Als Biesdorf noch zum Niederbarnim gehörte: Auf den Spuren Fontanes durch den Osten Berlins


Im Rahmen unserer gemeinsam mit der VHS Marzahn-Hellersdorf organisierten Veranstaltungsreihe gab es am 17. Januar 2024 im restlos gefüllten Heino-Schmieden-Saal des Schlosses Biesdorf einen Vortrag zu diesem Thema. Die Spuren wurden in den „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ gesucht. Dieses in vier Bänden erschienene Werk hat Theodor Fontane (1819-1898) in den Jahren 1862 bis 1882 geschrieben. Die Spurensuche bezog sich auf die Gemeinden des 1815 gegründeten Landkreises Niederbarnim, die 1920 in Berlin eingemeindet wurden und überwiegend den damaligen Stadtbezirken Pankow, Weißensee, Prenzlauer Berg und Lichtenberg zugeordnet wurden. Der Vortragende Prof. Gernot Zellmer wollte die Frage beantworten, welche dieser Orte Fontane bei seinen Wanderungen besucht hat, was ihn an diesen Orten interessierte und was er Erinnerungswertes für die Nachwelt aufgeschrieben hat.

Prof. Gernot Zellmer sprach vor vollbesetztem Saal

Der Landkreis Niederbarnim war damals, wie die Reichshauptstadt Berlin, eine extrem dynamisch wachsende Region. Die industrielle Revolution war insbesondere seit der Reichsgründung auf einem Höhepunkt angelangt: die Produktion wuchs unaufhörlich und mit ihr die Suche nach Arbeitskräften. Mit speziellen Kärtchen wies Prof. Zellmer darauf hin, wie die von Fontane besuchten Orte expandierten.


Die Frage, wann und warum Fontane die Orte im Niederbarnim besuchte, lässt sich für sechs Dörfer leicht beantworten, denn Fontane hatte ihnen in seinem Werk einen speziellen Aufsatz gewidmet. Sehr ausführlich hat er über seine Besuche (1862 und 1870) in Friedrichsfelde (das bis 1699 noch Rosenfelde hieß) berichtet, das für ihn als „Charlottenburg des Ostens“ gelten durfte. Fontane schreibt – vor 1700 beginnend – über die Besitzer des Gutes, über die in diesen Jahren erfolgten Umgestaltungen des 1719 erbauten Schlosses und des Parks. Detailliert schildert er die Innenausstattung des Schlosses zum Zeitpunkt seiner Besuche, die zum großen Teil auch heute noch zu bewundern ist.

Das Schloss Friedrichsfelde in einer Darstellung
aus dem Jahre 1828


Anlass für die Fahrt nach Malchow im Jahre 1878 war die Aussage in einem Essay über den brandenburgisch-preußischen Staatsmann Paul von Fuchs (1640 – 1704), dass dieser in der Gruft zu Malchow beigesetzt wurde. Fontane gesteht, dass dieser Hinweis eine „Malchow-Sehnsucht“ in ihm weckte. Er beschreibt zunächst den Reiseweg: Omnibusfahrt bis zum Alexanderplatz, Pferdebahn bis Weißensee und dann per pedes nach Malchow. (Ein anschauliches Beispiel, wie Fontane zu seinen Wanderzielen gelangte, wobei er auch mit der Postkutsche, dem Schiff und später der Eisenbahn unterwegs war.) Zu seinem Bedauern war die Gruft zugeschüttet, aber mit Hilfe des Pfarrers Albert Hosemann (1840 – 1906), der ab 1885 Superintendent in Biesdorf war, erhält er anhand des Kirchenbuches und des Taufregisters einen Einblick in die Lebensumstände des Paul von Fuchs. Eine Berliner Ehrentafel am ehemaligen Gutshaus erinnert noch an dessen Besitzer. Die Kirche wurde 1945 von der Waffen-SS gesprengt und später nicht wieder aufgebaut.

Gedenktafel in Malchow


Im Juni 1860 wandert Fontane mit seinem Verleger Wilhelm Hertz nach Buch, das 15 Kilometer entfernt liegt. Er beschreibt den Park und das Schloss, dessen große Einfachheit er hervorhebt: „Das Haus gleicht einem einfachen altmodischen Kleid, aber der Park, der es einfasst, ist ein reicher Mantel, der die Frage nach dem Schnitt des Kleides verstummen lässt.“ Neben der Kirche interessiert ihn insbesondere die Gruft, deren Besichtigung er zum Anlass nimmt, um über die märkischen Adelsfamilien zu erzählen, die über fünf Jahrhunderte die Entwicklung des Dorfes Buch geprägt haben. Das Schloss wurde 1964 abgerissen, während die Kirche Anfang der 1950er Jahre rekonstruiert wurde (allerdings ohne den Turm, dessen Wiederaufbau gegenwärtig im Gange ist). Im wunderschönen Park gibt es seit 2023 wieder das von Fontane beschriebene Grabmal für Julie von Voß (1766-1789) zu sehen, das 1956 mutwillig zerstört wurde.

Grabmal Julie von Voß

Nach Falkenberg reiste Fontane, um in der Leichenhalle der Dorfkirche die Särge der Eltern des Bruderpaares Wilhelm und Alexander von Humboldt zu besichtigen. Auch diese Kirche wurde 1945 von der Waffen-SS gesprengt. Eine 1969 errichtete Gedenkmauer erinnert an die Familiengruft der von Humboldts.


In seinem Aufsatz über den Müggelsee, den er 1860/61 mehrmals aufsuchte, erwähnt Fontane auch das aus wendischen Zeiten stammende Rahnsdorf. Viele Jahre später erschien ein Aufsatz mit dem Titel „Rahnsdorf“, in dem er feststellt, dass „Rahnsdorf … seiner schönen Lage halber, immer eine Anziehungskraft für die Residenzler (hatte), die hier, in einer zerstreuten Villenkolonie, die heiße Jahreszeit zuzubringen liebten.“ Fontane erzählt dann im Weiteren allerdings die Geschichte des Fähnrichs Alexander Andersen, der unter dem Vorwurf der Spionage 1870 von einem französischen Kriegsgericht zum Tode verurteilt worden war.

Blick auf Rahnsdorf, vorn die historische Ruderfähre

Auslöser für Fontanes Reise 1860 nach Blankenfelde war die Beschreibung der dortigen Kirche in einer Chronik aus dem Jahre 1707, die Joachim Ernst von Grumbkow (1637 – 1690) als Erbbegräbnis seiner Familie ausgewählt hatte. Aus der Beschriftung des Grabsteins, den er neben der zugeschütteten Gruft entdeckte, zieht Fontane den richtigen Schluss, dass von Grumbkow woanders beerdigt sein muss. Der Grabstein ist heute an der Nordseite der Kirche angebracht. An dem von Grumbkow finanzierten Anbau der Kirche findet man noch eine Sandsteinplatte mit dem Familienwappen aus jener Zeit.


Auf der weiteren Spurensuche findet man dann Orte, über die Fontane berichtet, ohne ihnen einen speziellen Aufsatz zu widmen. In seinem Essay über den Müggelsee stellt er auch das Dorf Friedrichshagen vor. Er berichtet dann allerdings ausführlich nur über die Müggelbaude, ein Gasthaus am anderen Ufer der Spree. (Seit 1872 stand an dieser Stelle das „Müggelschlößchen“, das im April 1945 zerbombt wurde.) Der große märkische Dichter schreibt: „Die Spree, sobald sie sich angesichts der Müggelberge befindet, bildet ein weites Wasserbecken: den Müggelsee, der mit zu den größten und schönsten unter den märkischen Seen zählt.“ Und weiter: „Am Müggelsee selber, den nichts wie Sandstreifen und ansteigende Fichtenwaldungen einfassen, erhebt sich ein einziges Haus: die Müggelbude. Auf einer vorspringenden Sanddüne gelegen, die sich vom Westufer aus in die Müggel hinein erstreckt, ist sie der geeignetste Punkt, um den See und seine Ufer zu überblicken; ist Leuchtturm, Fischerwohnung und Fährhaus zugleich, aber vor allem ist sie doch Gasthaus.“

Das historische Müggelschlößchen


Julie von Voß, über die Fontane im Aufsatz „Buch“ erzählt, hat viele Jahre im Schloss Niederschönhausen verbracht. In den „Wanderungen“ gibt es zahlreiche Hinweise auf diese königliche Residenz, aber keine detaillierte Beschreibung.


Ebenfalls im Aufsatz „Buch“ beschreibt Fontane in einer Fußnote Stücke der Ausstattung der Dorfkirche in Hohenschönhausen (heutige Taborkirche), die nur noch in geringem Maße erhalten sind.


Mehrfach verweist Fontane in den „Wanderungen“ auf den Turm der Kirche zu Stralau, den er als „malerische Feinheit Schinkels“ beschreibt. Untersuchungen im Jahre 1886 ergaben allerdings, dass der Turm kein Werk von Schinkel, sondern von Langerhans ist. Friedrich Wilhelm Langerhans war seit 1805 Baustadtrat in Berlin und spezialisiert auf die Rekonstruktion von Kirchenbauten.


Spuren führen auch nach Französisch Buchholz, Pankow und Weißensee, die Fontane als Zwischenstationen auf seinen Wander- und Reisewegen benennt.


Die Dörfer Blankenburg, Karow, Marzahn und Wartenberg verdanken zum Beispiel ihre Erwähnung in den „Wanderungen“ dem Umstand, dass sie im wechselnden Besitz märkischer Adelsfamilien waren, von denen Fontane erzählt. Biesdorf und Lichtenberg werden von Fontane als Ausflugsziele der Herren von Schloss Friedrichsfelde genannt.


1883 – nach der Vollendung der „Wanderungen“ – trug sich Fontane mit dem Gedanken, ein vierbändiges Werk „Geschichten aus Mark Brandenburg“ zu schreiben. Bei den vielfältigen Überlegungen zum möglichen Inhalt spielten auch Kirchen- und Kirchhofsdenkmäler in den märkischen Dörfern eine Rolle. Auf diese Weise hätten neben den schon genannten niederbarnimschen Dörfern auch Spuren nach Heinersdorf, Kaulsdorf und Rosenthal geführt. Aber durch die 1878 begonnene Arbeit an seinem erzählerischen Werk (über 20 Romane) hatte Fontane keine Zeit, seine Brandenburger Geschichten zu vollenden.

Theodor Fontane an seinem Schreibtisch

vom: 24.01.2024