christa Hübner. Ihr Vortrag, der auf dem Manuskript von Wolfgang Brauer basierte, erinnerte an den Jubilar als „Einer vom Bau – Nachdenken über Günter Peters“.

Dr. Christa Hübner (Foto: BA Marzahn-Hellersdorf)

 

Es folgten diverse Anekdoten aus der „Gummistiefelzeit“, Erinnerungen auch an den „mythenumwobenen“ Peters, vor allem natürlich an das hinterlassene Werk. Und da hatte der Heimatverein einiges zusammengetragen. Günter Peters hatte in seiner Zeit als Verantwortungsträger dafür gesorgt, dass beispielsweise das Gebiet um den Arkonaplatz nicht dem Abriss geopfert, sondern als sanierungsbedürftiges Altbaugebiet erstmals im Berliner Osten komplex renoviert wurde. Sanierte Wohnungen am Arkonaplatz waren bei Berlinern beliebter als neue in Marzahn. Übrigens: im Jahr 1918 stattete der damalige Gartendirektor von Berlin, Albert Brodersen, der Schöpfer des Biesdorfer Schlossparks, den Arkonaplatz mit einem Spielplatz aus.

Der frisch sanierte Arkonaplatz im Mai 1984, die Maßnahme startete 1973 (Foto: Bundesarchiv)

 

Peters hatte nicht nur Marzahn mitkonzipiert sondern auch den Wohnkomplex Hohenschönhausen und Prestigeprojekte in der Innenstadt wie den Alex, den Leninplatz, die Neugestaltung Unter den Linden, die Rathauspassagen und die Liebknechtstraße. Frau Hübner erinnerte daran, dass Ende der 1960er Jahre im Berliner Osten 90.000 Wohnungen gefehlt hätten, heute sind es für die wachsende Bundeshauptstadt 194.000. Diese werden nun wieder, insbesondere an der Peripherie, industriell-seriell hergestellt. Günter Peters hätte nachsichtig gelächelt. Er hatte sich für den Erhalt des Biesdorfer Doppelhochhauses an der Südspitze vergeblich eingesetzt. Heute errichtet an der gleichen Stelle die degewo vier achtgeschossige Wohnhäuser.

Im Beitrag des Vorsitzenden unseres Vereins Dr. Heinrich Niemann dominierte die detaillierte Rekonstruktion der Geschichte der Rettung des Schlosses, insbesondere die Frage, ab wann Günter Peters die Rettung als seine eigenste Aufgabe betrachtete. Auf die Tagesordnung gelangte die Rettung von Schloss Biesdorf im Jahr 2000 mit der Vorbereitung und Durchführung des 625jährigen Jubiläums von Biesdorf. Seit diesem Zeitpunkt – „Biesdorf braucht sein Schloss“ – hatte der Jubilar dann zielführend mit der Bestimmung der Rechtsform (Stiftung) und künftigen Nutzungen den Weg bestimmt für die Vereinsgründung, dessen Vorsitzender er folgerichtig wurde. Alle weiteren Schritte bestimmte Günter Peters maßgeblich mit. Dr. Niemann erinnerte daran, wie wichtig die Parksanierung 1993/94 für das Gesamtprojekt war. Von Josef Batzhuber und Klaus-Henning von Krosigk sowie der Zauberformel vom „Glienicke des Ostens“ wurde eine ganz wichtige Wegmarkierung gesteckt.

In der Zusammenschau nannte Dr. Niemann sieben Eigenschaften, die Persönlichkeit, Stil und Auftreten von Günter Peters charakterisierten:

Erstens brauchte, suchte und fand er Mitstreiter. Er band und gewann sie mit seiner Autorität und seinen schwer zu widerstehenden Argumenten.

Günter Peters überzeugte zweitens immer mit gründlicher Bestandsaufnahme und Analyse. Er war immer bestens vorbereitet und wartete in Debatten mit konstruktiven Vorschlägen auf. Er hatte, wie ein Wegbegleiter formulierte, stets alles in der Aktentasche.

Er wußte drittens, wie man auf Entscheidungsträger zugeht. Mit Fachwissen, Charme und Witz wußte er zu überzeugen.

Günter Peters schätzte viertens immer konkret die nächsten Arbeitsschritte ab.

Er nutzte fünftens Jahrestage, Feste, Anlässe verschiedenster Art, um die Bürger zu informieren, zu gewinnen und mitzunehmen.

Günter Peters ließ sich sechstens nie vertreten. Er war immer persönlich präsent.

Schließlich war Günter Peters siebtens von einem imposanten Gestaltungs- und Entscheidungswillen geprägt.

 

Dr. Heinrich Niemann bei seinem Vortrag, im Vordergrund die Familie

 

Die Feierstunde wurde von Lukas Natschinski mit jazzigen Variationen begleitet.

 

Nach den Wortbeiträgen begab sich die Gesellschaft in das Erdgeschoss, um die neu geschaffene Bronzebüste von Günter Peters zu enthüllen. Der Bildhauer Michael Klein hatte das Modell bereits vor einiger Zeit fertig gestellt; jetzt war die Zeit gekommen, es zu gießen. Heimatverein und Bezirksamt beteiligten sich aktiv an diesem Prozess. Letztendlich gelang auch die Finanzierung.

      

Bildhauer Michael Klein (li.). Frau Peters und Kulturstadträtin Juliane Witt enthüllen die Büste.

 

Abschließend bedankte Dr. Oleg Peters sich im Namen der Familie für die bewegende Veranstaltung zu Ehren seines Vaters.


Das MoMA in Beeskow

 

Einigen märkischen Medien war kürzlich eine kleine Sensation zu entnehmen: das weltberühmte Museum of Modern Art in New York schickte elf Kurator-Innen nach Beeskow im Landkreis Oder-Spree. Sie machten sich dort mit den Artefakten des Kunstarchivs Beeskow vertraut und besuchten außerdem das Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR in Eisenhüttenstadt. In den Osten Deutschlands gekommen sind die Mitarbeiter des weltberühmten Museums, um sich für ein Forschungsprojekt einen Überblick über Sammlungen ostdeutscher Kunst zu verschaffen.

Florentine Nadolni, die Kunstarchiv und Dokumentationszentrum leitet, und Dr. Angelika Weißbach, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Beeskower Bestandes, nahmen die Kuratoren des MoMA im Eilzugtempo mit auf eine Reise durch das Kunstarchiv. Florentine Nadolni erläuterte die     ungewöhnliche Entstehungsgeschichte der Sammlung. Besonders interessiert zeigten sich die Gäste an den Druckgrafiken, die den größten Anteil am Bestand des Kunstarchivs ausmachen. Dr. Angelika Weißbach stellte u.a. thematische Mappen mit grafischen Arbeiten von Carlfriedrich Claus, Michael Morgner, Max Uhlig und Klaus Hähner-Springmühl vor.

Frau Nadolni erläutert die aktuelle Plakatausstellung (Foto: Behnke, LOS)

 

Frau Dr. Weißbach präsentiert Grafikmappen (Foto: Behnke, LOS)

 

Das MoMA adelt damit Bestände des Kunstarchivs Beeskow und bestätigt die Redensart, wonach der Prophet im eigenen Lande nichts tauge. Frau Nadolni konnte den Gästen hingegen erklären: „Jetzt, fast 30 Jahre nach dem Ende der DDR, kehrt diese Kunst in die ständigen Ausstellungen der Museen zurück“. Hoffentlich spricht sich diese positive Entwicklung bis Berlin vor.

Als der Vorstand unseres Vereins im Mai dem Kunstarchiv einen Besuch abstattete, sprach Frau Nadolni von ihrem Traum, eines Tages in New York zu kuratieren. Wir wissen nun, dass dies kein Seifenbläschen war.

Museum of Modern Art in New York – der Eintritt ist frei (Foto: Wikipedia)


150 Jahre Schloss und Park Biesdorf – ein großes Ereignis eingebettet in das Biesdorfer Blütenfest

 

Der 150. Schloss-Geburtstag innerhalb des Biesdorfer Blütenfestes erschien dem fremden wie dem kennenden Beobachter als zweite Neueröffnung – es dominierten Freude, Vorfreude und Zukunftsgewissheit.  Viele Erinnerungen bewegten die Gäste. Im Zentrum stand natürlich der Architekt Heino Schmieden, dessen Name fortan der große Saal des Hauses trägt. Doch niemand sprach den Namen mit den drei großen Buchstaben aus, dessen Geist 17 Monate das Schloss beherrscht hatte.

 

Hervorragend besuchte Vernissagen

Bereits am 10. Mai war die neue Ausstellung „Ankommen“ der nunmehrigen Galerieleiterin Karin Scheel eröffnet worden. Alle 21 Künstlerinnen und Künstler dieser Ausstellung haben oder hatten eine Zeitlang ihren Arbeitsort in Marzahn-Hellersdorf. Einige Werke thematisierten die Spuren dieses Ortes, des Ateliers – andere befragten die künstlerische Arbeit an sich.

ankommen

 

Parallel dazu läuft eine Exposition aus dem Kunstarchiv Beeskow, die von dessen Leiterin Florentine Nadolni präsentiert wurde. Es handelt sich um eine 20blättrige Grafikmappe von Dieter Tucholke, der das erneuerte Preußen-Bild der DDR seit Anfang der 1980er Jahre kritisch kommentiert hatte.

Eines der „Negativbilder“ von Dieter Tucholke

 

Es waren gelungene Vernissagen der beiden neuen Schauen. 5900 Besucherinnen und Besucher sahen sie an diesem Wochenende.

 

Faktenreiche Festrede und geschätzte Erinnerungen

Wie schon einmal grüßte Senator Andreas Geisel zum 150jährigen Schlossjubiläum einen Tag später, am 11. Mai, für das Land Berlin. Geisel nannte das Schloss und den Park Heimat seiner Jugend. Viele Erinnerungen aus den Ferienspielen seien ihm bis heute bestens präsent.

Am Beginn ihrer faktenreichen Festrede vor mehr als einhundert geladenen Gästen machte Bürgermeisterin Dagmar Pohle dann Werbung für eine Neuerscheinung, die der Bezirk im III. Quartal dieses Jahres herausgeben wird: „Gut – Schloss – Park. Berlin-Biesdorf. Vom Rittergut zum Kultur- und Wohnstandort“.

 

Sie kündigte neue Erkenntnisse an, die Dr. Oleg Peters durch umfangreiche Archivrecherchen gewonnen habe und die er in drei Beiträgen nachzeichnen werde. So sei der spätere Berliner Tiergartendirektor Eduard Neide als Schöpfer des ersten, vier Hektar großen, Schlossparks identifiziert worden. Heino Schmieden und Neide kannten sich bereits von gemeinsamen Projekten in (Berlin-)Westend. Schmieden wird dem Bauherrn zu Neide geraten haben. Wer nun der Bauherr war – von Rüxleben oder die Familie Griebenow  – darüber gibt es leider keine gesicherten Fakten. Wenn auch nahezu alles für Griebenow spricht – es gibt überhaupt keinen Anlass gibt, in diese Richtung zu spekulieren.

Frau Pohle erinnerte daran, dass im Schlossturm die Jahreszahl 1869 entziffert worden war. Was hat diese zu bedeuten? Später nahm Landeskonservator Jörg Haspel den Ball auf und stellte augenzwinkernd die Frage, ob wir im Jahr 2019 den 150. Geburtstag des Schlossturmes erneut feiern könnten…

Die Bürgermeisterin sprach von der Episode Günther von Bültzingslöwen und natürlich ausführlich von der Siemens-Familie; sodann von der 90 Jahre langen städtischen Verwaltung durch die Bezirke Lichtenberg, Marzahn sowie Marzahn-Hellersdorf. Dagmar Pohle skizzierte die vielfältigen Bemühungen in der DDR-Zeit und würdigte abschließend die bleibenden Leistungen des Sozialen Stadtteilzentrums Biesdorf bis zum Wiederaufbau ab 2013 durch das Kollektiv unter Leitung von Prof. Mara Pinardi. Natürlich nannte sie den Namen Dr. Günter Peters und den unseres Vereins.

Dr. Oleg Peters und der Schauspieler Peter Bause erzählten in ihrer folgenden Performance das Leben Heino Schmiedens. Es war viel Arbeit, das Überwinden von Rückschlägen und stete Motivierung – das konnte man dem von Peter Bause vorgetragenen Lebenslauf des Architekten zweifelsfrei entnehmen.

Audiomitschnitt, Ausschnitt

 

Dr. Oleg Peters und Peter Bause

 

Es folgten beglückte Erinnerungen. Professor Jörg Haspel, der Landeskonservator, zitierte das Wort vom „Glienicke des Ostens“ – dieser Vergleich mit Schloss Biesdorf sei von Anfang an ein erfolgreicher Kniff gewesen, um Verantwortliche im Berliner Senat positiv auf das Projekt einzustimmen. Klaus Henning von Krosigk bemerkte später: Ohne die frühzeitige  Sanierung des Schlossparks in den 1990er Jahren wäre die Schlosswiederherstellung schwieriger geworden. Haspel entließ Senator Geisel mit den Worten: „Kümmern Sie sich bitte ab sofort um das Lichtenberger Hubertusbad!“ Der Vizepräsident der Architektenkammer Berlin Daniel Sprenger erinnerte an das große bürgerschaftliche Engagement des Architekten Heino Schmieden, der Mitglied in einer Reihe wichtiger städtischer und staatlicher Gremien war. Bei seiner Bescheidenheit wäre es Schmieden sicher recht gewesen, so Sprenger, dass nun „nur“ ein Saal seinen Namen trägt. Der langjährige Direktor des Martin-Gropius-Baus Prof. Gereon Sievernich übersandte ein Grußwort, das Dr. Niemann vortrug.

Abschließend ergriff der Vorstandsvorsitzende unseres Vereins Dr. Heinrich Niemann das Wort. Als Richtschnur der künftigen Arbeit stehe der seit Beginn dieses Jahres definierte Dreiklang von Schloss Biesdorf als Ort der Kunst, der Geschichte und der Begegnung. Einen attraktiven Ort der Kunst zu schaffen bleibe trotz der großartigen Vernissagen von gestern eine große Herausforderung. Dazu sollten Wegbegleiter und Partner ernsthaft einbezogen werden. Denn es gelte, DDR-Kunst mit zeitgenössischer Kunst zu koppeln und dem großen Berliner Maler und Ehrenbürger Otto Nagel in geeigneter Weise eine Heimstatt zu geben. Auch weitere lokalgeschichtliche Forschungen mit Historikern sollen angeregt werden.

Dr. Heinrich Niemann konnte neben dem allzeit präsenten Urenkel von Heino Schmieden, Prof. Dr. Ernst Kraas und Frau, erstmals die Urenkelin des ersten Schlossbesitzers Hans Hermann von Rüxleben, Frau Anja von Rüxleben-Drechsler aus München, und  eine weitere Nachkommin einer Seitenlinie – Frau Thum von Heyl mit ihren Partnern – begrüßen; den Kontakt hatte Heimatforscher Karl-Heinz Gärtner vermittelt.

Anja von Rüxleben-Drechsler

 

Abschließend übergab Dr. Niemann der Bezirksbürgermeisterin mit dem Glückwunschschreiben ein Paket mit allen vom Verein bisher herausgegebenen Publikationen zum Schloss Biesdorf und eine Mappe mit weiteren Zeugnissen für den Wiederaufbau des Schlosses einschließlich des Kalenders.

 

Heino-Schmieden-Saal

Alsdann folgte schließlich die feierliche Enthüllung des Schildes „Heino-Schmieden-Saal“.

 

Sehr offene Fragen

Inzwischen sind vier Wochen verstrichen. Seit einem sehr offenen, problemorientierten Gespräch mit der Kulturstadträtin Juliane Witt Anfang Januar sind nun fast sechs Monate ins Land gegangen. Unser Verein hatte unmittelbar nach dem Abspringen des ZKR dem Bezirksamt als neuem Betreiber operative Hilfe angeboten, auch eine Kooperationsvereinbarung schriftlich vor Monaten hinterlegt, die bisher ununterzeichnet blieb. Nun wollen wir in unmittelbarer zeitlicher Nähe zu unserer Mitgliederversammlung offene Fragen thematisieren, die keinen Aufschub dulden.

Wir halten eine öffentliche Auseinandersetzung über die kargen 17 Monate der Erstbetreiberin ZKR für notwendig: immerhin hat der Galeriebeirat Schloss Biesdorf trotz der permanenten öffentlichen Kritik vor allem innerhalb des Bezirks nichts von sich hören lassen. Kulturstadträtin Juliane Witt hatte im Juli 2013 über diesen erklärt: „Der Kreis von Kunstwissenschaftlern und Experten im Galeriebeirat wird sich der Umsetzung der Kooperationsvereinbarung mit dem Archiv Beeskow, der Umsetzung der kulturwissenschaftlichen Ziele und der Einbindung in die kulturtouristischen Gesamtkonzepte der Hauptstadt widmen. Zu den vertretenen Institutionen gehören die Senatskanzlei, die Berlin Tourismus Marketing GmbH, die Berlinische Galerie, das Kunstarchiv Beeskow und die Bundesstiftung Aufarbeitung der SED-Diktatur…“ Der Beirat verwies auf einige wenige Kritiken in der Fachpresse, die das Profil der Expositionen gutgeheißen hatten. Im Gremium war nach  eigener Aussage Frau Scheel verantwortlich tätig. Es geht uns nicht um eine Kritik der Kritik willen: wir widersprechen einem „Weiter so“. Nicht nur wir sind der Meinung, dass es begrüßenswert ist, wenn es ein mit den notwendigen Partnern abgestimmtes Verfahren zur Erarbeitung eines Gesamtkonzeptes für den Betrieb des Schlosses geben würde. Das erleichtert dann zu gegebener Zeit auch den Abschluss von Kooperationsvereinbarungen. Nun ist bereits eine nächste Ausstellung ab Ende Juni mit dem Titel „examining the edge – peripheries in the mind and the city“ angekündigt. Der Titel ist nur mit dem Wörterbuch verständlich, die Problematik eher ausgefallen. Aber: Schloss Biesdorf ist die kommunale Galerie des Bezirkes Marzahn-Hellersdorf, der kulturelle Leuchtturm, wie die Kulturstadträtin stets betont.

Vor einem knappen Jahr gedachten im Schloss Biesdorf mehr als 100 Menschen des 50. Todestages Otto Nagels. Wir hatten diese Veranstaltung die Rückkehr Otto Nagels in den öffentlichen Raum seiner Heimatstadt Berlin genannt. Kulturstadträtin Witt hatte als Leihgabe Nagels „Wochenmarkt am Wedding“ enthüllt. Weitere Schritte der „Rückkehr“ sollten folgen. Passiert ist bisher nichts. Vertreter unseres Vorstandes trafen sich Ende Mai mit dem Direktor des Archivs der Berliner Akademie der Künste, Herrn Dr. Werner Heegewaldt, und der Leiterin der Kunstsammlung, Frau Dr. Rosa von der Schulenburg. In einem hochinformativen Gespräch zeigten sie uns Linien zur Einrichtung eines nachhaltigen Erinnerungsortes für den großen realistischen Berliner Maler auf. Wir sind bereit, unser Wissen in ein solches Projekt einzubringen.

Nun noch eine merkwürdige Frage: Im Herbst 2016 baten wir das ZKR um einen Raum im wiedererbauten Schloss Biesdorf, um insbesondere die Akten unseres Vereins, die die Anstrengungen zum Wiederaufbau seit 2001 dokumentieren, aufzubewahren. Die Bitte wurde abgelehnt. Wir wiederholten unsere Frage nun an das Bezirksamt – bisher ohne Antwort. Unsere beiden Aktenschränke benötigen zwei Quadratmeter Fläche. Die Bruttogrundrissfläche des Schlosses beträgt 3.313 qm.

 

(Axel Matthies)


„Russland ist anders. Deutschland auch.“

 

Am 23. April 2018 fand im Schloss Biesdorf die vierte Veranstaltung der von unserem Verein „Stiftung Ost-West-Begegnungsstätte Schloss Biesdorf“ organisierten Reihe „BIESDORFER BEGEGNUNG“ statt. Sie stand diesmal unter dem Thema „Deutschland – Russland – Europa: brauchen wir einander?“. Der Vorsitzende unseres Vereins, Dr. Heinrich Niemann, konnte zu dem Podiumsgespräch Herrn Matthias Platzeck, Vorstandsvorsitzender des Deutsch-Russischen Forums e.V., Frau Marlitt Köhnke, Vorsitzende des Marzahn-Hellersdorfer Städtepartnerschaftsvereins sowie Herrn Ralf Protz, Geschäftsführer des Kompetenzzentrums Großsiedlungen e.V. begrüßen.

Großes Publikumsinteresse

Das Interesse an dieser Veranstaltung war sehr groß. Über 250 Interessierte hatten sich angemeldet. 120 fanden in dem – dank der Initiative der Hausherrin, Frau Scheel – spontan erweiterten Vortragssaal schließlich Platz.

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In seiner Begrüßung verwies Dr. Niemann darauf, dass in der 150-jährigen Geschichte unseres Schlosses auch die deutsch-russischen Beziehungen eine Rolle spielten. Das galt zum einen für die Geschäftsbeziehungen der Industriellen-Familie Siemens, in deren Besitz sich das Schloss über 30 Jahre befand, nach Russland. Zum anderen wurden das in den letzten Kriegstagen von den Nazis zerstörte Schloss von der Sowjetischen Militäradministration als Trauerhalle und Teile des Parks als Friedhof genutzt. Das hat auch dazu geführt, dass der Baumbestand des von Albert Brodersen angelegten wunderschönen Landschaftsparks in den Wirren der Nachkriegszeit erhalten geblieben ist.

Zu Beginn seines Einführungsvortrages wies Herr Platzeck darauf hin, dass Deutsche und Russen eine sehr lange Geschichte verbindet, dass es aber nicht immer leicht ist, Russland zu verstehen. In diesem Zusammenhang zitierte er einen Kenner der deutsch-russischen Beziehungen: „Russland ist anders. Deutschland auch.“

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Matthias Platzeck

 

Das Deutsch-Russische Forum

Dann informierte Herr Platzeck über die Ziele und Aufgaben des Deutsch-Russischen Forums. Die ehrenamtlich tätigen Mitglieder des Vereins (unterstützt durch eine kleine Gruppe hauptamtlich Beschäftigter) organisieren Dialoge und Begegnungen zwischen Gesellschaften und Menschen in Deutschland und Russland. An verschiedenen Stellen seiner Ausführungen berichtete Herr Platzeck über aktuelle und abgeschlossene Projekte des Vereins.

Herr Platzeck sprach über die Motive für sein engagiertes Wirken im Deutsch-Russischen Forum. Zum einen ist er in Potsdam in einer Gegend groß geworden, in der viele Angehörige der Sowjetarmee (zum Teil mit ihren Familien) lebten. Zum anderen hat seine Russischlehrerin nicht nur die Sprache, sondern vieles über das Leben in der Sowjetunion sowie über die Kultur und Geschichte des russischen Volkes vermittelt. Aber ganz entscheidend ist für Herrn Platzeck, dass ihm – auch angesichts der größer werdenden Zahl an Enkeln – bewusst ist, dass etwas getan werden muss, damit diese Generation so wie wir ihr Leben in einem Europa ohne Kriege verbringen kann.

Ende der Epoche des Liberalismus

Nach den Worten von Herrn Platzeck ist die aktuelle Situation in der Welt, in Europa sehr schwierig, unüberschaubar, komplex. Sie ist explosiver als im Kalten Krieg. Wir erlebten das Ende einer Epoche, das Ende des Liberalismus. Die deutsch-russischen-europäischen Beziehungen sind ein Scherbenhaufen, weit weg von einer Partnerschaft, so dass die Bewahrung der friedlichen Koexistenz zum entscheidenden Ziel wird.

Herr Platzeck machte deutlich, dass aus seiner Sicht das gegenseitige Verstehen die Mindestbedingung für Entscheidungen bezüglich der nächsten richtigen Schritte ist. In diesem Zusammenhang ging er auf die Entwicklung in Russland seit 1990 ein. Aus einem Russland ohne „eigene Interessen“ ist wieder ein Staat geworden, der seine Interessen formuliert, die in die Politik einzubeziehen sind.

Herr Platzeck verwies darauf, dass Wladimir Putin als Präsident der Russischen Föderation 2001 im Deutschen Bundestag als Kernbedingung für ein friedliches Miteinander eine Sicherheitskonzeption auf Augenhöhe mit Russland forderte und ihm die Abgeordneten stehend applaudierten. Unter diesem Blickwinkel war die NATO-Osterweiterung ein Fehler.

An vielen Beispielen belegte Herr Platzeck, dass gegenwärtig die Politik Russlands nach anderen Maßstäben bewertet wird als die Politik der USA und der europäischen Länder. Russland konnte aus dem eigenen Sicherheitsbestreben nicht zulassen, dass NATO-Kriegsschiffe im Hafen von Sewastopol vor Anker gehen, genau so wenig wie für die USA 1962 die Stationierung sowjetischer Raketen auf Kuba in Frage kam.

Die Schaffung einer Sicherheitsarchitektur müsse das Ziel sein, um aus der gegenwärtigen explosiven Situation heraus zu kommen. Herr Platzeck erinnerte in diesem Zusammenhang an die Ostpolitik der Brandt-Regierung, die in einer ähnlich gefährlichen Situation Wandel durch Annäherung erreicht hatte. Dieses Herangehen wurde von Politkern umgesetzt, die den Krieg „noch in den Knochen hatten“ und keinen neuen wollten.

Keine Vorbedingungen an Rußland

Von Russland einen Wandel als Bedingung für Annäherung zu fordern ist nach Ansicht von Herrn Platzeck der falsche Weg. Sanktionen zerstören einerseits Vertrauen und führen andererseits – wie am Beispiel der Krim erkennbar – nicht zum gewünschten Ergebnis. Bei der Bewertung der Politik Putins müsse bedacht werden, dass er liberaler als 80% der Russen sei und dass ihm angesichts nationalistischer und militaristischer Tendenzen in Russland geholfen werden muss, bei der Bewältigung der sozialen Herausforderungen in seinem Land voranzukommen. Es geht einerseits um die Ausgestaltung des gemeinsamen europäisch-russischen Wirtschaftsraums. Wenn Europa und Russland ihr Wirtschaftspotential nicht verknüpfen werden die USA und China die weltwirtschaftlichen Gewinner sein. Andererseits muss der zivilgesellschaftliche Austausch gefördert werden, damit sich Deutsche und Russen nicht entfremden. Herr Platzeck beklagte, dass an den Schulen kaum noch Russischunterricht angeboten wird und berichtete, dass deutsche Bürgermeister bei der Vereinbarung von Partnerschaften mit russischen Städten zunehmend verunsichert sind, weil sie der Reputation ihrer Kommune schaden könnten.

Lebendige und sachliche Diskussion

Nach dem Einführungsvortrag von Herrn Platzeck, der von den Zuhörern mit viel Beifall und Zustimmung bedacht wurde, berichteten Frau Köhnke und Herr Protz über ihre Erfahrungen bei der Gestaltung des zivilgesellschaftlichen Austausches. Die Ausgestaltung eines vertrauensvollen Miteinanders scheitert zum Beispiel daran, dass die Gesprächspartner häufig wechseln. Herr Protz berichtete, dass sein Verein als NGO zunehmend Probleme bei der Zusammenarbeit mit russischen Partnern hat, weil der gesetzliche Rahmen in Russland eingeengt wurde.

In der anschließenden Diskussion wurde auch die Frage nach den Interessen Russlands in der Ukraine und im Baltikum gestellt. Herr Platzeck erklärte, dass Russland durchaus an der Aufrechterhaltung der Konfliktsituation in der Ostukraine interessiert ist, weil damit eine mögliche Aufnahme der Ukraine in die NATO verzögert wird. Diese Situation führe jedoch – von Russland nicht gewollt – auch zu einer Stärkung des Nationalbewusstseins der Ukrainer. Militärische Aktionen Russlands im Baltikum schließt Herr Platzeck aus, aber er wies darauf hin, dass von Seiten Russlands mehr getan werden muss, um in diesen Staaten Vertrauen in eine friedliche Nachbarschaft aufzubauen.

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Der Saal war voll besetzt

 

Einen wichtigen Raum in der Diskussion nahm die Frage ein, was jeder Einzelne für die Verbesserung der deutsch-russischen Beziehungen tun kann. Wer mit der Politik der Bundesregierung in diesem Zusammenhang unzufrieden ist, sollte zum Beispiel mit Mails an Minister und Abgeordnete des Bundestages auf Veränderungen drängen.

Am Ende war man sich – gestützt auf eigene positive Erfahrungen – einig, dass gegenseitige Kontakte einen wichtigen Beitrag leisten können, um den Frieden in Europa wieder sicherer zu machen.

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Dr. Niemann, Herr Platzeck, Frau Scheel und Herr Protz (v.l.)

(Fotos: Kristina Niemann)

(Prof. Dr. Gernot Zellmer)


Ein Besuch im Kunstarchiv Beeskow

 

Beeskow ist immer eine Reise wert – zumal in dieser Jahreszeit, da im Oder-Spreeland die Wiesen blühen, die klaren Bäche und Seen sich im Sonnenlicht spiegeln und Störche fleißig nach Futter für ihre Jungen suchen.

Naturpark-Dahme-Heideseen

 

Veränderungen im strukturellen Bereich des Kunstarchivs

Es deuten sich aber auch Veränderungen im Kunstarchiv des märkischen Städtchens an, die man nicht übersehen kann. Deshalb begab sich ein Teil des Vorstandes unseres Vereins Ende April 2018 auf die Reise.

Wir hatten im August des vergangenen Jahres mitgeteilt, dass im strukturellen Bereich des Kunstarchivs Umgestaltungen bevorstehen. Zudem hat das Kunstarchiv mit Florentine Nadolni seit Anfang 2017 eine neue Leiterin. Wir wollten Frau Nadolni kennen lernen und sie uns. Uns verbindet das gemeinsame Interesse nach einer sicheren und produktiven Zukunft des Kunstarchivs Beeskow. Dieses gemeinsame Interesse wurde durch das Gespräch bejaht und untermauert. Als Mittdreißigerin hat Frau Nadolni zum Kunstarchiv, im Gegensatz zu uns, eine eher museale Beziehung. Während wir uns allzu deutlich an die Debatten und Kunstausstellungen in der DDR erinnern, sah sie die Artefakte zuerst im Depot. Ihr ist das Schicksal der Dinge, in diesem Falle der Bilder, Grafiken und Plastiken nicht egal, sie brennt und will so viele Schaufenster wie möglich, wie sie sagt, für die Kunst schaffen. Ihr ist Biesdorf recht, aber eine „exhibition in New York“ nicht illusionär. In dieser Dimension denkt die Leiterin. Sie ist meinungsstark und machte auf uns einen souveränen Eindruck. Als Berlinerin ist sie an ihren Arbeitsort gezogen, was ihr Engagement noch glaubhafter macht.

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Frau Nadolni (Mitte) im Kreise des Vorstandes

 

Es deutet sich nun an, dass die Länder Berlin und Mecklenburg-Vorpommern aus dem seit 2001 existierenden Verwaltungsabkommen zum Kunstarchiv aussteigen wollen. Um die Folgen auszuloten, hat das Kunstarchiv eine Konzeption erarbeitet, die in diesen Tagen beraten wird. An diesem Prozess ist der renommierte Kulturmanager Dr. Thomas Köstlin beteiligt. Der Anteil der Kunstwerke aus Mecklenburg-Vorpommern ist überschaubar. Berlins Beitrag ist erheblich höher, die Brandenburg gehörenden Artefakte bilden die Mehrheit. Brandenburg bekennt sich mit seinem Landkreis Oder-Spree zum Beeskower Archiv. Offen ist die Frage, wie Berlin und Mecklenburg-Vorpommern ihre Kunstwerke dem Kunstarchiv überlassen können.

 

Pragmatische Lösungen

Eine Lösung für die Aufbewahrung aller Artefakte wurde unterdessen gefunden. Anstelle des überstauten alten Gebäudes wird das ehemalige Kreisarchiv ganz nahe der Burg die Kunstwerke aufnehmen. Das Gebäude ist erheblich geräumiger, wesentlich jünger und verfügt über eine ausreichende Klimatik.

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Das Archiv soll bis Ende des Jahres 2018 neu eingerichtet und bezogen werden.

 

Um die 23.000 Exponate zeitgemäß lagern zu können werden Ziehgitteranlagen angeschafft. Die Mittel dazu kommen vom Bund und werden vom Land Brandenburg und dem Kreis kofinanziert. Bis 2019 wird der Beeskower Bestand einer abschließenden Generalinventur durch Dr. Angelika Weißbach unterzogen. In die bisherigen Inventuren, so hatte Frau Nadolni informiert, hätten sich immer wieder Ungenauigkeiten eingeschlichen.

Depot

Ziehgitteranlagen – hier in der Berlinischen Galerie

 

Die List der Vernunft?

So werden die materiellen Lebensbedingungen für die Auftragskunst aus der DDR auf der Kreisebene geregelt. Im Jahre 2008 hatten der Landkreis Oder-Spree und die Stadt Beeskow noch von einem imposanten Neubau geträumt. Den ersten Platz beim Architektenwettbewerb hatte Max Dudler mit diesem Entwurf gewonnen.

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(Foto: Dudler)

Der Neubau hätte um die 10 Millionen Euro gekostet. Das Land Brandenburg war sich mit dieser Investition allerdings nicht sicher und gab ein Gutachten in Auftrag. Im Ergebnis stellte das Gutachten fest: „Unter künstlerischen Gesichtspunkten betrachtet beinhaltet der Beeskower Bestand mit sehr wenigen Ausnahmen aus heutiger Sicht keine für die Kunstgeschichte Deutschlands relevanten Werke… Es ist jedoch vollkommen kontraproduktiv, Teile dieses Bestandes gleichsam pars pro toto als die Kunst aus der DDR zu präsentieren… Die Bedeutung des Bestandes erklärt sich einzig aus seiner Bindung an die politische und gesellschaftliche Praxis der DDR, nicht aus einer irgendwie gearteten Repräsentativität für die Kunst des einstigen Landes.“ (S. 60) So war das Bemühen um einen Neubau seitens des Kreises für das Kunstarchiv durch die Landesregierung abrupt beendet worden. Natürlich gibt es andere wissenschaftlich fundierte Meinungen, die dieser Gutachterauffassung konträr entgegenstehen. So schreibt die Kulturwissenschaftlerin Dr. Marlene Heidel in ihrem Buch „Bilder außer Plan“, eine Monografie über das Kunstarchiv Beeskow: „Auch am Ende dieser Arbeit sei nochmals darauf hingewiesen, dass hier keinesfalls dem gesamten Bestand des Kunstarchivs Beeskow eine ästhetische Qualität bescheinigt werden soll. Stattdessen geht es um Begegnungen mit den einzelnen Werken und die Erweiterung des Zugangs um die Perspektive der ästhetischen Funktion.“ (S. 240)

Dieser Streit wird nicht heute oder morgen entschieden – ihn entscheidet die Geschichte. Und es ist nicht unwahrscheinlich, dass die List der Vernunft, wie Hegel sie gedeutet hatte,  sich auch des Landkreises Oder-Spree bedient, um das kollektive Gedächtnis der bildenden Kunst aus der DDR zu erhalten und in die Welt zu tragen. „Hic Rhodus, hic salta! Hier ist die Rose, hier tanze!“

 

Am 10. Mai um 15.30 Uhr eröffnet Frau Nadolni im Schloss Biesdorf die Ausstellung „Negativbilder – Preußische Geschichte“ von Dieter Tucholke. Das Mappenwerk befindet sich im Besitz des Kunstarchivs.

 

(Axel Matthies)


Erfolgreiche Grabungen auf dem historischen Gutsareal Biesdorf

 

Die Verzögerung des Wohnungsbauvorhabens der STADT UND LAND auf dem historischen Areal des ehemaligen Rittergutes Biesdorf ist durch die Ergebnisse der Grabungen mehr als wettgemacht worden. Wie „Die Hellersdorfer“ in ihrer Ausgabe März 2018, Sonderveröffentlichung der STADT UND LAND, berichtet, war in der zweiten Jahreshälfte 2017 ein Grabungsteam unter Leitung des Archäologen Reinhold Scholz im Einsatz, um den Baugrund auf historische Spuren zu untersuchen. Dabei wurden Relikte entdeckt, die bis zu 3000 Jahre alt sind. So wurden ein Brunnen und Werkzeuge frei gelegt.

Auch aus der Siemens-Zeit gibt es historische Zeugnisse. So wurde ein hölzerner Maischebottich aus der alten Brennerei geborgen.

Lesen Sie hier den spannenden Text, den wir mit Genehmigung der „Hellersdorfer“ publizieren.

 

Ausgrabungen Gut 2017


Schloss Biesdorf im 150. Jahr seines Bestehens. Bilanz und Perspektiven aus bürgerschaftlicher Sicht

 Vortrag von Dr. Heinrich Niemann in der gemeinsamen Reihe mit der Volkshochschule Marzahn-Hellersdorf am 11.1.2018

 

Am Beginn des Jahres 2018, in dem das Schloss Biesdorf 150 Jahre alt wird, möchte ich mit meinem Vortrag versuchen, die geschichtliche Bedeutung dieses Denkmalensembles am östlichen Stadtrand  von Berlin herauszuarbeiten oder anders gesagt, der Frage nachgehen, welche guten Gründe gibt es wirklich, diesen Ort auch als interessanten Ort der Geschichte zu besuchen? Was daraus ist wichtig und interessant und verdient wirklich die Beachtung, die wir gerne uns wünschten.

Nach seinem vollendeten Wiederaufbau vor eineinhalb Jahren soll das Schloss Biesdorf ein auch touristisch attraktiver neuer Ort der Kunst mit der Einrichtung einer Galerie werden – so will es nicht nur der Förderbescheid  der Geldgeber für den so erfreulichen Wiederaufbau. Das ist auch eine richtige und angemessene Aufgabe.

Ein Ort der Geschichte ist es zweifellos.

Und ein Ort der Begegnung möglichst vieler Menschen soll es (wieder) werden. Das meint unser Verein jedenfalls auch mit seiner diesjährigen Karte zum Neuen Jahr.

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Eigentums- und Nutzungsverhältnisse

Zwei geschichtliche Besonderheiten gibt es schon auf den ersten Blick:

Es sind die vielschichtigen Eigentums- und Nutzungsverhältnisse in diesen 150 Jahren.

Mehr als 50 Jahre privater (Wohn)Nutzung im Besitz von drei Familien (von Rüxleben, von Bültzingslöwen, Werner und Wilhelm von Siemens) folgen nach einer Zwischenzeit seit 1927 bislang über 90 Jahre öffentliches Eigentum und öffentliche Nutzung im Besitz der Stadt Berlin, des jeweiligen Stadtbezirks (Lichtenberg, dann Marzahn, seit 2001 Marzahn-Hellersdorf).

Das Rittergut Biesdorf  war offenbar Anfang des 19. Jhd. kein besonders ertragreicher Ort. Sechs Mal wechselten allein in den dreißig Jahren von 1823 bis 1853 die Besitzer, ehe dann die Familie von Rüxleben das Rittergut für 31 Jahre übernahm.

Gutshof Biesdorf Ende 19. Jh.

 

Die weiteren Daten sind bekannt:

1862 wird das Rittergut vom Vater Bruno Freiherr von Rüxleben  vererbt an Sohn Hans Herrmann, der im Mai 1868 zur Hochzeit mit Anna Pauline Griebenow die neuerbaute Turmvilla „Schloss“ Biesdorf erhält, die noch 16 Jahre in deren Besitz blieb.

Dem Verkauf 1884 an Baron Günther von Bültzingslöwen folgte schon 1887 der Erwerb durch Werner von Siemens.

1889 übergibt dieser an seinen zweitgeborenen Sohn Wilhelm von Siemens. So waren das Schloss und das Rittergut bis zum Verkauf 1927 formal 40 Jahre im Siemensbesitz. Wenn man den Tod Wilhelm von Siemens als faktisches Ende einer Nutzung durch die Familie betrachtet, waren es immerhin noch etwa 32 Jahre.

Wilhelm Elly Terrasse 1900er

 

Nachdem zum Ende des 1. Weltkrieges schon Einquartierungen erfolgten, das Schloss vom Preußischen Staat gepachtet wurde, erfolgte nach längeren Verhandlungen 1927 der Kauf durch die Stadt Berlin.

Die seitdem vergangenen 90 Jahre öffentlicher Nutzung teilen sich auf in wenige Jahre der Weimarer Republik, die 12 Jahre der NS-Zeit mit dem Ergebnis der Brandzerstörung des Schlosses im April 1945. Nach einer Zwischenzeit als Friedhof der Sowjetarmee folgten etwa 35 Jahre in der DDR und seit der Vereinigung 1990 die 23 Jahre bis zum Beginn des Wiederaufbaus im Jahre 2013.

Das als herrschaftliches Wohngebäude errichtete Schloss Biesdorf wurde also die weitaus längste Zeit für Verwaltungs- und öffentliche Zwecke genutzt.

 

Die historische Bedeutung des Ensembles von Schloss und Park Biesdorf – Eine Annäherung in 12 Punkten und einem Schlussgedanken

 

  1. Das Bauwerk und Denkmalensemble ist eines der in Berlin nicht sehr zahlreichen noch bestehenden herrschaftlichen Häuser und Anlagen.

„Es gibt in Berlin etwa zwei Dutzend Schlösser, Herrenhäuser und Palais.

Das ist nicht viel für eine Stadt, die seit dem Jahr 1701 Hauptstadt von Preußen war…Nur wenige herrschaftliche Häuser überlebten den 2. Weltkrieg….

…Schloss Biesdorf, lange Jahre Wohnsitz der Familie von Siemens, wurde aufwendig restauriert.“ heißt es in einem 2016 erschienenen Buch „Berlins Grüne Orte“

( Berlins Grüne Orte, Verlag Runze&Casper Werbeagentur GmbH, Berlin 2016. S.68 f)

Die in diesem Buch genannten Bauwerke sind: Im Zentrum Berlins das Stadtschloss, Monbijou, Schloss Charlottenburg und Park, Schloss Bellevue, Altes Palais, Ephraimpalais, Kronprinzenpalais, Prinzessinnenpalais Kommandantenhaus, Palais am Festungsgraben, Schloss Schönhausen.

Am Stadtrand: Jagdschloss Grunewald, Schloss auf der Pfaueninsel, Schloss Glienecke, Schloss Köpenick, Schloss Biesdorf

 

  1. Das von Heino Schmieden 1868 errichtete Gebäude nach italienischem Vorbild ist ein schönes und in Berlin seltenes Beispiel einer herrschaftlichen Turmvilla im spätklassizistischen Stil.

 Durch den Wiederaufbau kommt seine harmonische und klar komponierte äußere Gestalt wieder voll zur Geltung. Der aus der Bauzeit erhaltene besonders feste rosafarbene Romanzementputz ist von besonderem Denkmalwert. Es ist am herausgehobenen Standort am südlichen Rande der Barnimhochfläche weit sichtbar gelegen und dominiert das historische Biesdorf mit seiner Dorfkirche.

Im östlichen Raum Berlins sind vergleichbare Gebäude selten.

Das jetzige Gebäude entspricht dem Stand um 1900 nach den baulichen Änderungen durch Wilhelm von Siemens (Architekt Th. Astfalck).

Balkon an der Südfront 1907

 

Das Ensemble steht seit 1979 unter Denkmalschutz.

 

  1. Der Architekt des Schlosses Biesdorf Johann Heino Schmieden (1835-1913) gehört zu den bedeutendsten und produktivsten Berliner Architekten von internationalem Rang in der 2. Hälfte des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Er wurde mit dem Wiederaufbau des Schlosses Biesdorf für Berlin wiederentdeckt.

 In der Sozietät mit dem älteren Martin Gropius (1813 -1880) von 1866 bis 1880 wurden bedeutende Bauten realisiert. Nach Gropius frühem Tod setzte Schmieden mit anderen Partnern dieses Werk fort. Das Kunstgewerbemuseum – der heutige Martin-Gropius-Bau-, das alte Gewandhaus in Leipzig, das Krankenhaus Friedrichshain sind nur wenige markante Bauwerke. Mit Krankenhausbauten wurde Schmieden international bekannt.

Schloss Biesdorf ist das älteste Bauwerk von Schmieden im heutigen Berlin.

Schmieden war leitend tätig in Architektenvereinigungen, Mitglied der Preußischen Bauakademie und Akademie der Künste, Mitbegründer der URANIA, an der Seite Virchows maßgeblich  an der Tuberkulosebekämpfung beteiligt.

Durch den Verein „Stiftung Ost-West-Begegnungsstätte Schloss Biesdorf“ und BALL e.V. sowie die wissenschaftliche Arbeit und das Buch von Dr. Oleg Peters „Heino Schmieden, Leben und Werk des Architekten und Baumeisters 1836- 1913“ wurde diese Persönlichkeit gleichsam wiederentdeckt.

Mit den Nachkommen von Heino Schmieden (seine Urenkel) besteht eine – so selten mögliche – lebendige Verbindung zu Biesdorf und unseren Verein. Das Porträt Schmiedens ist ein Geschenk der Familie und ist als Leihgabe im Schloss zu sehen.

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Im Mai 2018 wird der große Saal zur Würdigung des Architekten als Heino-Schmieden-Saal benannt. Diese Ehrung bedeutet für die bauhistorische Berliner Fachwelt auch einen gewissen Akt historischer Gerechtigkeit in Bezug auf den Martin-Gropius-Bau, der nicht nur von Schmieden mit entworfen, sondern von ihm nach Gropius Tod zu Ende geführt wurde.

 

  1. Der von Albert Brodersen in den 90er Jahren des 19. Jhd. gestaltete, auf 14 ha erweiterte Schlosspark folgt dem Lennéschen Modell eines klassischen Landschaftsparks in seltener stilistischer Reinheit.

 Die seit Ende der 1920er Jahre begonnenen und seit den 1950er Jahren hinzugekommenen Elemente und Einbauten im Sinne eines öffentlichen Volksparks wurden seit 1984 mit der Rückbesinnung auf die Brodersensche Planung teilweise rückgebaut bzw. fügen sich wie die Parkbühne sinnvoll und zweckmäßig ein.

 

  1. Albert Brodersen (1857 – 1930 ) war von 1910 bis 1925 der dritte Gartenbaudirektor Berlins und hat in einer Zeit des Übergangs zur reformorientierter Gartenarchitektur die Entwicklung des öffentlichen, für die Bürger zugänglichen Grüns maßgeblich gefördert.

 Die Neugestaltung des Botanischen Gartens, Viktoriapark, Kleistpark, Märchenbrunnen, Volkspark Rehberge, Park an der Liebermannvilla sind Beispiele. Mit der Benennung der Lindenallee im Schlosspark Biesdorf auf Initiative des Vereins in Albert-Brodersen-Allee im Jahre 2007 erhielt er eine angemessene Ehrung.

Parasol

 „Die Zeit … ist reif, sich mit seinem Lebenswerk auseinanderzusetzen, es vertieft zu ergründen, was an Erbe noch da ist, …wie in Biesdorf – durch gezielte Inwertsetzung zu erhalten und neuerlich zu beleben.“

Dr. Klaus Henning von Krosigk,  2007

 

  1. Die privaten Besitzer und Bewohner des Schlosses Biesdorf sind repräsentative Beispiele für die Beziehungen und Verflechtungen und des Wirkens adliger Familien und des Bürgertums in Preußen und Berlin des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts.

 Hans Hermann von Rüxleben  (1841 – 1895) war nicht nur Rittergutsbesitzer. Er wurde 1872 in den Kreistag Niederbarnim gewählt und war Amtsvorsteher des Amtsbezirks Biesdorf von 1874 bis 1884. Bemerkenswert ist die Rolle des Vaters der Anna Pauline Griebenow, die mit Rüxleben verheiratet wurde.

Christian Wilhelm Griebenow (1784 -1865), aus dessen Vermögen seine Witwe die Finanzierung des Schlosses gespeist hat, hatte sich in den Befreiungskriegen 1812/13 (Ehrenbürger Kolbergs) und bei der urbanen Entwicklung Berlins als Grundstückshändler einen Namen gemacht. Noch heute ist eine Straße im Bezirk Berlin-Mitte nach ihm benannt.

Günther von Bültzingslöwen (1839 – 1889) war nicht nur als Kaufmann (Kaffee, Zuckerrohr) auf Java tätig. Er war dort Konsul des Norddeutschen Bundes bzw. des Deutschen Reiches.

Im  Krieg 1870/71 fällt sein jüngster Bruder. Bültzingslöwen schließt sich dem französischen Roten Kreuz an. An seine humanitäre Rolle im Dienste des holländischen Roten Kreuzes während des 2. Atjehkrieges – ein Kolonialkrieg – zur Jahreswende 1873/74 wird noch heute erinnert.

Die Künstlerin Paula Modersohn-Becker ist eine Nichte.

Ohne von Bültzinglöwen, dem der befreundete Werner Siemens ein Darlehen gewährt hatte, wäre der Erwerb des Schlosses durch Werner von Siemens nicht zu Stande gekommen.

 

  1. Siemens und Biesdorf

Neben den hier als bekannt vorauszusetzenden allgemeinen Daten über die Familie Siemens war ihr Wirken auch für die Gemeinde Biesdorf fruchtbar.

 Wilhelm von Siemens und seine Frau Elly gestalteten seit 1889 nicht nur Schloss und Park neu und brachten es auf ein zeitgemäßes technisches Niveau und bewirtschafteten das Rittergut.

Sie bewohnten viele Jahre das Anwesen und machten es zu einem Treff gesellschaftlichen Lebens (Gesellschaftsabende, Jagden).

Kostümfest 1907

 

Die Zusammenarbeit mit der Gemeinde Biesdorf verlief zum gegenseitigen Vorteil. Siemens förderte öffentliche und Gemeinwohlprojekte für Biesdorf.

Die drehbare Luftschiffhalle in Biesenhorst (Karlshorst/ Biesdorf, 1909) war eine technische Innovation ersten Ranges. Auch haben technische Experimente im Park und vom Schloss(turm) aus stattgefunden, wozu noch weitere Forschungen laufen.

 

  1. In der Zeit der Weimarer Republik wird das Schicksal des Schlossensembles nach dem Tod von Wilhelm von Siemens (1919) und dem nachlassenden Interesse der Siemensfamilie stark vom Interesse der Stadt Berlin am Erwerb von Bauland für die Stadterweiterung und des Parks für die Versorgung mit öffentlichem Grün bestimmt.

Diese Jahre haben dem Schloss baulich kaum gut getan. Das leider nicht bekannte Siemenssche Interieur und Inventar ist mit großer Wahrscheinlichkeit schon in diesen Jahren  verloren gegangen.

Die Umstände des Verkaufs bzw. Erwerbs des Biesdorfer Gutes sind ein auch heute noch interessantes Beispiel für den Umgang der Stadt und privaten Eigentümern bei Grundstücksgeschäften. Der Kauf von 1927 zog auch einen langwierigen Untersuchungsausschuss nach sich.

Nach Ende des 1. Weltkriegs erfolgen im Schloss Einquartierungen mit Wohnungen und der Reichswehr. Später Nutzung als Polizeidienststelle, Ortsamtsstelle, nicht realisierter Plan eines Mütter-und Säuglingsheimes.

Der Schlosspark (nach damaliger Täglicher Rundschau „verwildert“) wird ab 1928 öffentlicher Volkspark und entsprechend ausgestaltet. Er ist die erste städtische Grünanlage im Gebiet des heutigen Bezirks Marzahn-Hellersdorf.

 

  1. Die zwölf Jahre intensiver Nutzung und des Missbrauchs des Schlossensembles in der NS-Zeit und die sinnlose Brandzerstörung einen Tag vor dem Erreichen dieses Teils von Berlin durch die Rote Armee waren eine Zeit der Unkultur. Nicht wenige Menschen sind ihr gefolgt. Die Opfer und die Ursachen dürfen nicht vergessen werden.

 Im Schloss, weiterhin Polizeistelle, wurden durch die Nazis der Ortsgruppensitz, die Meldestelle für HJ und Jungmädelbund und ein Amt für Volkswohlfahrt etabliert. Der Einbau eines Luftschutzkellers und andere bauliche Änderungen folgten.

Die NSDAP machte das bekannte Ensemble zu einem intensiven und propagandistisch wirksamen Ort für Veranstaltungen und Feste.

Im Krieg diente das Schloss als Sammelstelle für den Volkssturm, immer häufiger als Ort für Nothilfe und Notunterkünfte, Winterhilfswerk, Lazarett.

Von den Luftangriffen auf Biesdorf 1943 und 1944 verschont geblieben, wurden am 26. März 1945 bei Tieffliegerangriffen der Roten Armee auch Bereiche des Schlossparks und Gutes bombardiert.

  1. April 1945 Brandzerstörung, vermutlich Brandstiftung,
  2. April 1945 Die Rote Armee erreicht Biesdorf.

 

  1. Die Einrichtung eines Friedhofs der Roten Armee 1945/46 und des dafür provisorisch hergerichteten Schlosses (Trauersaal) sowie eine Ummauerung der Hälfte des Schlossparks haben auch dazu geführt, dass der alte Baumbestand des Parks erhalten blieb und das Schlossgebäude vor weiterer Zerstörung bewahrt wurde.

Von 1945/46 bis zur Umbettung zum Parkfriedhof Marzahn – Sowjetisches Ehrenmal – im Jahre 1958 bestanden in drei Bereichen des Schlossparks 462 Gräber sowjetischer Soldaten und Zivilangehöriger.

2018 sind 60 Jahre seit der Umbettung zum Parkfriedhof Marzahn vergangen

Eine Erinnerungstafel an geeignetem Ort wäre angemessen.

 

  1. Der gemeinsame Nenner der seit 1954 in der DDR, also dreieinhalb Jahrzehnte, ununterbrochenen und teils sehr intensiven Nutzung von Schloss und Park Biesdorf für die Bürgerinnen und Bürger durch den jeweiligen Stadtbezirk ist Kultur und Bildung im weiten Sinne. Für die DDR exemplarische Strukturen wie Jugendklub oder Kreiskulturhaus sowie die Ferienspiele und Arbeitsgemeinschaften für tausende Kinder waren aufgebaut.

In diesem langen Zeitraum entwickelte sich eine enge Beziehung vieler Bürger mit ihren Familien zum Schloss und Park, oft über die Lebensalter und Generationen hinweg.

Diese Besonderheit unterscheidet Biesdorf von anderen vergleichbaren Anlagen und muss bei jeder künftigen Nutzung beachtet und produktiv gemacht werden.

Im Falle des Schlosses und Parks in Biesdorf handelte es sich im  Unterschied zu den vielen anderen 1945 im Privatbesitz befindlichen Herrenhäusern schon um städtisches Eigentum (Stadtbezirk Lichtenberg), woraus sich eine klare Zuständigkeit für die weitere Nutzung  des Parks und  des Schlossgebäudes ergab.

Diese Stichworte erinnern an die Breite dieser Nutzung:

Bildhaueratelier (1954-58, E. Kobbert und Becker), erster Dorfklub,

Jugendklub, Freilichtbühne, Ferienspiele, Rassehundeausstellungen, Tischtennisplatz, Jugendschwimmbecken, Indianerspielplatz, Sandspielplatz, Verkehrsgarten, Bibliothek, Gaststätte, Jugendtanz, Disko, Arbeitsgemeinschaften, Kreiskulturhaus, Fernsehzimmer …

Ferienspiele

Plansche Schlosspark

 

Trotz sehr knapper baulicher Ressourcen wurde das Gebäude der Zeit gemäß bescheiden und sachgerecht instand gesetzt und auch baulich funktionsfähig gehalten. Es gab 1956 (NAW – Nationales Aufbauwerk) und später Pläne des Wiederaufbaus. Die Gefahr der Übernutzung wurde erkannt und das Ensemble 1979 unter Denkmalschutz gestellt.

Mit Blick auf die seit 1990 benötigten 25 Jahre, ehe das Schloss tatsächlich wieder aufgebaut werden konnte, ist ein Respekt vor diesen Leistungen durchaus eher angebracht als ein „Naserümpfen“.

 

  1. Nach der Vereinigung 1990 kam es zeitweilig zu einer Gefährdung des Bestandes als öffentliche Einrichtung. Die Entscheidung des Bezirks Marzahn von 1994, das Schloss Biesdorf einem Freien Träger, dem BALL e.V., zu übertragen, ermöglichte bis zum Beginn des Wiederaufbaus 2013 wiederum eine fast zwei Jahrzehnte währende breite soziokulturelle  Nutzung für die Bürger. Dadurch wurde das Gebäude auch vor dem weiteren baulichen Verfall bewahrt.

Versuche, das Schloss zu veräußern und ähnliche kommerzielle Ideen konnten verhindert werden. Der Betrieb als Stadtteilzentrum erwies sich auch als eine Voraussetzung, die Restaurierung und den späteren Wiederaufbau Schritt für Schritt umzusetzen.

Ball e.V. gehörte zu den Initiatoren der Bürgerinitiative von 1998 „Biesdorf braucht sein Schloss“ und der nachfolgenden Vereinsgründung 2001.

BALL e.V. – Leistungen des Stadtteilzentrums 1994 -2013:

  • 281 klassische Konzerte,
  • 116 historische Vorträge,
  • 155 literarische Lesungen,
  • in 167 Veranstaltungen präsentierten Bürger ihr interessantes Hobby,
  • 175 Puppentheater für unsere Kleinsten,
  • 153 Ausstellungen

 

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Dazu ungezählte private Feiern.

Insgesamt nutzten mehr als 620.000 Bürger die Möglichkeiten des Hauses in Zirkeln und Kursen, ließen sich beraten oder brachten sich und ihre Ideen in die Stadtteilarbeit ein.

 

Resumee:

Der Wiederaufbau des Schlosses Biesdorf ist eine Erfolgsgeschichte von Bürgerengagement, Beharrlichkeit, politischem Willen und professioneller Ausführung.

Ohne den 2001 gegründeten Verein mit Dr. Günter Peters (1928 -2013), der die Rettung und den Wiederaufbau des Schlosses auf die politische Agenda des Bezirks Marzahn-Hellersdorf gesetzt hatte, ist das wiederaufgebaute Schloss nicht denkbar.

Günter-Peters

 

Als Bauherr hat der Verein mit der Sanierung des Erdgeschosses von 2002 bis 2007 die Machbarkeit gezeigt und mit den ersten Förderanträgen ab 2006 den weiteren Weg geebnet.

Eine bürgerschaftliche Initiative „Biesdorf braucht sein Schloss“, getragen vom Heimatverein, dem MHWK, BALL e.V. und engagierten Bürgern und ein Brief der Lehrerin Monika Berndt an den Bundespräsidenten Johannes Rau waren  Wegbereiter der  Vereinsgründung

Das alte neue Schloss Biesdorf jetzt als attraktiven Ort der Kunst zu entwickeln, der auf dieser reichen Geschichte fußt und für viel Bürger wichtig war und ist, ist mindestens eine ebenso große Herausforderung, wie es das Ringen um die bauliche Rettung war.

Meine politische Erfahrung bei der baulichen Rettung des Schlosses Biesdorf:

Ohne eine förderbare Aufgabe und klare Zielstellung keine Fördermittel, ohne Fördermittel keine Sanierung und kein Wiederaufbau, ohne Wiederaufbau Gefahr des nicht mehr heilbaren baulichen Verfalls.

Anders gesagt: Wenn diese umfangreichen Baumaßnahmen nicht hätten durchgeführt werden können, wäre mit großer Wahrscheinlichkeit dieses Bauwerk über kurz oder lang infolge seiner bis dahin auch verborgenen großen Schäden nicht mehr zu erhalten gewesen.

Bürgerschaftliches Engagement muss sich organisieren und mit Sachkunde agieren.

Mitwirkung und Einbeziehung der Bürger ersetzen nicht die Verantwortung des Eigentümers und der fachlich und rechtlich zuständigen Akteure des Bezirks und der Stadt (des Landes) Berlin, aber sie fordern sie heraus und unterstützen sie.

Dr. Günter Peters als Inspirator und Motor des Wiederaufbaus des Schlosses Biesdorf und Gründungsvorsitzender des Vereins „Stiftung OST-WEST-BEGEGNUNGSSTÄTTE Schloss Biesdorf e.V.“ würde am 11. August 2018 90 Jahre alt.

Wir sollten ihn angemessen würdigen.

 

Leicht bearbeitete Textfassung des mit Abbildungen ergänzten Vortrags vom 11. Januar 2018 im Schloss Biesdorf im Rahmen der gemeinsamen Vortragsreihe mit der Volkshochschule Marzahn-Hellersdorf

Dr. Heinrich Niemann im Gespräch mit dem Tagesspiegel

Vor wenigen Tagen hat der Vorstandsvorsitzende unseres Vereins, Dr. Heinrich Niemann, ein Gespräch mit online-Redakteur Ingo Salmen vom Tagesspiegel zur aktuellen Situation von Schloss Biesdorf geführt. Den Wortlaut können Sie hier lesen.


Presseerklärung unseres Vereins zum Neustart ins Jubiläumsjahr 2018

 

Mutig in das Jubiläumsjahr 2018

Schlossverein unterstützt Neustart für Schloss Biesdorf

 

Nach der beendeten Betreiberschaft durch die Grün Berlin GmbH wird der Verein Stiftung OST-WEST-BEGEGNUNGSSTÄTTE Schloss Biesdorf mit seinen Kräften dazu beitragen, um Schloss Biesdorf im 150. Jahr seines Bestehens schnell in erfolgreiches Fahrwasser zu bringen. Dazu wurde in einem konstruktiven Gespräch mit Kulturstadträtin Juliane Witt (LINKE) bereits wesentliche Übereinstimmung erzielt. Klares Ziel ist es, das Schloss als kulturellen Leuchtturm für unseren Bezirk, als attraktiven Ort der Kunst, Geschichte und Begegnung im Osten der Bundeshauptstadt zu positionieren.

Die sorgfältige Neujustierung des Konzepts für die Kunstgalerie im Schloss und das begleitende Programm an Projekten und Veranstaltungen bis hin zur Raumaufteilung ist dafür entscheidende Aufgabe. Der Förderzweck, die Erfahrungen seit der Eröffnung 2016 und auch die Erwartungen und Kritiken aus der Bürgerschaft müssen dabei berücksichtigt werden. Die Zusage der Stadträtin, unseren Verein und andere Akteure in diese Arbeit einzubeziehen, nehmen wir sehr ernst.

Die Erarbeitung eines Kooperationsvertrages zwischen dem Verein und dem Bezirksamt wurde vereinbart. Allein seit der Eröffnung 2016 hat der Verein mit über 65 Vorträgen, Führungen, anderen Veranstaltungen sowie seinen Publikationen für das Schloss Biesdorf einen beachtlichen ehrenamtlichen Beitrag geleistet.

Die BIESDORFER BEGEGNUNGEN und die Vorträge mit der Volkshochschule werden weitergeführt, ebenfalls die Führungen des Vereins zum Schloss. Den Saal des Schlosses als „Heino-Schmieden-Saal“ zu benennen, begrüßen wir sehr, hat doch der Verein eine solche Namensgebung für diesen wichtigen Berliner Architekten schon vor Jahren vorgeschlagen. Der Maler Otto Nagel soll einen würdigen Platz finden. Ein gemeinsames Veranstaltungsprogramm aller Akteure soll künftig das Publikum informieren.

„Wir wollen weiter dabei helfen“, so der Vorstandsvorsitzende Dr. Heinrich Niemann, „auch die noch skeptischen und kritischen Bürger zu gewinnen, sich ‚ihr Schloss‘  auch als neuen Ort der Kunst wieder anzueignen, seine vielschichtige Geschichte aufzunehmen und den vielen neuen Besuchern diesen so interessanten Ort im Osten Berlins zu vermitteln.  Bis zum 150. Geburtstag des Schlosses im Mai 2018, während des 19. Biesdorfer Blütenfestes, sollen die Weichen auf eine gedeihliche Zukunft gestellt werden. Dabei ist  unserem Verein auch weiterhin sein Achtpunkteprogramm zum Schlossjubiläum eine gute Grundlage“.

 

Ziele und Vorschläge 150 Jahre Schloss-8 Punkte

Berlin-Biesdorf, 6. Februar 2018


Hinter der Maske: Wahrnehmungen von der neuesten Schau im Museum Barberini

 

Seit dem 29. Oktober ist die Ausstellung „Hinter der Maske. Künstler in der DDR“ im Potsdamer Museum Barberini zu sehen. Jeweils 1000 Besucher an den ersten beiden Tagen beweisen das überragende Interesse vieler Menschen an der Kunst aus der DDR. Die Museumsleitung hat dabei berücksichtigt, dass die Zeit der Vermessung dieser Kunst aus politischen und soziologischen Blickwinkeln vorbei sei. Nunmehr „fragt Hinter der Maske. Künstler in der DDR, wie die Künstler im kritischen Blick nach innen ihr Selbstverständnis und ihr Verhältnis zur vorgeschriebenen Aufgabe reflektierten und wo und wie sie trotz staatlicher Vorgaben Spielräume für die künstlerische Kreativität fanden.“

Titel Prestel

Das Buch zur Ausstellung

Museumsgründer Hasso Plattner hat diesen Vorstoß, der auf seinem eigenen Bilderstock gründet, gegenüber der Süddeutschen Zeitung wie folgt kommentiert: „Erstens haben mich die Bilder von Malern wie Mattheuer und Tübke, aber auch vielen anderen Künstlern der ehemaligen DDR sehr interessiert. Ich verstehe nicht, warum sie in den Museen auch heute nach vielen Jahren immer noch kaum vertreten sind. Deshalb wollte ich ihnen ein Forum geben. Zweitens habe ich mit meinem neuen Museum Barberini bewusst einen Schwerpunkt auf der Kunst aus der DDR gesetzt, weil ich finde, dass die Menschen dort während der DDR-Zeit benachteiligt waren und nach der Wende nochmals ungerecht behandelt wurden.“ (SZ vom 28.10.2017)

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Museum Barberini

Neben dem Plattner-Stock besteht die Exposition aus insgesamt rund 120 Werken von über 80 Künstlerinnen und Künstlern von fast 50 Leihgebern, darunter das Kunstarchiv Beeskow (!) und das Brandenburgische Landesmuseum für moderne Kunst. Die meisten Werke aus staatlichen Einrichtungen durften nach langen Jahren erstmalig die verschlossenen Depots verlassen.

 

Öffentliche Wahrnehmung

 In der Öffentlichkeit ist die Ausstellung, zunächst im regionalen Raum, interessiert zur Kenntnis genommen worden. Auch die Rede des Bundespräsidenten zur Eröffnung hat es verdient, dezidiert angegeben zu werden.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in seiner Eröffnungsrede: „Wenn Sie mir zwei Bemerkungen zum Schluss gestatten. Der Zufall will es, dass ich vor gerade einmal zwei Wochen in Rom war und auch wieder einmal die Sixtinische Kapelle und Michelangelos Jüngstes Gericht ansehen konnte.

Wenn es je politisch oder ideologisch motivierte Auftragskunst gegeben hat, dann dort, im Palazzo Apostolico. Aber es zeigt sich an diesem unbezweifelbaren Höhepunkt europäischer Kunst eben auch, wie sich selbst in solchem Kontext der individuelle Künstler in seinem Glauben und seinem Zweifel, in seinem Selbstbildnis und seiner Auffassung von der Welt ausdrücken und künstlerisch darstellen kann. Das gilt zu allen Zeiten.

Und eine letzte Beobachtung. Im Mittelpunkt der Ausstellung hier stehen – kein Wunder, wenn es um das Selbstverständnis des Künstlers geht – Selbstporträts. Ein künstlerisches Sujet mit einer sehr langen und sehr vielfältigen Tradition in der europäischen Kunstgeschichte. Es ist erstaunlich, welche Vielfalt hier aus der DDR-Kunst zusammengetragen wurde. Und es nötigt große Bewunderung ab, mit welcher hohen künstlerischen Meisterschaft und mit welcher tiefen Reflexion hier der einzelne Künstler – wie man mit Recht sagen kann – an sich gearbeitet hat.“

Sabine Schicketanz und Sarah Kugler in Potsdamer Neuesten Nachrichten: „Dafür gibt es ein (freiwilliges) Stelldichein mit den anwesenden ausgestellten Künstlern und Steinmeier, im Museumscafé sollen sie ins Gespräch kommen können miteinander. Ronald Paris ist dort, auch Maler Hartwig Ebersbach. Für Paris ist klar, so hat er es Steinmeier aufgeschrieben: Es drohe wieder eine Abwertung der DDR-Kunst, besonders der Auftragskunst, der Bilder aus dem Palast der Republik. Diese seien keine ‚reinen Propagandabilder‘, wie es nun ‚inkompetente Polemiken‘ erneut behaupteten.

Abwertung, Aufwertung, der Grad bleibt schmal. Die Besucher, die am gestrigen Sonntag das Barberini besuchen, scheinen jedenfalls begeistert. Trotz Sturm und Regen, ist das Museum am Nachmittag gut gefüllt, im Erdgeschoss drängen sich die Menschen dicht. Die 22-jährige Christina Langhorst ist mit ihrer Mutter extra aus Braunschweig angereist. In erster Linie wegen des Hauses selbst, gibt sie zu, aber die Ausstellung gefällt ihr gut. Besonders ‚Tagebuch‘ von Thomas Ziegler habe es ihr angetan – eine Sammlung von 28 Selbstporträts des Malers in einem Bild.“

Harald Kretzschmar im nd: „87 Namen stehen für einen Ausschnitt aus einer Fülle zur Geltung gekommener Begabungen. Ölmalerei dominiert. Fotografisches und Konstruktives abstrahiert. Plastisches akzentuiert. Bronzen füllen den Mittelsaal der ersten Etage. Da können einem schon die Augen übergehen. Schlichtes Menschenmaß herrscht. Anrührendes Menschwerden wird spürbar. Die schon zahlreiche Besucherschar des ersten Öffnungstages war baff. Wie konnte man nur so viel variable Ausdruckskraft in jene Menschendarstellung investieren, die anderswo damals längst als unmodern abgehakt war?

Fragen über Fragen. Das Verwunderlichste: Reihenweise hängen da Bilder, die sowohl Selbstbewusstsein wie auch Zweifel ausdrücken. Dienst an der Kunst nach Vorschrift – so hieß es doch immer. Und nun dies? In welcher Bildecke taucht denn nun der gebietende Staat auf? Ach so, der bestand auf der Erkennbarkeit der Welt. Wieso dann aber diese Ausflüge ins Abstrakte, ins Nackte, ins Vertrackte? Kunstbonzen als Malerfürsten sind wohl doch eine Legende. Sparen wir uns ihre Namen. Es gibt genug andere.“

 

Thomas Ziegler: eine Wiederentdeckung

Schauen wir auf das Bild von Thomas Ziegler, das „Tagebuch“. Thomas Ziegler ist Jahrgang 1947, er starb überraschend vor drei Jahren am Silvestertag 2014. Bevor er sein Kunststudium in Leipzig aufnahm, hatte er in Jena sechs Semester Sozialpsychologie studiert. Man merkt seinen Bildern die psychologische Grundierung an.

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Das Tagebuch von Thomas Ziegler im Barberini (Foto: B.Settnik)

 

Es wird, so erfahren wir in den Potsdamer Neuesten Nachrichten, vom Publikum besonders intensiv betrachtet. Es ist das einzige Bild aus dem Kunstarchiv Beeskow, das es ins Barberini geschafft hat. Auf den ersten Blick wirkt es monoton: 28 Selbstporträts desselben Menschen. Ziegler aber ist Tübke-Schüler, seine Selbstporträts sind an den Arbeiten alter Meister ausgerichtet: feine Detailbeobachtung und Anwendung von Lasur. Er nennt es Mischtechnik auf Hartfaser oder Leinwand. Seinen Stil bis 1990 führt er selbstbewusst als Leipziger Schule an.

Ziegler, an dessen Namen ich mich zunächst nicht mehr erinnern konnte, hat hingegen ein Bild gemalt, das in der Perestroika-Periode in der DDR für einen Paukenschlag sorgte und damals in  aller Augen war: Vier Sowjetsoldaten von 1987.

Sowjetische Soldaten 1987

(Foto: Kunstarchiv Beeskow)

 

Das Bild war parteiseitig höchst umstritten. Thomas Ziegler hatte die vier Porträts in Eigeninitiative ausgeführt und sie dann an die Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft verkauft. Prompt bekam er 1988 von der DSF entgegen der Staatsräson noch deren Kunstpreis. Auf der X., der letzten Kunstausstellung der DDR, gehörte das Bild zu den vieldiskutierten Werken. So differenziert hat eben Auftragskunst funktioniert. Die Soldaten gingen 1989/90 gemeinsam mit  anderen Werken auf eine Reise in die USA: „Twelve Artists from the GDR“ – es war die erste und letzte offizielle Kunstausstellung aus der DDR in den Vereinigten Staaten. Herbert Schirmer holte die Tafel dann nach Beeskow, was Ziegler sehr bedauert hat; er wollte seine Protagonisten in Freiheit sehen.

Thomas Ziegler blieb nach der Wende ein hochaktiver Künstler. Inspiriert von einem Nikaragua-Aufenthalt Ende der 1980er Jahre wandte er sich dem Surrealismus zu, beginnt mit Pleinair-Malerei, lässt sich von vielen Dingen anregen. Er malt und zeichnet Landschaftliches, in dem die Gegenständlichkeit aufgelöst wird, ohne in Abstraktion zu verfallen. Zuletzt wird die unmittelbare Wahrnehmung zu malen zur Obsession… Seine Frau Carmen Ziegler hat ein digitales Archiv aufgebaut, in dem Sie weitere Details seines umfangreichen und noch längst nicht abgeschlossenen Werkes nachverfolgen können.


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Thomas Ziegler, 2009

Ein einziges Werk im Barberini, das aus Beeskow stammt, hat für mich ein anspruchsvolles Künstlerleben erhellt. Bei der Eröffnung der 3. ZKR-Ausstellung „Blick Verschiebung“ fragte mich am Ende eines kontroversen Gespräches die Direktorin des Brandenburgischen Landesmuseums für moderne Kunst, Frau Kremeier, was ich mir denn für das ZKR Schloss Biesdorf an Ausstellungen wünschte. Ich antwortete, dies sei mit den Fördermittelgebern fest vereinbart: eine Galerie „Bilderstreit“ in einer Ost-West-Begegnungsstätte. Jetzt will ich konkretisieren: ich wünsche mir Ausstellungen mit Bildern von Thomas Ziegler und all den anderen bildenden Künstlerinnen und Künstlern, die in Beeskow, Frankfurt/O. und Cottbus lagern und heraus wollen aus ihren Magazinen, um uns ihre Geschichten zu erzählen – die wir sehen und hören wollen…

 

(Axel Matthies)