Stückrath las Nagel

Einer der ersten Höhepunkte im langen Otto-Nagel-Jahr bis zum Herbst 2020 war die Lesung aus dessen Roman „Die weiße Taube oder Das nasse Dreieck“ durch den Berliner Schauspieler Lutz Stückrath. Die Sprachwissenschaftlerin Frau Dr. Wehinger gab eine Einführung in das Buch, das im Weddinger Verlag Walter Frey erschienen ist.

Nagels einziger Roman ist eine riesige Fundgrube an MATERIAL, wie Heiner Müller in solchen Fällen zu sagen pflegte, er liest sich allerdings recht sperrig. Die Handlungsstränge sind linear, aber sehr detailliert ausgeführt. Lutz Stückrath hat sich durch den Stoff gewühlt und eine dramaturgische Linie gefunden. Diese Menschen, die Nagel hier nahezu minutiös beschreibt, hat er auch so gemalt: ohne Anklage und Gejammer, dafür gnadenlos realistisch und mitleidslos im Detail. Und ohne Erlösung am Horizont.

So könnte „Das nasse Dreieck“ ausgesehen haben


Der Roman handelt davon, wie der Arbeiter Wilhelm Thiele vom Wedding in den Jahren der Weltwirtschaftskrise arbeitslos wird und sich neu finden muss. Thiele hielt sich stets für unkündbar, nun plötzlich hat es auch ihn erwischt: er meldet sich allerdings nicht beim Amt, sondern will sich eine eigene Existenz aufbauen und arbeitet dafür schwarz. Prompt wird er von dem Mann erwischt, bei dem er sich hätte arbeitslos melden sollen. Nun wird ihm seine Wohnung gekündigt, er schläft in seiner Werkstatt und muss auch diese räumen – denn Stütze bekommt er nicht mehr. Zum ersten Mal übernachtet er auf dem Dachboden und muss betteln gehen. Sein Lebensmittelpunkt wird die Kneipe „Die weiße Taube“, die für hundert Menschen wie für ihn einziger Halt ist. Die Chefin Muttchen hält über alle ihre schützende Hand; freilich nicht ohne dabei selbst Kasse zu machen.

Man kann die „Weiße Taube“ oder das „nasse Dreieck“ als riesige soziologische Studie der Berliner Arbeiterklasse lesen, kaum vergleichbar mit ähnlicher Literatur; auch nicht mit „Berlin Alexanderplatz“ von Alfred Döblin. Obgleich es heute Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit genauso gibt – das war einzigartig! Auch das ist die Weimarer Republik, auch das sind die „goldenen zwanziger Jahre“! Durchaus auf seine Art vergleichbar mit dem soziographischen Klassiker aus Österreich „Die Arbeitslosen von Marienthal“ aus dem Jahre 1932.

Bei Nagel geht Betteln so: „Wenn man’t eenmal jemacht hat, is’t jar nich mehr so schlimm, speter wird’t janz selbstverständlich.“ Und bei seine erste Betteltour hat Thiele jleich ordentlich Glick: „..87 Pfennige, einige Paar Stullen und ein altes Hemd geerbt.“ Gute Stullen konnte er für 15 Pfennige weiter verkaufen, weniger gehaltvolle für 10 Pfennige, aber von diesen ersten Bettelgroschen gibt er seinen Kameraden erstmal ein Bier aus.

Lutz Stückrath liest seinen Text eine Stunde lang im Stehen. Dem geborenen Berliner aus Friedrichshain geht der Dialekt locker von der Zunge. Doch der Text geht ihm unter die Haut. Das spüren die Zuhörer. Er findet einen versöhnlichen Schluss. Thiele träumt seiner neuen Ische Minna diese Zukunft vor: „Wir mieten uns dann Stube und Küche, und ich kaufe dir einen weißen Küchenschrank. Und wenn ich morjens nach Arbeit jehe, dann winkst du mir vom Fenster nach, – und wenn ich abends komme, – hast du alles schön sauber jemacht, und das Essen steht auf dem Tisch. Minneken, wenn ich mir das vorstelle — das wird ein Leben!!!“

Der Lesung folgte warmer anhaltender Beifall. Die Zuhörer spürten den besonderen Augenblick. „Das war das perfekte Hörbuch!“, meinte ein Zuhörer.

Nagels Roman wurde, manche werden sich daran erinnern, vom Fernsehen der DDR unter dem Titel „Es geht einer vor die Hunde“ verfilmt und im Jahre 1983 uraufgeführt. Die Hauptrollen spielten Peter Reusse und Jenny Gröllmann; als Otto Nagel, dessen Figur hinzugefügt wurde, trat Martin Trettau auf.

Peter Reusse (vorn) und Martin Trettau
Foto: Fernsehen der DDR

Unter der Regie von Hans Knötzsch waren auch Henry Hübchen, Kurt Böwe, Rolf Ludwig und Carmen-Maja Antoni dabei. Wir wollen versuchen, gemeinsam mit Mathias J. Blochwitz den Film im Stadtteilzentrum Biesdorf zur Aufführung zu bringen.

(Axel Matthies)

vom: 21.11.2019