Im Februar 2024 hatte der Filmwissenschaftler Dr. Ralf Forster einen bildgestützten Vortrag gehalten zum Thema „Otto Nagel und der Film“, nun, am 24. September 2025, folgte ein Beitrag mit Dokumentarfilmen aus der DDR über Otto Nagel. Er hatte dazu Dokumente aus dem Deutschen Rundfunk Archiv und dem Bundesfilmarchiv abgerufen. Im erstgenannten Beitrag ging es insbesondere um Nagels Begeisterung für den Film – vor allem um „Mutter Krausens Fahrt ins Glück“ -, im jetzigen um erste Würdigungen und Einordnungen des Berliner Ehrenbürgers Otto Nagel in die Kunstgeschichte der DDR.
Basis dafür waren ein Dokfilm über Otto Nagel, Filme über Walli Nagel und ihre Erinnerungen sowie Material über das Otto-Nagel-Haus am Märkischen Ufer.
Zuerst zeigte Ralf Forster Ausschnitte aus Karlheinz Munds Film „Otto Nagel 1894 – 1967″ von 1970. Wir hatten diesen Film schon komplett in Anwesenheit des Filmschöpfers im Mai 2024 im Schloss Biesdorf gezeigt. Er lief zuvor in der erfolgreichen Eberswalder Nagel-Ausstellung „Menschensucher und Sozialist“ im Winterhalbjahr 2022/23. Karlheinz Mund hatte diesen Film in kühlem Schwarzweiß mit präzisen, unideologischen Kommentaren gedreht. Die DEFA-Stiftung resümiert knapp: „Selbstäußerungen Nagels werden mit seinem Werk zu einer Synthese geführt.“
Sodann ging es zu Auftritten Walli Nagels, des Malers Ehefrau, in Dokumentarfilmen. Die Filmemacher, so Ralf Forster, hofften immer auf neuartige Erkenntnisse der Ehefrau, die stets beredt bei der Sache war. Der Regisseur Eduard Schreiber fuhr für den Film „..als ob es gestern wär’“ 1976 mit Walli eigens nach Leningrad, um ihr Erinnerungen zu entlocken. Walli sprach über ihre Familie, über Vater und Mutter und ihre Geschwister. „Ein Bruder ging nach Sibirien – Goldwäscherei.“ Wenn sie verreisten, war immer viel Essen dabei, Eier, natürlich Brot und Salz, Zucker und Tee. „Der russische Mensch ist nie ohne weggefahren…“ Die Familie war keine ganz gewöhnliche – alle hätten für Russland gelebt, waren Patrioten.
Aber Walli, so Forster, entwickelte in ihren Filmauftritten auch eine eigene Dramaturgie für ein dauerhaftes Gedenken an den Maler Nagel. Immer wieder verwies sie auf die völlig ungewohnten Lebensumstände der Armut im Haushalt Otto Nagels. „Als ich in Deutschland ankam“, so Walli, „war alles neu – aber ich war verliebt.“ Sie sei in die Partei aufgenommen worden, habe immer für die Partei gearbeitet, auf Veranstaltungen, manchmal habe sie auf russisch gesungen und so weiter. Aber die Partei war arm und das wenige Geld musste gerecht verteilt werden. „Ich weiß noch wie heute: der Eissler hat gesagt, ich brauche nicht, aber der Busch muss kriegen. Hat er 5 Mark in seine Manteltasche bekommen!“
Einige Jahre später wird am 4. August 1981 im 1. Programm des DDR-Fernsehens der Dokfilm „Die Frau des Malers – Lebenserinnerungen von Walli Nagel“ von Klaus Wedler und Roland Kretzschmar gezeigt. Hier schlägt Walli einen großen Bogen vom eigenen Leben zu dem ihres Mannes; damit zu ihrem gemeinsamen. Wieder beginnt sie mit der Armut. In der kleinen Wohnung hätten, als sie mit Nagel 1925 erstmals nach Berlin kam, vier Betten gestanden, das Klo war auf der Treppe. „Hat er mir gesagt, er hat eine kleine Tochter, sieben Jahre.“ Und Ottos Bruder Paul sei auch noch da gewesen, mit so einem Kaiser-Wilhelm-Bart! Die erste Nacht sei die schrecklichste gewesen! Und oft wurde ein Bild verkauft für ein Pyjama oder eine Jacke oder sonst etwas. So etwas, staunte Walli, kannte sie aus der Sowjetunion nicht. Nun ja – ein sehr schwieriger Beginn…
Es war eine schwierige Zeit, aber dann kam, so Walli, das Jahr 1933 – „alles wurde noch schwerer“. Sie seien nicht in die Emigration gegangen, ihr Mann habe Angst gehabt, Deutschland zu verlassen. Es müssten doch welche bleiben, die noch geistig denken können. Aber 1934 kamen zehn SA-Männer in ihre Wohnung und hätten alle Bilder, die an der Wand hingen, in den Hof geworfen. Natürlich waren sie sofort zerstört. Aber geistesgegenwärtig konnte sie die Lenin-Totenmaske, die sich im Nagel-Haushalt befand, retten: sie warf ihre Küchenschürze über die Totenmaske mit der Entschuldigung: „Ich kann Sie doch nicht mit der Schürze empfangen!“
Walli Nagel berichtet dann über die Inhaftierung ihres Mannes im KZ Sachsenhausen. Sie bekam einen Brief mit Datum 18.4.1937, in dem Otto Nagel um etwas Geld bat, um sich in der Kantine etwas kaufen zu können. Er rät Walli, in seiner Abwesenheit russische Heiligenbilder zu veräußern. „Du sollst nicht hungern, hat er mir geschrieben.“ Sie habe alles versucht, um ihn aus dem Lager wieder heraus zu holen. Sie spielte die Grande Dame, ging ins Polizeipräsidium am Alexanderplatz und sprach dort mit dem Kommandanten. Sie hätte auch das große Speiseservice ihrer Mutter abgegeben. 17 Tage lang ging sie allen auf den Geist, wie sie erzählt. Sie stamme aus einer großen Familie, und wenn ihr Mann getötet werden sollte, müsse sie es doch allen erzählen, das sei doch klar. Schließlich sei Nagel entlassen worden und er habe gleich ein Selbstporträt von sich gezeichnet.
Leider gibt es in den Filmen keine Fragen nach den letzten Lebensjahren, in denen Otto Nagel von seiner Präsidentschaft der Akademie der Künste abberufen wurde. Auch seine Abwehr gegen den flächendeckenden Abriss der erhaltenen Altbestände auf der Fischerinsel findet kaum Platz. Aber Walli deutet an, wie gerne der alte Maler sein Alt-Berlin hatte. Eines Tages würden die Leute verstehen, wie schön dieser Teil der Stadt war – sie würden es sehen auf den Bildern von Otto Nagel.
Ralf Forster interpretierte die Aussagen in den Dokfilmen zurückhaltend. Er verzichtet auf schnelle, fixe Wertungen. Er lässt sich auf das Material ein und neigt zu vorläufigen und unspektakulären Meinungen. Auffällig ist im Rückblick, dass es keinen einzigen Film gibt, in dem Otto Nagel befragt wird und selbst argumentiert.
Zum Abschluss gab es Ausschnitte zur Arbeit des Otto-Nagel-Hauses am Märkischen Ufer und einem dort ansässigen Malzirkel für Schüler in dem Film „Das Malen ist mir keine Sache der Äußerlichkeit“ von 1980 zu sehen. Dieser Anspruch Nagels ist den Schülerinnen und Schülern wichtig. Und so heißt es am Ende: „Nagels Erbe ist in guten Händen… Ganz im Sinne Otto Nagels wurde Kunstbetrachtung durch eigenes schöpferisches Tätigsein bereichert und so sein künstlerisches Erbe lebendig gehalten.“ Dieser Film gelangte zu keiner öffentlichen Aufführung.
Im Nachklang der Veranstaltung wurde mir deutlich, dass es in den 1980er Jahren keine weiteren Filme oder bemerkenswerte Textbeiträge zu Otto Nagel in der DDR gegeben hatte. Das Vergessen des Berliner Malers und Ehrenbürgers begann in dieser Zeit.
(Axel Matthies)



