Große Retrospektive für Ronald Paris in Biesdorf

Seit dem 14. Juni ist im Schloss Biesdorf die Ausstellung „Bilder vom Sein – Arbeiten aus sechs Jahrzehnten“ von Ronald Paris zu sehen. Sie dauert bis zum 14. August und umfasst Gemälde und Zeichnungen, Grafiken und Collagen. Die Ausstellung ist eine Antwort auf die plötzliche Absage der geplanten Exposition mit Porträts von Otto Nagel, die seit 21. Mai hier im Schloss das zentrale Ereignis innerhalb des Otto-Nagel-Jahres bilden sollte. „Die Ausstellung soll sobald wie möglich, vielleicht schon im nächsten Jahr realisiert werden“, so die jüngste Aussage der Kulturstadträtin Witt (LINKE). Um so höher ist das Engagement des Galerie-Teams um Karin Scheel zu schätzen, Leerzeit zu vermeiden und die für Herbst geplante Paris-Ausstellung vor zu ziehen. Die Kuratorin Gerlinde Förster hat aus dem Schaffen des Malers etwa 50 Werke ausgewählt, die sich in dessem eigenen Besitz befinden.

Kämpferisch wie immer: Ronald Paris coronagerecht bei der Ausstellungseröffnung

Ronald Paris (*1933) gehört zu den herausragenden Malern und Grafikern seiner Generation. Die retrospektiv angelegte Ausstellung zeigt in einem kontrastreichen räumlichen Gegenüber Malerei und Zeichnungen, die beispielhaft für das Lebenswerk des Künstlers stehen.

Paris sucht das Erlebnis der Landschaft, die menschliche Gestalt, und er braucht die damit verbundene Geschichte. Das Verlangen, den Menschen in seiner sozialen Wesenheit zu begreifen, hinter die Gründe und Abgründe seines Tuns zu kommen, ist die eigentliche Triebkraft seiner Bildwelt.

Er greift auf antike Gestalten und Mythen zurück, ist von den Dramen Shakespeares bis zur Dichtung Volker Brauns inspiriert und nimmt dieses Material auf für seine künstlerischen Deutungen.

Eine wichtige Facette seines Werks sind die Porträts, sie sind der verdichtete Ausdruck seiner realistischen Kunst. Einer der Porträtierten ist Otto Nagel. Noch heute ist die für Paris prägende Zeit an der Akademie der Künste als sein Meisterschüler bei ihm wach. Andere Zeichnungen wie die von Ernst Busch, Hanns Eisler, Heiner Müller, Harry Kupfer und Inge Keller verweisen auf Paris‘ große Nähe zum Theater.

Paris‘ Bedürfnis ist es bis heute, sich künstlerisch einzumischen. Durch viele seiner künstlerischen Deutungen fordert er polemisch-trotzig einen Dialog heraus.

So weit die Vorankündigung zur Ausstellung. Aber wie wirkt sie auf den Betrachter in der persönlichen Reflexion?

Blut und Tränen

Für mich erst einmal als Schau mit Blut und Tränen. Menschen sind in Bedrängnis, werden vertrieben, gequält oder getötet. Viele antike Figuren werden aufgerufen, von denen nur der Griechisch- oder Lateinschüler Kenntnis hat; uns ahnt nur, was sich da tat. Dennoch prägt man sich Namen ein und blättert nach. Über Marsyas heißt es: „Apollon hat dem Marsyas, nachdem er ihn im Wettstreit besiegte, die Haut abgezogen und sie in der Quellgrotte aufgehängt. Darum heißt der Fluss Marsyas.“ Diese Bilder sind in extrem expressionistischer Form in erdigen Farben – grün-braun – mit häufig aktzentuiertem Rot ausgeführt. Sie sind wuchtig und leidenschaftlich, drücken das aus, was der Maler als häufigste Argumente benutzt: Willkür und Gewalt.

Die Schändung des Marsyas (nach einer Novelle von Franz Fühmann), 1994

Und Paris hält die Erinnerung wach: Oscar Romero, der Erzbischof von San Salvador , – wer erinnert sich noch an ihn? – wird im März 1980 während einer von ihm zelebrierten Messe mitten in einer katholischen Kathedrale erschossen. Romero war ein hoch angesehener Vertreter der Befreiungstheologie; sein Tod löste heftige soziale Kämpfe in El Salvador aus. Paris denkt an ihn und damit an viele andere, die wir vergessen haben. Das Gemälde hält nicht den Schrecken und die Angst fest sondern das stille Momentum des Todes.

Oscar Romero, 1981

Neben den antiken Figuren beruft sich Paris auf Heiner Müller, Franz Fühmann und Volker Braun, Namen, die in der modernen deutschen Literatur herausragende Bedeutung haben und die, wie Franz Fühmann, sich mit dem Thema „Dichtung und Doktrin“ auseinander setzten – einem Thema, dem Paris mit seinem Werk ähnlich eng verbunden ist. Die Ausstellung heißt ganz bewußt: „Bilder vom Sein“. Und Paris fügt hinzu: „Alle Verhältnisse sind nur Verhältnisse. Sie sind von Menschen gemacht und können von Menschen verändert werden.“ Wer so spricht, hat sich mit der materialistischen Geschichtsauffassung befasst. Er weiß, wovon er malt.

Heiner Müller, Bleistift 1988


Widerspruchsvolle Lehrjahre

Wie ist der Maler Ronald Paris eigentlich geworden? Ich habe keine gerichtete Erinnerung, könnte nur sagen, dass Paris immer dabei war. Aber er nahm in der DDR eine langwierige Lehrzeit in Kauf. Nach dem Studium der Wandmalerei an der Kunsthochschule in Weißensee zwischen 1953 und 1958, wofür er das heute legendäre ABF-Abitur nachholen musste und wo er unter anderen bei Robbel, Mohr, Mucchi und Heller lernte, wollte er schnell praktische Ergebnisse vorweisen. Mit einem Stipendium des Magistrats von Berlin ging der junge Paris in die LPG Berlin-Wartenberg, um nach den Maßstäben des Bitterfelder Weges im Sommer 1960 die Genossenschaftsbauern zu begleiten. Die vorgelegten Arbeiten, die nach bestem Wissen den neuen Charkter der Landarbeit als frei von Privateigentum und Junkertum zeigten, wurden als „Verzerrung der Wirklichkeit“ charakterisiert und sowohl in „Junge Kunst“ als auch der FDJ-Studentenzeitschrift „forum“ fundamental kritisiert. Die Kritik richtete sich vor allem auf die nicht gezeigte neue Landmaschinentechnik, die „Kombines“. Hermann Raum vergleicht in seinem Standardwerk „Bildende Kunst in der DDR“ SED-Kulturpolitik und die Dogmen der monolithischen Kirchen mit dem Bild, dass „stets die überzeugtesten und fähigsten Anhänger“ am borniertesten attackiert worden wären.

Damit hatte Ronald Paris erst mal seinen Stempel bekommen. Um so höher ist die 1963 folgende Meisterschülerschaft bei Otto Nagel in der Akademie der Künste zu werten, die ihn und seinen Weg stärkte. Parallel war Paris in den Theatern Berlins zu Haus, insbesondere in der Volksbühne bei Besson und im Berliner Ensemble. Paris schuf dort Szenen und Ausstattungen. Diese Zeit bestritt er mit seiner damaligen Frau Helga Paris, die sich erste Sporen als Theaterfotografin verdiente. Dort begann auch die Bekanntschaft mit Wolf Biermann, der sich um die Gründung des Berliner Arbeitertheaters b.a.t. verdient gemacht hatte. 1969 reüssiert Ronald Paris erstmals in großem Stile mit dem Wandgemälde „Lob des Kommunismus“ im Saal des damaligen Hauses der Statistik. Es wurde mit der Stillegung des Hauses abgenommen und hängt heute im DDR-Museum. Diese hochinteressante Geschichte können Sie hier nachlesen.

Lob des Kommunismus, 1969


1975 folgt dann ein Schnitt: Ronald Paris verläßt Berlin und geht gemeinsam mit Isolde Hanke, seiner neuen Lebensgefährtin, nach Rostock-Lichtenhagen, um die dortigen Neubauviertel künstlerisch zu gestalten. 1976 erhält er den Nationalpreis. Er schafft noch große Wandbilder für das Neue Gewandhaus in Leipzig und das damalige Kulturhaus Schwedt, die heutigen Uckermärkischen Bühnen. 1985 kehrt er nach Berlin zurück und führt den Berliner Bezirksverband der Bildenden Künstler bis 1991. Was aus heutiger Perspektive überrascht: Ronald Paris wurde nicht zum Mitglied der Akademie der Künste der DDR ernannt.

Ruhe und Schönheit

Die politische Wende in der DDR und der Beitritt zur Bundesrepublik Deutschland mögen den Maler sehr geschmerzt haben. Wie so viele andere Künstler aber stimuliert die Entlassung aus der staatlichen Vormundschaft Paris zu neuen Themen und neuer Schaffenskraft. Ronald Paris reist viel, entdeckt seine Liebe zu den südlichen Ländern Europas, zu den Ländern, in denen seine mythischen Themen einst aufgerufen wurden. Frankreich kommt hinzu und Nordeuropa, insbesondere dessen Küsten. Er malt Landschaften und Stilleben, entdeckt Ruhe und Schönheit. Er kramt für die Ausstellung auch alte Hüte aus, die aber bereits Ikonen seines Künstlertums sind.

Stilleben vor nächtlicher Straße (Das graurotgrüne Vorstadtlied), 1957

Man steht atemlos vor dem Bild „Hotel Lux“ aus dem Jahre 1964 – und sieht nichts… Das Hotel ist ein Phantom. Vielleicht die beste Lösung, die ein sozialistischer Maler damals finden konnte.

Die Landschaften, die er gemalt hat, verströmen Ruhe und Anschaulichkeit, sie sind frei von Anstrengungen und Kämpfen. Auch das gehört zu seiner Kunst.

Vor dem Zeesbootrennen, 2006


Zu den Legendenbildungen im Umfeld der Besprechungen dieser Ausstellung gehört die Behauptung einer Freundschaft zwischen Paris und Biermann. Sicherlich gibt es frühe Begegnungen in den 1960er Jahren innerhalb der Berliner Theaterszene. Fakt ist, dass Paris Illustrationen zu Biermanns Gedichtband „Drahtharfe“, dem am meisten verkauften Lyrikband, fertigte. Aber spätestens 1968 schieden sich die Geister, als beide die Ereignisse in der CSSR höchst unterschiedlich interpretierten. Dennoch schuf Ronald Paris das Porträt für den Ehrenbürger von Berlin des Jahres 2007. Biermann saß zwei Tage Modell. Am Tag der Verleihung ätzte dieser wie gewohnt – auch gegen den Maler.

Ehrenbürger Wolf Biermann im Abgeordnetenhaus von Berlin

Ganz am Ende ein kleiner Film aus dem Jahre 2012: Ronald Paris im Gespräch mit Karlen Vesper zum gemeinsamen Buch: „Wahr und wahrhaftig“.

Die Ausstellung ist höchst empfehlenswert, auch die sie begleitende Publikation.

Öffnungszeiten:

täglich von 10 – 18 Uhr
Freitag 12 – 21 Uhr
Dienstag geschlossen

Das Tragen einer Mund-Nasen-Maske ist erforderlich.

www.schlossbiesdorf.de

(Axel Matthies)

vom: 23.06.2020