KLASSE DAMEN – Klasse-Ausstellung im Schloss Biesdorf


Seit dem 17. Juni schmückt sich die kommunale Galerie Schloss Biesdorf mit der Ausstellung „KLASSE DAMEN!“. Sie läuft bis zum 13. Oktober und hat alle Aussichten, die inhaltlich komplexeste und besucherreichste Exposition in der neuesten Geschichte des Schlosses zu werden. 

Ab März 1919 durften Frauen an der Königlichen Kunstakademie in Berlin studieren. Bis dahin waren sie auf Privatlehrer und „Damenklassen“ angewiesen, professionelle Wertschätzung blieb ihnen meist verwehrt, so die Ausstellungsmacherinnen. In der Ausstellung werden den Werken von Berliner Bildhauerinnen und Malerinnen der ersten Generation Positionen zeitgenössischer Künstlerinnen gegenüber gestellt. Sie erarbeiteten orts-und ausstellungsbezogene Werke: Rauminstallationen, Film und Video, Cut outs, Collagen, Malerei und Performance – eröffnen so einen visuellen Dialog mit den Künstlerinnen von damals und schüfen einen Denkraum, der die Fragen, die damals wie heute drängend seien, neu verhandele.

Außergewöhnliche Vernissage

Beeindruckend zur Vernissage, so Augenzeugen, sei die einführende Performance der Mitkuratorin Ellen Kobe „Wärest Du…“ gewesen, die sich als Enkelin der Künstlerin Lotte Laserstein verstand und den gesellschaftlichen Raum, in dem Kunst damals und heute entstand, produktiv vermaß. Der Andrang zur Vernissage war so groß, dass viele interessierte Besucherinnen und Besucher den Auftritt Kobes im Heino-Schmieden-Saal, der wie immer seit der Wiedereröffnung vor fast drei Jahren nicht klimatisiert war, an den Türen verfolgen mussten. Das Bezirksamt mit seinen technischen Ressourcen steht endgültig in der Pflicht, diesen unmöglichen Zustand zu beenden. Der Heino-Schmieden-Saal ist kein Tropensaal. Dass er überfüllt war, ist gut, und spricht von Anbeginn für die Ausstellung. Die Performance von Frau Kobe steht in digitaler Form leider nicht zur Verfügung.


Vollbesetzter Heino-Schmieden-Saal bei der Vernissage mit Ellen Kobe

Ungewohnte Salonatmosphäre

Beim Betreten der Schloss-Galerie ist man dieses Mal auf das Angenehmste berührt: nicht hin gestapelte Installationen, keine herabhängenden Gegenstände, keine bunten Plastikförmchen bestimmen das Auge – nein, Kunstwerke, die von Hand und Kopf gebildet wurden, begrüßen die Besucher. Gemälde, Grafiken und Figuren  versetzen den Gast in die Atmosphäre eines spätbürgerlichen Salons. Sie repräsentieren verschiedene Strömungen der klassischen Moderne. Hierfür sorgen Leihgaben aus dem Bröhan-Museum, dem Georg Kolbe Museum, dem Kunstarchiv Beeskow, der Galerie Die Möwe Berlin, der Berlinischen Galerie und anderen Institutionen. Gemälde, Figuren und Zeichnungen von Gertrud Spitta, Julie Wolfthorn, Marg Moll, Hannah Höch oder Doramaria Purschian grüßen von den Wänden und Podesten und versetzen die Besucher in Vorfreude. Die beiden Kuratorinnen sind Ines Doleschal und Ellen Kobe; Unterstützung gewährte Karin Scheel.

Julie Wolfthorn, Portrait Käthe Parsenow. 1910

Für uns interessant: ein Ölgemälde von Gertrud Spitta zeigt die Fischerbrücke in Alt-Berlin im Winter. Die Brücke gibt es so heute nicht mehr; sie war ein Teil des Mühlendamms, dem damals wichtigsten Hafengelände Alt-Berlins. Interessant deshalb, weil diese Brücke in unmittelbarer Nachbarschaft des Fischerkiezes liegt, wo Otto Nagel bis 1944 die Häuser, Straßen und Plätze für die Nachwelt insbesondere in Pastellen festhielt. Sie gehören heute zum künstlerischen Gedächtnis des historischen Berlin.

Gertrud Spitta, Fischerbrücke Berlin. Um 1910

Auch die kleinen Figuren von Marg Moll erzwingen Beachtung, sie wirken trotz ihrer kompakten Form feingliedrig. Molls leicht abstrakte Skulpturen haben zumeist den menschlichen Körper zum Thema. Dabei entwickelte sie eine kubistisch anmutende Formsprache, die eine feine Rhythmik im Spiel des als plastischen Gestaltungsmittel eingesetzten Lichtes entfaltet. Man möchte die Figuren berühren. Marg Moll wurde während des Nationalsozialismus verfolgt, ihre Skulpturen galten als „entartet“. Viele ihrer Werke gingen verloren. Vielleicht erinnert sich diese oder jener noch an einen spektakulären Kunstfund beim Bau der U5 am Roten Rathaus im Jahr 2010: ein als verschollen gegoltenes  Werk von Marg Moll war dabei.

Marg Moll, Stehende mit Krug

Doramaria Purschian

Die begleitenden Künstlerinnen-Karten, die es bei ZKR-Ausstellungen nie gab und die höchst informativ sind, regen zu weiteren Recherchen an. So heißt es auf der Karte zu Doramaria Purschian: „..regelmäßige Ausstellungsbeteiligungen bis in die 1960er Jahre und eine Reihe von Auszeichnungen folgten. Purschian starb 1972 unverheiratet und kinderlos. Danach geriet sie in Vergessenheit. Ihr Werk ist heute kaum wissenschaftlich erforscht.“ Diese Eischätzung hat mich neugierig gemacht. Man kann über Frau Purschian mühelos erfahren, dass sie einem wohlhabenden Haushalt entstammt. Ihr Vater Ernst Purschian war erfolgreich tätig im Heizungsanlagenbau und hat mit der Firma Emil Kelling wichtige technische Anlagen errichtet, so die Heizungs- und Lüftungsanlage des Theaters des Westens. Das ermöglichte ihr eine gediegene künstlerische Ausbildung. Ihr Werk bis in die 1920er Jahre ist gut dokumentiert.

Doramaria Purschian, Bäume im Herbst. 1920

Ab den 1930er Jahren, Purschian ist von Beginn an Mitglied der nationalsozialistisch ausgerichteten Reichskammer der bildenden Künste, verliert sich ihr Werk und Ausstellungen werden rarer. 1939 übernimmt sie die Familienfirma von ihrem Bruder Frank und betätigt sich als Unternehmerin. Ihr Name gelangt noch ein Mal in die Schlagzeilen, als sie Opfer eines brutalen Raubüberfalls in ihrer Villa in Berlin-Dahlem durch die damals berüchtigte Berliner Gladow-Bande wird. Die Zeitungen berichten im Frühjahr 1950 über ihren Auftritt als Zeugin. Der Überfall hat sie schwer gezeichnet; als Künstlerin hat sie nicht mehr gearbeitet. Dennoch erhält sie Preise und ist Bestandteil von Ausstellungen. Wissen über Doramaria Purschian ist zumindest in den Unterlagen des Vereins der Berliner Künstlerinnen 1867 e.V. vorhanden, der vor zwei Jahren seinen 150. Geburtstag mit einer großen Ausstellung beging. Ebenso verfügt die Akademie der Künste über Archivalien. Es befremdet ein wenig, dass Purschian unterschiedslos in einer Reihe mit Julie Wolfthorn oder Marg Moll präsentiert wird: erstere muss 80jährig im KZ Theresienstadt sterben, das Werk Molls wird von den Nazis als entartet eingestuft und als Staffage für den Propagandafilm „Venus vor Gericht“ benutzt. Eine Klarstellung wäre nützlich.

Feministischer Anspruch

Was die KLASSE DAMEN vereint ist die feministische Verve, mit der die Ausstellung öffentlichkeitswirksam begleitet wird, nicht übersehbar. Die Ausstellung soll „als Beitrag zu einem gesellschaftspolitischen Diskurs und als Anstoß für eine öffentlichkeitswirksame Reflexion“ dienen; ferner „erörtern wir alle Implikationen, die sich für die Frauen damals ergaben und bis heute ergeben – von familiären Brüchen, Kinderlosigkeit und Armut über Diffamierung, Vorurteilen und Ächtung bis zu den ‚modernen‘ Problematiken wie einer strukturellen Diskriminierung im Kunstbetrieb mit seinem immer noch grassierenden gender pay und gender show gap“, so die Ausstellungsmacherinnen.

Es fällt nicht leicht, das ist meine persönliche Meinung, in den neueren Arbeiten ein besonderes magisches Moment zu entdecken, einen Impuls, stehen zu bleiben und zu schauen. Möglicherweise sind die Arbeiten zu sehr damit beschäftigt, Ausstellungspraxis, Förderstrukturen und das Wertesystem des heutigen Kunstbetriebs zu hinterfragen.

Mindestens eine Überraschung gibt es dennoch. Provokant und meist abstoßend wirkt auf viele Besucherinnen die Videoinstallation von Else Gabriel „Kind als Pinsel“.

Else Gabriel, Kind als Pinsel. 2007

Else Gabriel

Eine Frau schwenkt ein Mädchen mit langen offenen Haaren wie ein Scheuertuch über den Zimmerboden, dessen Haarsträhnen die erwünschten Farbspuren auf dem Boden hinterlassen. Was im ersten Augenblick wie eine „durchgeknallte“ Idee wirkt, erweist sich bei hinreichendem Nachdenken als scharfsinnige Allegorie auf die Lebensumstände einer alleinerziehenden Künstlerin. Nach einer aktuellen Studie des Instituts für Strategieentwicklung ISFE verdienen in Deutschland bildende Künstler durchschnittlich etwa 11.600 Euro, Künstlerinnen nur knapp 8.400 Euro im Jahr. Die Hälfte der Befragten bleibt dabei jedoch unter 5000 Euro. Davon kann niemand leben, zumal nicht in einer Stadt wie Berlin. „Für 80 Prozent ist ihre künstlerische Arbeit ein Verlustgeschäft“, heißt es in der Studie. In der Szene können nur 13 Prozent der Männer und nur 8 Prozent der Frauen ihr Jahreseinkommen aus der Kunst bestreiten. Die Allegorie von Gabriel kann so interpretiert werden, dass Kinder, die in prekären Künstlerhaushalten leben, selbst zum Pinsel, zum Produktionsmittel werden. Sie sind untrennbarer Bestandteil der Kunstproduktion – ungewollt  ausgenutzt und verschwendet…

Else Gabriel hat heute eine Professur der Bildhauerei an der Kunsthochschule Berlin Weißensee inne. Sie stellte im Museum Barberini zur Schau „Hinter der Maske. Künstler in der DDR“ aus. Gabriel äußert immer wieder interessante Ansichten über Kunstproduktion, Auftragskunst und Kunstmarkt, so dass wir Ihnen diese mit einem Link zugänglich machen wollen.  

Soweit unser kurzer Beitrag zu einem gesellschaftspolitischen Diskurs und einer öffentlichkeitswirksamen Reflexion. Worauf wir, im Bewusstsein streng formuliert zu haben, unbedingt hinweisen möchten: es gibt natürlich unheimlich viel zu entdecken. Jede Karte ist ein Wegweiser in eine eigenständige Kunstlandschaft. Gehen Sie diese Wege!

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Am Schluss möchten wir noch auf vier Ausstellungen verweisen, die KLASSE DAMEN inhaltlich ergänzen, die Vergleiche und Analysen in die Tiefe ermöglichen.

Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist Gruppe-XI-Bröhan-1024x1024.jpg

Das Bröhan-Museum zeigt die erste avantgardistische Künstlergruppe im deutschsprachigen Raum. Die Ausstellung „Skandal! Mythos! Moderne! Die Vereinigung der XI in Berlin“ präsentiert anhand von mehr als 100 Exponaten erstmals die Geschichte dieser richtungweisenden Berliner Künstlerorganisation. Darin dominieren fortschrittliche Stilrichtungen wie Impressionismus und Symbolismus, die im kaiserzeitlichen Berlin sonst kaum einen Ort haben. Künstler wie Max Liebermann, Walter Leistikow und Ludwig von Hofmann erleben ihren künstlerischen Durchbruch.

Die alten Berliner Meister Max Liebermann und Lesser Ury kann man noch intensiver in der Wannsee-Villa besichtigen. Der Fokus liegt dabei auf den Berliner Großstadtbildern der beiden Maler. Die Gegenüberstellung ist auch deshalb so lohnenswert, weil beide eine jeweils spezifische Sicht auf ihr Berlin haben. Malt Liebermann mit Vorliebe das Grün, immer wieder den Tiergarten und die Berliner Parks, ist Ury mehr an der modernen Großstadt interessiert, setzt Nachtszenen mit Autoverkehr, Straßenbeleuchtung und typische Gebäude Berlins ins Bild.

Schließlich: Die Berlinische Galerie steht mit zwei weiteren Schauen ganz auf ihrem Platz als Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur. Lotte Laserstein, „Von Angesicht zu Angesicht“, wird als sanft-gefühlvolle Chronistin der 1920er und 30er Jahre gezeigt. Großzügige Spenden von Mitgliedern des Fördervereins haben es ermöglicht, die Ausstellung durch besondere Werke und Dokumente von Lotte Laserstein aus der Exil-Zeit in Schweden zu ergänzen. Begleitet wird Laserstein von „Gesichter der zwanziger Jahre“ – Porträts und Selbstbildnisse von Künstler*innen, die zur gleichen Zeit wie Laserstein in Berlin lebten und arbeiteten. Die Maler*innen porträtierten ihre Kinder, Künstlerkolleg*innen, ihre Geliebten oder sich selbst in Situationen privater Vertrautheit.

Lotte Laserstein, Liegendes Mädchen auf Blau. Um 1911

(Axel Matthies)

vom: 14.07.2019