PETRI – forschen und erinnern im Herzen Berlins

Seit dem Sommer 2025 gibt es das PETRI Berlin an der Gertraudenstraße 8; es ist der zentrale Ort für die Berliner Stadtarchäologie. PETRI Berlin ist eine Kooperation zwischen dem Museum für Vor- und Frühgeschichte der Staatlichen Museen zu Berlin und dem Landesdenkmalamt. Auf rund 1.200 Quadratmetern sind dort Ausstellungsflächen, Labore und Werkstätten untergebracht. Der Verein „Denk mal an Berlin“ lud zu einer Führung durch das Haus ein, die wir gerne annahmen. Ein Motiv war auch, dass das PETRI genau jene Schichten der Berliner Geschichte analysiert und darstellt, die Otto Nagel die „alte Stadt“ nannte.

Die Führung oblag der Leiterin der Einrichtung Frau Dr. Anne Klebitz. Sie eröffnete im Grabungsgeschoss. Das Grabungsgeschoss konserviert die Stelle, wo zwischen 2007 und 2009 gegraben wurde: auf dem ehemaligen Parkplatz des Ministeriums für Bauwesen an der Brüder-, Ecke Scharrenstraße. Archäologen fanden dort Siedlungsspuren aus der Gründungszeit von Berlin – exakt von Cölln, das früher eine eigenständige Stadt neben Berlin war. Außerdem entdeckten sie Fundamentreste einer mittelalterlichen Lateinschule aus dem 14. Jahrhundert und die Grundmauern der über die Jahrhunderte immer wieder neu errichteten Petrikirche. Die Lateinschule war der Ideengeber für die Errichtung des PETRI als Erinnerungs- und Forschungsort.

Diese Ausgrabungen können nun im Grabungsgeschoss aus der Nähe bestaunt werden. „Bei uns trägt dieses Geschoss den Titel ‚Archäologisches Fenster‘, weil man eben direkt auf einer archäologischen Grabung ist“, erklärt Anne Sklebitz. „Das ist ja ein originaler Ort, der ausgegraben wurde, und deswegen hat der Ort auch eine ganz besondere Aura.“ Auch die Gebeine der ältesten Bewohner der heutigen Bundeshauptstadt, die auf dem Kirchhof der ehemaligen Petrikirche unterirdisch gefunden wurden, es waren 3872, finden teilweise im Untergeschoss in einem Ossarium ihre letzte Ruhe. Ein Ossarium ist ein überdachter Raum, der zur Aufbewahrung von Gebeinen bestimmt ist. Knochen heißen im Lateinischen ossa.

Die Petrikirche war immer die erste, größte und höchste Kirche (bis auf Ausnahmen) in der historischen Doppelstadt Cölln-Berlin, ab 1709 nur noch Berlin. Das blieb so bis ins Jahr 1964, als die kriegszerstörte Kirche nicht saniert sondern abgebrochen wude. Im PETRI bildet sie einen Schwerpunkt der Darstellung.

Die Kirche St. Petri war die Stadtpfarrkirche von Cölln, westlich der Spree gelegen, und mit Berlin durch den Mühlendamm verbunden. Nicht weniger als fünf Kirchen standen nacheinander am gleichen Ort. Der letzte Bau, 1853 errichtet, wurde 1945 schwer beschädigt, die Ruine später entfernt.

Obwohl Cölln und Berlin im 13. Jahrhundert nicht über mehr als je 2000 Einwohner verfügten, begannen beide Städte mit der Errichtung von Kirchen um 1230. Das waren in Cölln die ehemalige Petrikirche und in Berlin die heutige Nikolaikirche. Das Jahr 1230 ist für beide das vermutete Jahr der Stadtrechtsverleihung. Im Grabungsgeschoss ist eine virtuelle Rekonstruktion der Geschichte der Petrikirche installiert.

Die Petrikirche befand sich bereits im 14. Jahrhundert in schlechtem Zustand. Wegen religiös-politischer Spannungen und einem anschließenden kirchlichen Interdikt (Verbot gottesdienstlicher Handlungen) waren dort annähernd zwei Jahrzehnte keine Messen mehr gehalten und keine Sakramente mehr gespendet worden, sodass der Bauzustand erheblich litt. Daher wurde um 1379 mit dem Umbau des Gotteshauses im gotischen Stil begonnen. Die schlichten Fassaden gliederten nun schmale Lanzettfenster. Ein reich geschmücktes zweiteiliges Südportal mit Kielbogen lässt die früheste Ansicht der Kirche erkennen. Von der Ausstattung der Petrikirche ist bekannt, dass sie 24 Altäre enthielt. 1505 stiftete der Bäckermeister Fritze die Marienkapelle, die an der Südseite angebaut wurde. 1606 erhielt die Kirche eine hölzerne Kanzel mit reichem Schnitzwerk.

Die gotische Petrikirche um 1690
Foto: Wikimedia

Die um 1379 begonnene Kirche hat 351 Jahre lang am Petriplatz gestanden, bis sie am 29. Mai 1730 dreimal vom Blitz getroffen wurde und abbrannte. Cölln und Berlin hatten sich im Jahr 1709 zusammen geschlossen, auch die Kirchenorganisation wurde entsprechend angepasst. Ab 1717 erfolgte ein umfangreicher Umbau der Kirche, nunmehr im barocken Baustil. Dabei hatte es größere Probleme mit der Standfestigkeit des Kirchturms auf dem sandigen Untergrund gegeben. Schließlich wurde der Turm aus Sicherheitsgründen zurückgebaut.

Der damalige König Friedrich Wilhelm I. bedang sich jedoch einen Turm aus. Deshalb begann 1726 der Turmneubau, der 108 Meter in die Höhe ragen sollte, auf dem alten Unterbau. Kurz vor der Vollendung setzte am 29. Mai des Jahres 1730 ein Blitzeinschlag den hölzernen Turm und das Baugerüst in Brand, wobei auch die Kirche großen Schaden nahm. Auf königlichen Befehl erfolgte unmittelbar nach diesem Schock der Neubau. Einen großen Teil der Baukosten beglich Friedrich Wilhelm I. aus seiner eigenen Schatulle. Am 27. Juli 1731 fand die Grundsteinlegung statt. Am 28. Juni 1733 wurde die Kirche eingeweiht. Der Turm war zu dieser Zeit noch nicht fertig und der König drang auf die Beschleunigung der Arbeiten. Am Abend des 21. August 1734 stürzte der neue Turm ein und zerstörte das Kirchenschiff und zwei Häuser in der Scharrenstraße.

Die barocke Petrikirche mit Stummelturm nach der Reparatur. Blick vom Schloss durch die Breite Straße. Foto: Wikimedia

Nach diesem erneuten Schock wurde die neue, barocke Kirche repariert, aber es wurde kein Kirchturm mehr errichtet. Schließlich brach in der Nacht vom 19. zum 20. September 1809 im Inneren der Kirche ein Feuer aus. Es gelang nicht mehr, den Brand unter Kontrolle zu bringen. Am nächsten Morgen waren die Kirche und die umliegenden Marktbuden ein Raub der Flammen geworden. Das Feuer war in der Kirchenvorhalle ausgebrochen, wo Besitzer der Marktbuden einige Sachen gelagert hatten. Vermutlich hatte ein nicht ganz gelöschtes Kohlebecken den Brand verursacht.

Vor Überlegungen zum Wiederaufbau der Petrikirche bestanden Probleme mit dem Abtragen der hohen, barocken Kirchenruine. Letztlich erklärte sich ein Mauermeister Berger bereit, den Abriss zu wagen. Er trug die Kirchenruine innerhalb von zwei Jahren ab. Statt einer Kirche sollte nun ein Stadtplatz geschaffen werden. Diese Pläne scheiterten jedoch aus verschiedenen Gründen an den Bürgern. Dann wurde über einen Neubau der Kirche an einer anderen Stelle nachgedacht, weil schon damals ein Mangel an öffentlichen Plätzen in der Stadt bestand. Außerdem befürchteten die Besitzer der umliegenden Häuser einen Wertverlust ihrer Häuser, wenn eine Kirche sie verschatten würde. Die Pläne zur Erbauung der Kirche anderswo scheiterten jedoch daran, dass die Kirchgemeinde kein Geld für einen Grundstückskauf hatte.

So wurde im Jahr 1846 am alten Platz mit dem Neubau der St. Petri-Kirche begonnen. Am 3. August 1847 erfolgte die Grundsteinlegung. In den Grundstein wurden die im früheren Grundstein gefundene Kupfertafel, 12 Münzen, eine Votivtafel vom 27. Juni 1731, ein Berliner Adress-Kalender des Jahres 1847, ein Verwaltungsbericht der Stadt Berlin für die Jahre 1829-1840, ein Verzeichnis der an der Armenpflege beteiligten Personen, ein Buch zur Geschichte der Petrikirche von Dr. Valentin Schmidt, sowie Stücke der zu dieser Zeit kursierenden Gold- und Silbermünzen und die auf Porzellan gebrannten Pläne und Abbildungen der neuen Kirche und noch weitere Unterlagen eingemauert. (Der Grundstein war bei der Auffindung im Jahr 2007 jedoch leer.) Durch das Revolutionsjahr 1848 stand weniger Geld für den Kirchenbau zur Verfügung, aber aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit konnten mehr Arbeiter eingestellt werden. Am 18. Oktober 1849 wurde das Richtfest für die Kirche gefeiert. Am 17. Mai 1852 war der 111 Meter hohe Turm fertig. Er war damals das höchste Bauwerk in Berlin. Am 16. Oktober 1853 wurde die neue Kirche eingeweiht.

Die neogotische Petrikirche 1863 auf einem Gemälde von Eduard Gärtner. Blick durch die Brüderstraße.

Am Ende des 2. Weltkrieges erlitt das Haus schwere Schäden und wurde dann bis 1964 abgetragen. Auf der nunmehrigen Fischerinsel wurde ein Hochhauskomplex mit moderner Infrastruktur errichtet. Wir schilderten die Geschichte des Gotteshauses ausführlich, weil sie im öffentlichen Bewußtsein kaum bekannt ist.

Das PETRI bewahrt aber auch Stücke, die erst im vorigen Jahrhundert entstanden sind. Die Geschichte dieses Berliner Skulpturenfundes beginnt 2010. Die U5 sollte verlängert und der neue U-Bahnhof Rotes Rathaus gebaut werden. Bei Grabungen wurden 16 Skulpturen gefunden. Doch was hat man hier entdeckt? Eine Kunsthistorikerin identifizierte die Skulptur „Schwangere“ von Emy Roeder. So kommt man dem Geheimnis auf die Spur. Das Objekt ist 1937 von den Nazis in der Propagandaschau „Entartete Kunst“ gezeigt worden. Die Skulpturen sind damals in einem Depot aufbewahrt worden, das bei einem Bombenangriff zerstört wurde.

Gemälde und Grafiken verbrannten, übriggeblieben sind nur die Skulpturen. Sie haben damit Patina, sind vom Feuer gezeichnet und teils zerbrochen. Als „entartet“ diffamierte das NS-Regime Kunstwerke, deren Ästhetik nicht in das von den Nationalsozialisten propagierte Weltbild passte. Die Berliner Ausstellung zeigt etwa Werke von Edwin Scharff, Marg Moll, Otto Freundlich, Will Lammert und Richard Haizmann. Zu diesen Skulpturenfunden gibt das PETRI eine eigene Dokumentation heraus. Übrigens: in der großen Ausstellung „KLASSE DAMEN“ im Schloss Biesdorf im Sommer 2019 waren auch Arbeiten von Marg Moll zu sehen.

Skulpturenfunde im PETRI

Schließlich bekommen die Besucher Kontakt zu den realen Werkstätten und Magazinen vom Landesdenkmalamt und dem Museum für Vor- und Frühgeschichte. Wochentags kann den Mitarbeiter*innen durch Glasfenster über die Schulter geschaut werden. In den davor liegenden Ausstellungsbereichen erklären interaktive Stationen die Tätigkeiten, die im Zuge einer Ausgrabung wichtig sind und für die viel Fingerspitzengefühl gefragt ist. Im Anschluss führte der Rundgang in den Bereich Restaurierung mit Blick in die Werkstätten. Ausstellungsstationen zeigen, welche Arbeitsprozesse zum Erhalt bestimmter Materialien notwendig sind.

Das PETRI verfügt in seinem Obergeschoss über einen großen Balkon, von dem aus man einen großartigen Blick auf die „alte Stadt“ hat. Doch sie ist kaum zu erkennen. Das Fischerinsel-Ensemble ist bereits weitgehend nachverdichtet, der immer beklagte ehemalige Parkplatz des Ministeriums für Bauwesen nun durch kompakte Betonklötze überbaut. Die neuen Kubaturen sollen an die alten Bauten erinnern: so das Hotel „Capri“ an das ehemalige Cöllnische Rathaus und das im Bau befindliche „House of One“ (ein multireligiöser Kirchenbau) an die ehemalige Petrikirche. Aber der Ensemblecharakter der Insel ist nicht mehr zu erkennen. Sogar die kleine Traditionsinsel unmittelbar an der Gertraudenbrücke ist gnadenlos abgedrängt. Unlängst schrieb Claudius Seidl in der „Süddeutschen Zeitung“:

„Das große kulturelle Projekt Berlins war es aber, die Spuren zu verwischen und den Blick auf die Geschichte komplett zu versperren – und zwar mit klobigen rechteckigen Kästen, alle gleich hoch, 22 Meter, die Traufhöhe Berlins; alle gleich falsch, Beton mit einer Sandsteinfassade davor; alle gleich unambitioniert.“ (SZ 3.3.2026)

Auf dem Weg zum PETRI war ich froh, noch die Berliner Stadtbibliothek wiedererkannt zu haben. Und die Gertraudenstraße, ob man es anerkennt oder nicht, wird die große, in der Geschichte gewachsene Ost-West-Verbindung bleiben. Die Zeit der Fußwanderer und Kutschenfahrer ist vorbei!

Blick vom PETRI nach Osten
Blick auf das Ensemble Fischerinsel
Rushhour in der Gertraudenstraße

Zum Schluss aber ein Bild von ihm: Otto Nagel hat die Petristraße öfter gezeichnet oder gemalt. Aber die Petrikirche war nie dabei. Sie war ihm wohl zu hoch, zu mächtig für seine Vaterstadt Berlin.

Otto Nagel: Petristraße Ecke Rittergasse im Winter 1941. Der Blick geht hier von der Friedrichsgracht Richtung Petriplatz. Foto: Henschelverlag

(Axel Matthies)

vom: 06.03.2026