Ausstellung Jürgen Wittdorf: schwul sein im Kommunismus oder leben in der DDR?

Die aktuelle Ausstellung im Schloss Biesdorf mit Arbeiten von Jürgen Wittdorf, die in der Öffentlichkeit sehr gut ankommt, wird von westlichen Kunstkritikern häufig aufgeladen mit einer politischen Komponente – schwul sein im Kommunismus. Wer genauer hinguckt und sich des täglichen Lebens in der DDR erinnert, stellt schnell fest: Wittdorf war einer von 17 Millionen. Er hat gearbeitet, er hat Ziele gehabt, er wollte auch leben und er ist Kompromisse eingegangen. Nun regt er mit seinem Werk an, sich entscheidende Abschnitte in der Geschichte der DDR genauer anzuschauen.

Jürgen Wittdorf in seinem Berliner Arbeitszimmer

Jürgen Wittdorf, geboren 1932, stammt aus Karlsruhe. Die Familie zog bald nach Königsberg (Ostpreußen), weil der Vater dort Versicherungsdirektor geworden war. Ende 1944 begab sich die Familie auf die Flucht und landete im Erzgebirge; sicher auch, weil der Großvater Professor an der Dresdner Kunstgewerbeschule war. Neue Heimat wurde Stollberg, eine Kleinstadt zwischen Zwickau und Chemnitz. Hier absolviert Jürgen die 10. Klasse und belegt danach einen Zeichenkurs bei Walter Schurig. Er hatte schon als Kind viel und gut gezeichnet. Öfter fuhr er in die Dresdner Galerien, wo er sich zunächst für barocke Malerei interessierte. 1952 kann er an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig ein Studium aufnehmen, das er fünf Jahre später erfolgreich beendet. Er beginnt zu arbeiten, wird Mitglied des Verbandes Bildender Künstler und der SED.

Als Student in Leipzig ist Wittdorf oft im dortigen Zoo und zeichnet. Wir sehen von ihm vor allem große Tiere wie Elefanten und Flusspferde. Aus diesen Anfängen entsteht ein Auftrag des Kulturfonds: der Zyklus „Tiermütter und Kinder“, der in der Ausstellung ausgiebig gezeigt wird. Es sind viele gut beobachtete Szenen dabei, witzige und manchmal sogar erotische. Wittdorf erhält anschließend den Auftrag, die moderne Landwirtschaft in einem volkseigenen Gut zu beobachten: er sieht genau hin und zeichnet „Gepferchte Kälber“ und andere Szenen der Massentierhaltung. Im Gegenzug präsentiert er einen zufrieden grunzenden „Zuchteber“. Von Anfang an ist Jürgen Wittdorf den Motiven seiner Auftraggeber verbunden. Sie bestimmen sein Werk. Er will arbeiten und er will gut leben. Das ist seine Richtschnur.

Arbeiten aus dem volkseigenen Gut: links der „Zuchteber“

Zu Beginn der 1960er Jahre bekommt Wittdorfs Karriere starken Auftrieb. Auch dieser ist den Umständen der Zeit geschuldet. Nach dem Mauerbau setzt in der DDR eine Debatte ein, wie nun, endlich, mit dem Aufbau des Sozialismus Ernst gemacht werde. Das alte Argument, dass der Feind immer und überall und die Erhaltung der Staatsmacht das Allerwichtigste sei, zählt nicht mehr. Die Mauer war da – nun mussten Versprechen eingelöst werden. Die Gründergeneration der DDR, die um 1930 Geborenen, die in den 1950er Jahren studiert hatte, drängte nach vorn. Wichtige informelle Prozesse fanden vor allem im „FORUM“, der Studentenzeitung der FDJ, statt.

Erinnerung an das „FORUM“. Das Zweiwochenblatt wurde überraschend 1983 eingestellt

Kaderentscheidungen befördeten den Fortgang. Alexander Abusch wurde 1961 als Kulturminister von dem 34jährigen Hans Bentzien ersetzt. In seinem Buch „Die Osteutschen. Kunde von einem verlorenen Land“ beschreibt der Soziologe Wolfgang Engler diese Entwicklung: „Die energisch zupackenden Jungen fanden sich vielerorts, auf verschiedenen Ebenen, und sie fanden auch zusammen. Betriebs- und Fachdirektoren, die die Dreißig kaum überschritten hatten, waren zu Beginn der sechziger Jahre keine Seltenheit. Sie unterhielten enge Kontakte zu gleichaltrigen Ingenieuren, Städteplanern, Architekten, Kulturhausleitern, leitenden Redakteuren und Journalisten. Letzteren war es vornehmlich zu danken, dass der neue, unprätentiöse, sach- und erfolgsorientierte Stil dieser informellen Kreise Eingang in die umfassendere Öffentlichkeit fand.“

Die Emanzipationsbestrebungen artikulierten sich besonders im kulturellen Bereich. Allen voran der Spielfilm, dann Lyrik und Prosa, bildende Kunst und Musik, Dramatik und Theater erlebten in den frühen Sechzigern „eine bis dahin nicht gekannte und auch später in dieser Breite und Intensität nicht wieder erreichte Blüte“, wie Engler an anderer Stelle schreibt. Zur Erinnerung seien genannt: die Spielfilme „Der Fall Gleiwitz“ und „Der geteilte Himmel“ sowie der Auftakt der epochalen „Golzow“-Langzeitdokumentation. Im Lyrik-Bereich fanden öffentliche Lesungen vor hunderten jungen Leuten statt, aus denen Anthologien entstanden. Stephan Hermlin hatte diesen Prozess wesentlich angestoßen. Volker Braun, Wolf Biermann und die Kirsch’s waren hierfür Repräsentanten.

Anzeige für eine Lesung (Abb.: Wikipedia)

In der Prosa wurden Bücher wie „Ole Bienkopp“ von Erwin Strittmatter vorgelegt, ein Denkmal jener Jahre. Heiner Müller und Peter Hacks schrieben vieldiskutierte Theaterstücke. Als Walter Ulbricht in seiner Eigenschaft als 1. Sekretär des ZK der SED dem Chefredakteur der Studentenzeitschrift „FORUM“ Kurt Turba (34) den Vorschlag unterbreitete, sehr schnell die Leitung der Jugendkommission des Politbüros zu übernehmen und sofort ein Jugendkommuniqué zu schreiben und zu veröffentlichen, glich das bereits einer Palastrevolution gegen die Hardliner im Parteiapparat. Am Ende steht das, ansonsten öde, Jugendkommuniqué mit solchen Sätzen am 22.9.1963 im „Neuen Deutschland“:

  • Es geht nicht länger an, „unbequeme“ Fragen von Jugendlichen als lästig oder gar als Provokation abzutun, da durch solche Praktiken Jugendliche auf den Weg der Heuchelei abgedrängt werden.
  • Es muß ein für allemal Schluß damit gemacht werden, daß mancherorts Jugendliche durch bürokratisches Verhalten von Leitern und Erziehern, durch Unverständnis und Gängelei zum Opponieren verleitet werden.
  • Wir brauchen keine mit Thesen und Leitsätzen
    vollgestopften „Bücherwürmer“, sondern gebildete und vorwärtsdrängende Menschen, die sich nicht scheuen, mitten ins Leben zu greifen.

In diesem politischen und kulturellen Kraftfeld befindet sich Jürgen Wittdorf. In der bildenden Kunst gibt es Fortschritte in den Motiven und der Gestaltung allerdings zeitverzögert. Noch herrschen Ansichten von einem klassengebundenen Realismus, einer abzulehnenden künstlerischen Moderne und einer nötigen Reglementierung des Kunstbetriebs.

Zeitgeist: Rudolf Bergander, Das Argument. 1961

Dagegen stemmen sich Cremer, Sitte, Heisig und andere. Fritz Cremer etwa organisiert im Herbst 1961 die Ausstellung „Junge Künstler – Malerei“ und im darauf folgenden Frühjahr „Junge Künstler – Graphik und Plastik“ in der Akademie der Künste, die postwendend zu politischen Kontroversen führte. Otto Nagel, der sich für beide Ausstellungen als Präsident der Akademie der Künste stark gemacht hatte, wird als Präsident abberufen und auf den Stellvertreterposten geschoben. Wittdorf nimmt die Chance an, sich an der Auseinandersetzung zu beteiligen.

Nach seiner Tierepisode bezieht er sich nun auf Menschen; zuerst auf Kinder, die schwimmen lernen. Er erarbeitet sich viele Grundlagen, die er später in den Zyklus „Jugend und Sport“ fließen lässt. Wittdorf konzentriert sich zunächst auf die Darstellung von jungen Menschen. Junge Menschen, so das Bild der SED, lernen, studieren und arbeiten, um kühne Erbauer des Sozialismus zu werden. Wer anderen Lebensentwürfen folgte, war schnell ein Gammler oder Beatfan. Wittdorf sucht nach Allegorien, die die Jugendlichen in ihrer eigenen Welt, in ihrer eigenen Wahrnehmung zeigen. Er entdeckt den jungen Vater ohne Bart, das Liebespaar im Hauseingang oder das Motorrad mit der Sozia. Diese Bilder kommen an, sie werden aus den Zeitungen geschnitten und an die Wand gepinnt. Der Zyklus wird in der oben genannten Cremer-Ausstellung gezeigt. Ich erinnere mich noch gut, dass wir in der Schule über die Bilder sprachen und eine positive Resonanz zogen. Was an den Grafiken wichtig war – wir ahnten es meist nur -, ist die Pose bei Wittdorfs Leuten: wir nannten es damals lässig. Sie holten nicht weit aus, sie riefen nichts, sie standen einfach nur da und blickten aneinander vorbei. Mit dem Blick von heute: sie stehen da wie Models – cool. Mit dem Rückenwind des Jugendkommuniqués und dem bereits erarbeiteten Bekanntheitsgrad vor allem aus Buchillustrator wurde der Zyklus „Für die Jugend“ 10.000 Mal gedruckt und verkauft. Wittdorf war ein Star.

Zyklus „Für die Jugend“

1963 wird er mit der Erich-Weinert-Medaille ausgezeichnet, dem Kunstpreis der FDJ. Mit ihm prämiert werden Manfred Krug, Armin Müller-Stahl, Barbara Dittus und Christel Bodenstein. 1964 sind es dann Volker Braun, Heiner Müller, Jens Gerlach und Benno Pludra. Für sie alle begann in diesen Jahren ihre eigentliche Karriere. Doch bereits im Dezember 1965 ist alles vorbei: das 11. Plenum des ZK der SED zerschlägt alle Vorhaben und Pläne zur Modernisierung der DDR. Gunnar Decker hat diese historische Episode in seinem Buch „1965 – Der kurze Sommer der DDR“ präzise seziert.

Der FDJ-Zentralrat unterdessen lädt Jürgen Wittdorf ein, sich an der Arbeit der Ideologischen Kommission zu beteiligen und in deren Arbeitsgruppe Kultur mitzuwirken.

Einladung zur Mitarbeit in der Ideologischen Kommission

Wie lange eine Mitarbeit dort anhielt ist, nicht bekannt. Wittdorf blieb auf alle Fälle der kulturpolitischen Arbeit verbunden. Er leitete seit 1970 die Zentrale Galerie der Freundschaft, eine Ausstellung von prämierten künstlerischen Arbeiten – Zeichnungen, Bildern, Keramiken u.a. – von Kindern und Jugendlichen aus der ganzen DDR. Die Galerie wuchs aus Wettbewerben in den Kreisen und Bezirken hin zur Zentralen Ausstellung. Die fanden alle zwei Jahre statt und durften in Häusern wie dem Alten Museum in Berlin oder im Dresdner Albertinum präsentiert werden. Diese Arbeit hat Wittdorf außerordentlich in Anspruch genommen. Im Schloss wird ein Foto präsentiert, das ihn bei der Eröffnung einer solchen Ausstellung an der Seite der damaligen Spitzenfunktionäre Margot Honecker, Eberhard Aurich und Helga Labs zeigt.

Zuvor, von 1967 bis 1969, hatte der junge Künstler ein Meisterstudium bei Lea Grundig absolviert. Anschließend zog Wittdorf nach Berlin. Er hatte nun ein gesichertes Einkommen, er konnte gut leben und sich ein ausgefülltes Privatleben leisten. Er begann Kunst und Antiquitäten zu sammeln. Wittdorf wird als Genußmensch erinnert.

Der Künstler kann nun in den verbleibenden zwanzig Jahren der DDR in Ruhe und Sicherheit arbeiten. Was hat er daraus gemacht? Neben seiner Arbeit für die Zentrale Galerie übernimmt Wittdorf einen Zirkel im Haus der Jungen Talente, wo er zudem Abteilungsleiter wird, und bald darauf einen weiteren Zirkel im Haus des Lehrers am Alexanderplatz. Von den Weltfestspielen 1973 fertigt er Kohlezeichnungen mit langhaarigen Jungs in Jeans und Mädchen in Miniröcken, dazu den NVA-Soldaten inmitten junger Rocker. Diesmal erscheinen diese Zeichnungen gedruckt zwei Jahre später. In den 1980er Jahren bekommt er dann Kontakt zur Volkspolizei und übernimmt auch dort einen Zirkel. Er erhält zudem den Großauftrag, in einer VP-Kantine am damaligen Kotikow-Platz (Petersburger Platz) in Friedrichshain, seiner unmittelbaren Heimat, eine Wand mit Keramiken zu gestalten. Mit Keramik wurde Wittdorf durch die Zentralen Galerien der Freundschaft bekannt. Es gefiel ihm, den Teller als Malgrund zu nutzen. Er fertigte für die Kantine etwa 100 Teller an. Leider wurden die Arbeiten nach der Wende zerstört. Auch für das Sportforum Hohenschönhausen schuf der Künstler Keramiken.

Ein anderer Teller: das Sommerhaus in Carwitz.
(Foto: Sammlung Jürgen Wittdorf)

In den 1980er Jahren wandte Jürgen Wittdorf sich wieder verstärkt Porträts und Stilleben zu – Genres, die er in jungen Jahren ausgiebig bedient hatte.

Porträts

Seinem Werk in den späteren Jahren der DDR fehlt indes der Glanz. Ganz offensichtlich, so mein Eindruck, sind ihm nicht mehr die großen Würfe gelungen. Er findet kaum eigene, gesellschaftlich relevante Themen, sondern lässt sich aus der Umgebung seiner Zirkelarbeit inspirieren. Seine kulturorganisatorische Arbeit bestimmt ihn. So bleibt ein Fazit zwiespältig, aber doch positiv: Nirgendwo läuft der Künstler, so der Kritiker Volkmar Draeger abschließend, der staatlichen Linie direkt zuwider und porträtiert doch auf seine eigene Weise, wie sich die Jugend in der DDR verhielt. Zu Recht gelte Jürgen Wittdorf deshalb als – vielleicht unabsichtlicher – Chronist des jungen Lebens im untergegangenen Sozialismus.

Dass Jürgen Wittdorf schwul war, ist zu DDR-Zeiten weniger aufregend als es heute dargestellt wird. 1968 strukturierte die DDR ihr Strafgesetz um, der §175 Strafgesetzbuch fiel weg – in der Bundesrepublik blieb er. Natürlich gab es deshalb in der DDR keinen Schwulen-Hype. Die Männer blieben unter sich und verzichteten auf Auffälligkeit. Dennoch entwickelte sich ab den 1970er Jahren, auch unter dem Einfluss der Schlussakte von Helsinki, ein aufgeklärteres Verhältnis zur Homosexualität. Die Akzeptanz nahm zu. Ostberlin wurde ein Zentrum für schwule Männer. Wer konnte, zog hierher. Dort, wo die Szene lebte, waren auch die Männer – im Prenzlauer Berg, in Friedrichshain, in Mitte. Kneipen und Treffpunkte gab es nicht nur dort, sondern sogar in den vornehmen Rathaus-Passagen. In den 1980er Jahren zog das Thema Homosexualität auch stärker in die gesellschaftlichen Diskurse. Die Zeitschrift „Deine Gesundheit“ spielte dabei eine Vorreiterrolle, auch der „Sonntag“ und das „Magazin“ diskutierten. Schon vor dem Film „Coming out“ erschien das Buch „Homosexualität. Herausforderung an Wissen und Toleranz“ von Professor Reiner Werner. Und es kommt 1990 zu der Konstellation, dass schwule Männer aus der DDR um ihre Freiheit fürchten müssen:

Artikel in der Frankfurter Rundschau

Der §175 Strafgesetzbuch wurde in der Bundesrepublik Deutschland erst im Jahre 1994 getilgt.

Mit dem Ende der DDR fällt Jürgen Wittdorf in ein sehr tiefes Loch. Alle seine Beschäftigungsverträge werden 1990 gekündigt. Er ist 58 Jahre alt und steht vor dem Nichts. Er, der von seiner sexuellen Orientierung nie Aufhebens gemacht hatte, ist auf sich selbst zurück geworfen und beginnt zu grübeln. Seine Homosexualität gestand er sich erst mit fast 30 Jahren ein, eigentlich wollte er nicht schwul sein. Mit seinen vielen Zeichnungen zu den Zyklen „Jugend“ und „Jugend und Sport“, so erinnert er sich später, habe er sein inneres Outing sublimiert. Vielleicht kommt daher die große Klasse dieser Arbeiten.

Im Alter findet der Künstler nun Halt bei Freunden, er zeichnet konsequent aus schwuler Perspektive, kokettiert mit Tom of Finland oder besucht Body-Building-Wettbewerbe, um dort zu zeichnen. Er sucht Kontakt zum Schwulen Museum und kehrt zurück in die Öffentlichkeit mit Ausstellungen dort und in Lichtenberger Galerien. Am Ende wird Jürgen Wittdorf dement, aber herzlicher. Er weiß, dass er als Künstler wieder anerkannt ist. Er setzt kein Testament auf. Die Bilder, die seine große Wohnung in der Kreutzigerstraße geschmückt hatten, landen nach seinem Tod im Jahr 2018 in einer Nachlassversteigerung. Der ehemalige Zeichenschüler Jan Linkersdorff kauft mit Unterstützung der Studio Galerie Berlin das Werk von Jürgen Wittdorf auf und stellt es der Öffentlichkeit zur Verfügung. Auch der Privatsammler Boris Kollek erwirbt eine Reihe von Arbeiten. Nun ist im Schloss Biesdorf die größte Wittdorf-Ausstellung anläßlich seines 90. Geburtstages zu sehen. Ein Besuch bis zur Finissage am 10. Februar 2023 ist sehr zu empfehlen.

Hin und wieder wird die Frage gestellt, von wem Wittdorf für seine nackten Körper inspiriert wurde. Bei meinen Recherchen bin ich auf einen sowjetischen Künstler gestoßen, den er gekannt haben wird. Jürgen Wittdorf war seit 1962 mehrere Male in der Sowjetunion. Bilder von Künstlern aus der Sowjetunion waren damals in Zeitschriften, Drucken und Büchern immer zu sehen. Der Mann heißt Alexander Deineka. Er hatte in den Jahren vor dem 2. Weltkrieg und danach eine Phase, in dener er junge Männer malte.

Alexander Deineka, Nach dem Wettkampf. 1937

Alexander Deineka, Brigade im Urlaub. O.J.

Von den vielen Rezensionen, die zur Ausstellung erschienen sind, gefiel mir die von Gustav Seibt in der „Süddeutschen“ am besten. Seibt schreibt dort: „Zu den etwas traumhaft anmutenden Aspekten der Kunstgeschichte der DDR gehört es, dass dort Zeichenkurse für Volkspolizisten angeboten wurden. Oder, dass Organisationen und Betriebe einzelne Künstler ‚adoptierten‘, denen sie Aufträge gaben und Werke abnahmen und so zu ihrem Lebensunterhalt beitrugen. Die dahinterstehende Idee war, die Kunst, das einst den herrschenden Klassen vorbehaltene Schöne, in die Lebens- und Arbeitswelt der Massen zu tragen. Aus Hofkünstlern wurden Betriebskünstler. Wenn man darüber nachdenkt, ist das alles andere als lächerlich.“

Zum Schluss eine Tusche-Zeichnung, die ich erst sehr spät entdeckt habe: das ist ganz offensichtlich Tadzio aus dem legendären Visconti-Film „Tod in Venedig“.

Ohne Titel. 1974

(Axel Matthies)

vom: 19.11.2022